Elsbeth Porzelt hat rein gar nichts zu meckern. Das Essen sei "so gut und so reichlich", "immer, immer" nähmen sich die Pflegerinnen Zeit. "Abends fragen sie jedes Mal ,haben Sie noch einen Wunsch?, aber ich habe keine mehr", schwärmt die Bewohnerin des Altenpflegeheims "Am Erlenbach" in Neu-Isenburg und lehnt sich in ihrem beigefarbenen Sessel zurück. Ihr gegenüber sitzt auf einem rot bezogenen Fußschemel Franziska Schneider. Sie ist sehr zufrieden.
Schneider ist nicht zum Plaudern hier, sondern zur Kontrolle, als Gutachterin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Wie sie das Heim bewertet, soll einige Wochen später jeder im Internet nachlesen können - in Form von Noten. Damit jeder weiß: Wohin kann ich meine pflegebedürftigen Angehörigen geben, wohin nicht.
Am Mittwoch beginnt der MDK mit der flächendeckenden Kontrolle aller 11.000 Pflegeheime und 11.500 Pflegedienste mit dem Ziel, sie nach einheitlichen Kriterien zu benoten. Zum Auftakt führte der MDK Journalisten eine Musterprüfung vor und wählte dafür ein Musterheim aus. Die Ergebnisse werden dann nach und nach ins Netz gestellt, in der Regel sechs Wochen nach der Prüfung. Bis Ende 2010 sollen die Prüfungen abgeschlossen sein. Die Internet-Plattform bei den Landesverbänden der Pflegekassen muss aber noch geschaffen werden.
Wettbewerb um Qualität
Für vier Teilbereiche gibt es Noten von 1 bis 5: Pflege und medizinische Versorgung, Umgang mit Demenzkranken, Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung sowie Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene. Daraus wird eine Gesamtnote errechnet. Zudem werden die Bewohner befragt, wie wohl sie sich fühlen. Dafür gibt es eine separate Note.
Die Entwicklung des Systems ist mit der jüngsten Pflegereform beschlossen worden. Das Ziel ist es, mehr Transparenz zu schaffen auf dem undurchsichtigen Pflegemarkt. Die Kassenvertreter versprechen sich aber nicht nur mehr Information, sondern auch bessere Heime und Pflegedienste. Die Benotung werde einen Wettbewerb um Qualität in Gang setzen, davon ist Klaus-Dieter Voß vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) überzeugt. Bei Erfolg kann er sich vorstellen, das System auch auf Krankenhäuser und Arztpraxen anzuwenden.
Doch nicht jeder ist glücklich mit dem System. Vor allem, dass bestimmte Bewertungen innerhalb einer Teilnote verrechnet werden, stößt auf Kritik. Zum Beispiel könnten die Häuser schlechte Pflege mit guter Dokumentation kompensieren, rügt Verbraucherschützer Stefan Etgeton. "Wir waren gegen Gesamtnoten", sagt der Gesundheitsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen der FR. Auf jeden Fall müsse man die Bewertungen "mit Skepsis" betrachten.
Die Prüfer halten die Kritik für übertrieben
Etgeton beklagt auch, dass Patientenvertreter bei der Entwicklung des Systems nicht einbezogen wurden - im Gegensatz zu den Vertretern der Heime. Das findet auch der Pflegekritiker Claus Fussek "kurios". Und er vermisst K.O.-Kritierien, etwa eine große Anzahl wundgelegener Bewohner. Stattdessen könnten Heime selbst solche gravierenden Mängel ausgleichen, zum Beispiel durch Erste-Hilfe-Kurse.
Die Prüfer halten die Kritik für übertrieben. Nur durch andere relevante Kriterien könnten schlechte Bewertungen ausgeglichen werden. Auf Dekubitus (Druckgeschwüre vom Wundliegen) bezögen sich zum Beispiel sieben Fragen, auf die Erste Hilfe nur eine. Gleichwohl wollen die Tester darauf achten, ob schlechte Heime auf dem Papier zu guten umgeschrieben werden. Sollte das vorkommen, werde die Prüfung "sehr schnell" korrigiert, beteuert Voß.
Doch auch die Prüfer sind nicht voll zufrieden: Im MDK heißt es, die Noten-Skala sei zu großzügig. Mit 87 von 100 Punkten gebe es noch ein "sehr gut", das "mangelhaft" fange erst bei 45 Punkten an. Pflegekritiker Fussek hält den ganzen Pflege-TÜV für "Realsatire". Alle Beteiligten wüssten um die katastrophalen Zustände in vielen Heimen, handelten aber nicht.
"Wir haben doch kein Erkenntnisproblem", sagte Fussek der FR. Selbst Heime, in denen die Hälfte der Bewohner fixiert sei, würden nicht geschlossen: "Jeder Tierpark würde dichtgemacht." Er hat einen anderen Tipp: "Wenn Sie wissen wollen, wie gut ein Pflegeheim ist, reden sie am besten mit dem örtlichen Bestatter oder dem Notarzt."
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