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Politik
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21. September 2011

Türkischer Staatspräsident in Berlin: Die Präsidentenfreunde

 Von Holger Schmale
Gül und Wulff in dessen Geburtsstadt Osnabrück.  Foto: dpa

Es ist ein Treffen, das sich weit von den üblichen Protokollregeln eines Staatsbesuchs entfernt. Christian Wulff und Abdullah Gül demonstrieren ihre Nähe - auch weil der Bundespräsident als entschlossener Anwalt der deutsch-türkischen Freundschaft auftritt.

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Berlin –  

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül ist ein freundlicher Mann von eiserner Härte. Das bekamen am Montagabend seine Gastgeber in Berlin sehr drastisch vorgeführt. Nach der Bombendrohung, die kurz vor seiner geplanten Rede in der Humboldt-Universität eingegangen war, empfahlen sie Gül dringend, die Rede abzusagen.

Doch der türkische Präsident lehnte nicht nur ab, sondern antwortete seinerseits mit einer Drohung: „Entweder halte ich diese Rede, oder ich kehre sofort in die Türkei zurück.“ Das wäre ein Affront ohne gleichen gewesen, denn es standen noch das offizielle Staatsbankett, ein Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und zwei weitere Besuchstage des türkischen Staatsoberhaupts in Deutschland auf dem Programm.

Also lenkten die Verantwortlichen ein, ließen die Universität räumen und durchsuchen, ohne eine Bombe zu finden. Zwei Stunden später als geplant konnte Gül seine Rede dann halten.

Große Sympathie

Sie enthielt vor allem eine Botschaft: „Ich bin überzeugt, dass es von der Führung Deutschlands abhängen wird, die starke Rolle Europas in der Welt auch im 21. Jahrhundert aufrechtzuerhalten.“ Eine Verbeugung vor dem Gastland, die gleichzeitig die Verpflichtung barg, die Interessen der Türkei auf dem Weg in die Europäische Union zu wahren.

Einer, der das deutlicher als alle anderen verantwortlichen deutschen Politiker verfolgt, ist der Bundespräsident. Seit seinem vor einem knappen Jahr gesprochenen Satz: „Auch der Islam gehört zu Deutschland“ tritt Christian Wulff als besonders entschlossener Anwalt der deutsch-türkischen Freundschaft auf.

Und geradezu exemplarisch demonstrieren er und sein türkischer Amtskollege Gül die ebenso historisch wie aktuell begründete Nähe zwischen ihren beiden Völkern. Dass die beiden Präsidentenpaare große Sympathie füreinander empfinden, kommt der Sache sehr zugute. Als Wulff im vergangenen Jahr zu einem seiner ersten Staatsbesuche in die Türkei reiste, lud Gül die Deutschen in seine Heimatstadt Kayseri ein, was Wulff als eine persönliche Geste des Vertrauens empfand.

Besuch im Kiez

Er revanchierte sich am Dienstag, indem er Gül und dessen Frau in seine Geburtsstadt Osnabrück begleitete. Ein Ziel war dort ein Institut, in dem Imame in deutscher Sprache ausgebildet werden – ein wegweisendes Beispiel für Wulffs programmatischen Satz aus dem vergangenen Jahr. Aber auch ein gemeinsamer Besuch im türkisch geprägten Kiez am Kottbusser Tor in Berlin am Sonntagabend war eine Geste, die weit über die üblichen Protokollregularien eines Staatsbesuchs hinausging.

In diese Kategorie gehörte hingegen das Gespräch, das Gül am Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel führte. Die ganze Bandbreite der deutsch-türkischen Beziehungen sei erörtert worden, hieß es anschließend. Dass sie in der EU-Frage unterschiedlicher Meinung sind, ist bekannt. Ob Gül die von der Kanzlerin vorgetragene Sorge über die Spannungen zwischen der Türkei und Israel teilt, ist zweifelhaft. Aber über die Bedeutung deutscher Sprachkenntnisse für die Integration sei man sich einig gewesen, teilte der Regierungssprecher mit. Immerhin.

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