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Türkische Gymnasien in Deutschland: Alle gegen Erdogan

Keiner will türkische Ghettos. Aber gegen zweisprachige Schulen mit hier ausgebildeten Lehrern spricht nichts. Von Joachim Frank, Yvonne Globert und Frauke Haß

Nicht bloß Türkisch für Anfänger.
Nicht bloß Türkisch für Anfänger.
Foto: dpa

Er hätte es eigentlich wissen müssen. Der türkische Ministerpräsident, Recep Tayyip Erdogan, macht sich erneut stark für türkische Gymnasien in Deutschland. Und wie 2008 beißt er auf Granit. Nicht zuletzt, weil niemand recht weiß, was er genau im Sinn hat: ein Gymnasium, das sich an den Lehrplänen seines Heimatlandes orientiert? Oder eine Schule, in der Türkisch zweite Fremdsprache ist und damit stärker betont wird? Reine Interpretationssache. Wieder mal.

"Ein rein türkisches Gymnasium wäre wohl einsprachig, mit Deutsch als einem Fach unter vielen. Eine solche Schule würde den Kindern möglicherweise nicht genügend schriftsprachliche Kompetenzen im Deutschen vermitteln", gibt die Kölner Sprachwissenschaftlerin Claudia Riehl zu bedenken. Sie plädiert für mehrsprachige Programme. Hervorragend sind laut Riehl Europaschulen, an denen in einzelnen Klassenzügen von Türkisch über Spanisch bis Russisch halb auf Deutsch und halb in der Fremdsprache unterrichtet wird. "Das ist effektiv, weil die Kinder so beide Sprachen beherrschen, und fördert die Integration, weil Kinder aus verschiedenen Herkunftsländern zusammen mit deutschen Kindern unterrichtet werden."

Ministerpräsident Erdogan hat für seinen Vorschlag einen Sturm der Entrüstung geerntet.
Ministerpräsident Erdogan hat für seinen Vorschlag einen Sturm der Entrüstung geerntet.
Foto: dpa

Ein rein türkisches Gymnasium dagegen "isoliere die Kinder", sagt sie. "Wir brauchen keine Ghettoschulen." Obendrein sei es fraglich, ob Türken, die den interaktiven deutschen Unterricht gewohnt seien, mit dem eher auf Frontalunterricht angelegten Unterrichtsstil der Lehrer aus der Türkei klarkämen, sagt Riehl.

Als Vorbild jedenfalls taugt vielen das türkische Bildungssystem nicht: "Die Schulen reformieren sich nur sehr langsam", sagt die Koordinatorin für Sprachförderung beim Berliner Bildungssenat, Barbara John. Erdogan gehe davon aus, dass Kinder mit türkischen Wurzeln Deutsch als Zweitsprache nur dann gut lernen könnten, wenn sie zunächst ihre Muttersprache perfekt beherrschten. "Tatsächlich aber stützen sich die beiden Sprachen."

Die Elternhäuser sind das Problem

Die eigentliche Ursache für deren Sprachschwierigkeiten macht John in den Elternhäusern aus: "Zu Hause läuft oft den ganzen Tag über der Fernseher. Es wird zu wenig gesprochen und damit geht auch ein Verlust der Muttersprache einher." Solch bildungsferne Familien seien es dann auch, die ihre Kinder gar nicht erst zum bilingualen Unterricht schickten.

Bildungsbeflissene Eltern gründen schon lange eigene Schulen, um ihren Kindern eine optimale Ausbildung zu ermöglichen. Eine solche Schule ist etwa das deutsch-türkische Dialog-Gymnasium in Köln, das Türkisch als zweite Fremdsprache anbietet. Für Seyitahmed Tomak, der das Gymnasium mit anderen Mitgliedern vom Türkisch-Deutschen Akademischen Bund (TDAB) gegründet hat, stand dabei schon vor zwei Jahren fest: "Wir sind keine türkische Schule und wollen auch keine sein."

Auch deutsche Kinder sollen hier zur Schule gehen; bislang ist es von den rund 150 Schülern allerdings nicht einmal eine Handvoll. Möglicherweise auch, weil einige Eltern fürchten, Privatschulen dieser Art stünden unter dem Einfluss der Türkei, genauer des türkischen Predigers und Intellektuellen Fethullah Güllen. Das Dialog-Gymnasium bestreitet eine Verbindung, wenngleich TDAB-Vorsitzender Alp Saraç Güllen offenbar als "konstruktiven Denker" schätzt.

Die Lehrer müssen in Deutschland ausgebildet sein

"Die ganze Diskussion läuft auf erneute Konfrontation hinaus. Es geht nicht um ethnische Schulen, sondern darum, möglichst viele der talentierten Schüler türkischer Herkunft zum Abitur zu führen", sagt Rita Süssmuth, Koordinatorin für den Aufbau einer deutsch-türkischen Universität, zu Erdogans Vorstoß. "Die in der Staatsstiftung Geförderten beweisen: Es gibt eine junge Elite, die Aufmerksamkeit verdient. Das sollte Gegenstand der deutsch-türkischen Gespräche sein."

Für Zusammenarbeit wirbt auch Bülent Uçar, Professor für Islamische Religionspädagogik in Osnabrück. "Wenn die türkische Regierung sagt, sie möchte Geld ins deutsche Schulsystem investieren, um die vor allem wegen ihrer Sprachprobleme in Hauptschulen landenden türkischen Kinder zu fördern, ist daran nichts auszusetzen." Allerdings müsse dabei ausgeschlossen sein, dass die Türkei politisch versucht, Einfluss zu nehmen. Auch müssten die Lehrer in Deutschland ausgebildet sein.

Die Frage sei aber eigentlich: "Was ist das beste System, um die Kinder nach vorne zu bringen, um ihnen bessere Bildungschancen und Berufsperspektiven zu geben?" Uçar betont, er habe kein Problem mit türkischen Elitegymnasien, "aber das eigentliche Problem ist die Frühförderung. Wir sortieren in Deutschland viel zu früh aus." Er plädiert für eine fünf- oder sechsjährige Grundschule. "Zielführender als Gymnasien wäre eine Investition in die Sprachförderung in Kindergärten."

Kein Problem mit türkischen Gymnasien hat auch Kadir Daglar von der Föderation türkischer Elternvereine, "aber nur, wenn die deutsche Sprache an erster Stelle steht und die Schulen nach den Richtlinien geführt würden, die hier gelten". Schon lange setzten sich die Eltern dafür ein, dass Türkisch versetzungsrelevantes Fach an deutschen Gymnasien wird.

Autor:  Joachim Frank, Yvonne Globert und Frauke Haß
Datum:  27 | 3 | 2010
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