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TV-Duell: Steinmeier trotzt Merkel

Warum soll Angela Merkel nicht mehr Kanzlerin sein? "Weil’s ne bessere Alternative gibt", sagte Kanzler-Kandidat Frank-Walter Steinmeier trocken. Gleich im ersten Statement schaffte er es dann auch noch, das Wort "Mindestlohn" unterzubringen - das sozialdemokratische Lieblingsprojekt, das mit der Union nicht durchzusetzen war. Von Thomas Kröter


Foto: rtr

Berlin. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier tragen beide den Scheitel links. Auch eine große Koalition. Zum Duell der Duelle hat die Kanzlerin ihre festgesprayte Landesmuttifrisur gegen ein locker dynamisches Halblang getauscht, der Herausforderer die Haare so angelegen, als wolle er den sozialdemokratischen Guttenberg geben. Sie trägt zum schwarzen Sakko eine blassrote Halskette, er einen knallroten Schlips.

Und so geht er die 90 Minuten auch an.

Die Kanzlerin und der Kanzlerkandidat im TV-Duell: Angela Merkel (l.), Frank-Walter Steinmeier.
Die Kanzlerin und der Kanzlerkandidat im TV-Duell: Angela Merkel (l.), Frank-Walter Steinmeier.
Foto: rtr

Offensiv, als habe noch die Empfehlung gehört, die der Showmaster der Nation den beiden ins Studio B des Fernsehgeländes in Berlin Adlershof mitgegeben: "Ein bisschen den Puschen kommen!" Er spielt nicht auf unentschieden, er vermutet mit Günter Jauch, "dass er dann schon verloren hat". Gleich im ersten Statement schafft Steinmeier, das Wort "Mindestlohn" unterzubringen - das sozialdemokratische Lieblingsprojekt, das mit der Union nicht zu machen war. Warum soll Angela Merkel nicht mehr Kanzlerin sein? "Weil’s ne bessere Alternative gibt".

Warum soll Steinmeier nicht Kanzler werden. Große Koalition habe gut gearbeitet, antwortet Merkel. "Unter meiner Führung". Er habe etwa anderes gefragt, gibt Frank Plasberg, Rolle "bad guy" im Moderatorenquartett mit Maybritt Illner, Peter Limbourg und Peter Klöppl, zurück. "Ich beantworte die Frage so, wie ich mir das vorgenommen habe." Das haben die Anhänger gern, weiß Merkel, bloß nichts gefallen lassen. Die sollen sie gefälligst ausreden lassen! Aber das hilft auch nicht immer. Denn Steinmeiers Argumente für einen Mindestlohn plus dem Eingeständnis, dass sie weder Preise noch Löhne im Berliner Friseurgewerbe kennt, lassen sie mindest diese erste Runde nicht gewinnen.

Dass Niedriglöhne ungerecht sind, klingt jedenfalls einfacher einleuchtend, als ihr Argument, dass Mindestlöhne neue Arbeitsplätze verhindern. Schön, dass die Großkoalitionäre dann wenigstens die vermeintliche Opel-Retten wieder gemeinsam verteidigen. Plasberg: "Wie die beiden noch Doppelpass spielen!" Merkel jedenfalls hält sich an die Devise, die ihr Generalsekretär Ronald Pofalla verraten hat: Aus keinen Fall konfrontativ sein.

Ein wenig nervös werde er wohl sein, hatte Steinmeier zuvor zugegeben. Man merkt es ihm nicht an. So wenig wie Merkel - auch wenn er am Anfang schafft, die Offensive übernehmen. Aber das liegt auch an den Themen. Nach Mindestlohn: Höchstlohn. "Einen Weg finden müssen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Erfolg und Entlohnung". So drückt sich normalerweise der Bürokrat in Frank-Walter Steinmeier aus. Heute Abend sagt er einfach: "Zu hoch" zu den Managergehältern. Da hat einer gelernt. Auch wenn er wieder hinzufügen muss, was er irgend wo schon früher dazu gesagt hat.

Zwei Duellanten, vier Moderatoren - um sie absolute Ruhe vor blauem Hintergrund. Draußen um sie in Adlershof. Erst ein Ring von Sicherheit. Merkel hat ihn allein betreten, kurz vor 19.30 Uhr, zehn minuten früher war Steinmeier da, an seiner Seite: Ehefrau Elke Büdenbender, seine Sympathieträgerin. Um den inneren Kreis: Eine große, wuselige Zone, wo sich rund 500 Journalisten, darunter 100 aus dem Ausland. Unter ihnen die "Spindoktoren" beider Seiten, die den Beobachtern erklären, wollen was sie beobachtet haben sollen - einen Sieg ihres Kandidaten, ihrer Kandidatin. Der prominenteste unter ihnen: SPD-Chef Franz Müntefering.

Er sei auch deshalb "sehr, sehr nervös" gewesen, hat sich Edmund Stoiber vor der Sendung an sein Duell mit Gerhard Schröder erinnert, weil da vier, fünf Mal mehr Menschen vor den Fernseher sitzen, als sonst bei einer politischen Sendung. Auch solche die sonst kaum Nachrichten scheuen. Wie lange bleiben sie dabei, an diesem Abend, auch als es um "Kreditlinien" und "Kreditmediatoren" geht?

Gemeinsam gegen die Moderatoren

Die Moderatoren geben sich alle Mühe scharf nachzusetzen, wenn einer der Kandidaten, pardon: Duellanten ausweicht. Das führt allerdings dazu , dass auch der offensive Herausforderer zeitweise die Offensive gegen die Amtsinhaberin vergisst, weil er sich der Moderatoren meint erwehren zu müssen. Danach kann dann endlich Angela Merkel ihr Mantra loswerden: "Drei Worte: Wachstum schafft Arbeit." Jetzt darf sie fast ungestört ausreden und fällt ihren gewohnten Sound von den neuen Technologien undsoweiter. Dafür wird Steinmeier nun offensiv gegen einen andere Frau in der Runde: "Haben Sie doch einfach mal Interesse an meinem Argument, Frau Illner!"

Thema Steuern. Nun ist die Phase erreicht: "Wenn ich dazu noch was sagen darf..." Beide gemeinsam verteidigen die gigantische Neuverschuldung, die sie gemeinsam gegen die Folgen der Finanzkrise aufgetürmt haben. Da muss Steinmeier noch mal anfügen, dass das aber auch wirklich nötig gewesen sei, falsch sei nur, wenn die CDU nun die Steuern senken wolle. Und Merkel muss anmerken, dass eben, siehe: Mantra, das nur mit Wachstum gehe.

Aber manches Problem hat eben nur der eine, nicht die andere. Denn das Zentralthema Gesundheitspolitik kann nicht ohne den Namen der amtierenden Gesundheitsministerin auskommen. Ulla Schmidt. Steinmeier wehrt sich tapfer. Selbst an dieser Stelle hat er die fortlaufende Redezeit der Kanzlerin nicht überholt. Leider zeigt die Kamera an dieser Stelle nicht Merkels Gesicht. Sie kann sich nun ganz ins Gehäuse der Sachlichkeit zurückziehen und den Gesundheitsfonds in Zeiten der Krise loben. So gestärkt läst sie sich auch nicht in einen Streit über Steinmeiers Afghanistanabzugsdatum ziehen.

So wogt es hin und her. Mal friedlich. Mal schiedlich. Genügend Platz für Franz Müntefering und Co. Ihren, oder ihre Kandidatin aber auch nun wirklich ganz klar vorn zu sehen. War er nicht toll in der Offensive? Hat sie nicht prima sich nie von ihrem Kurs unkonfrontativer Sachlichkeit abbringen lassen? Das werden die einen so - die anderen so gesehen haben.

Autor:  Thomas Kröter
Datum:  13 | 9 | 2009
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