" Und Tunesiens Wirtschaft kann sich sehen lassen. Seit über zwei Jahrzehnten verzeichnet das Land respektable Zuwachsraten. Selbst die internationale Finanzkrise hat das Land gut gemeistert. Der gütige und strenge Landesvater Ben Ali sorgt für Sicherheit und Stabilität. Sein Konterfei hängt seit 22 Jahren zehntausendfach in Kneipen, Frisierstuben, Ämtern, Hotels. Man hat sich längst daran gewöhnt.
Deshalb kleben nun zusätzlich an Mauern, Straßenpfählen, Schaufenstern rot umrandete Plakate, auf denen Ben Ali die rechte Hand aufs Herz hält, ein Gestus, der sich mit "ich liebe euch" übersetzen lässt. Ansonsten findet kein Wahlkampf statt. Ben Ali hat ihn nicht nötig, und Brahim findet in der Millionenstadt seit zwei Wochen keinen Saal für eine öffentliche Veranstaltung. Alles ausgebucht, gibt man ihm Bescheid. Niemand will Ärger mit dem Regime.
Ärger, wie sich ihn Sihem Bensedrine seit Jahren einhandelt. Die berühmteste tunesische Dissidentin ist Sprecherin des Nationalen Rats für Freiheiten. Das Büro der Organisation, die sich seit über einem Jahrzehnt vergeblich um einen legalen Status bemüht, liegt im Stadtzentrum. Etwa zwei Dutzend Polizisten in Zivil sind in der knapp hundert Meter langen Sackgasse positioniert und hindern jeden Einheimischen am Zutritt zum Gebäude.
Ausländer hingegen werden nicht behelligt, nur aufmerksam beobachtet. Doch Bensedrine lässt den vereinbarten Interview-Termin platzen. Sie stülpt den Pullover hoch und zeigt die Hämatome auf dem Oberarm. Sie will bei der Polizei Anzeige erstatten. Vor einer Stunde wurde sie bei einer Pressekonferenz zusammengeschlagen - als einzige Anwesende, wortlos, ohne Vorankündigung. Es waren Polizisten in Zivil. Daran kann es keinen vernünftigen Zweifel geben.
Kleine Breschen in die Mauer des Medienmonopols
Es ist der mutigen Menschenrechtlerin oft passiert. Man hat auch schon die Bremsleitungen ihres Autos angesägt und einen Hund am Fensterkreuz ihrer Wohnung aufgeknüpft. Omar Mestiri, ihr Mann, fand eines Tages einen geköpften Vogel unter dem Scheibenwischer seines Autos mit einem Brief, in dem seine Gattin als Hure beschimpft wurde.
Doch Bensedrine lässt sich nicht einschüchtern. Sie macht weiter, gibt ihre Zeitschrift Kalima heraus. Nicht auf Papier, nur im Internet. Zwar ist die Website in Tunesien gesperrt. Wer technisch versiert ist, kann die Sperrung jedoch umgehen. Andere lassen sich die Artikel von Freunden aus dem Exil zumailen.
Seit Jahresbeginn produziert die Kalima-Redaktion über Satellit auch Radiosendungen, die im Internet abrufbar sind. Es sind kleine Breschen in die Mauer des Medienmonopols der Machthaber. Sämtliche Fernseh- und Radiosender wie auch Tageszeitungen gehören entweder dem Staat oder der Partei oder Sakhr Materi, dem mächtigen Schwiegersohn des Präsidenten.
Wo es an zuverlässigen Informationen mangelt, sprießen die Gerüchte. Was der staatliche Rundfunk verschweigt, weiß das "Radio Trottoir". Der 73-jährige Präsident ist krank. Seit mindestens drei Jahren schon. Er soll an Prostata-Krebs leiden. Aber vielleicht ist es doch etwas anderes.
Wird Ben Ali in Deutschland behandelt oder auf Malta? Wer wird ihm folgen? Sakhr Materi, der bald die erste islamische Bank im Land eröffnen wird? Oder Leila Trabelsi, die Ehefrau des Präsidenten, die sich politisch immer mehr in den Vordergrund drängt und ihren drei Neffen lukrative Posten zuschanzt? Hat sie nicht längst die eigentliche Macht inne und ist Ben Ali vielleicht nur noch der Hampelmann?
Protest gegen die Farce des Regimes
"Die Macht des Regimes", erklärt Ridha Kefi in der Lobby eines Luxushotels, "basiert auf Angst und Belohnung für Gehorsam." Dass sich zwei Männer just am Nebentisch niedergelassen haben, obwohl fast alle anderen Tische frei sind, stört den Journalisten nicht. Er ist die Allgegenwart von Polizeispitzeln gewohnt. "Wer nicht spurt, kriegt Ärger", sagt Kefi, "er kriegt keine Sozialwohnung, keinen Kredit bei der Bank, er geht bei der Arbeitsvergabe leer aus, seine Kinder erhalten keinen Studienplatz oder kein Stipendium. Wer nicht spurt, dem verschließen sich alle Türen." Kefi war Chefredakteur einer Wochenzeitung, bis ihn der Verleger auf Druck hoher politischer Kreise und aus Angst, bei der Zuteilung staatlicher Inserate leer auszugehen, entließ.
Heute hat er keinen Presseausweis mehr. Und einen Wahlausweis hat er - wie so viele - trotz Nachfrage nicht erhalten. Also kann er an der Wahl nicht teilnehmen. Seinen Eltern hingegen, die gar keine angefordert hatten, wurden Wahlunterlagen zugeschickt.
Auch Taoufik Ben Brik, 48, das Enfant terrible der tunesischen Kulturschaffenden, hat keinen Wahlausweis erhalten. Dabei will er selbst Präsident werden. Wie schon 2004. Damals unterstützten Günter Grass, Werner Herzog, Gabriel García Márquez, Bob Dylan, Woody Allen und viele andere mit ihrer Unterschrift die symbolische Kandidatur des Schriftstellers, dessen Name auf keinem Wahlzettel stand.
Es war ein Gag, ein Protest gegen die Farce des Regimes. Vier Jahre zuvor hatte Ben Brik mit einem 42-tägigen Hungerstreik gegen die Beschränkung seiner Reisefreiheit und seiner Meinungsfreiheit protestiert und weltweit Aufsehen erregt. Einige seiner Romane sind im renommierten Pariser Verlag La Découverte erschienen. Er legt sie alle auf den Tisch. Die Bücher tragen Titel wie "Ich werde nie abhauen", "Eine so süße Diktatur" und "Ben Brik Präsident".
Jetzt will er wieder Präsident werden. Wieder sucht er Unterschriften. Die erste hat er bereits. Sie stammt, wenn man dem Schreiben glauben will, das er dem Besucher unter die Nase hält, vom "scheidenden Präsidenten, Seiner Exzellenz Zini El Abidine Ben Ali".
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