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Politik
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08. Januar 2016

Übergriffe in Köln: "Jetzt hassen uns die Deutschen"

Nach den massiven Übergriffen in Köln sind viele Flüchtlinge verunsichert. Viele sind empört über die Vorfälle, fürchten aber auch, dass die bislang positive Haltung der deutschen kippen könnte.

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Unsere erste Reaktion war: Jetzt hassen uns die Deutschen", sagt Asim Vllaznim, als er über den Moment berichtet, in dem er und seine Familie von der Silvesternacht in Köln erfahren haben. "Es ist eine Schande, was die da am Hauptbahnhof getan haben", empört sich der 32-Jährige aus dem Kosovo, während er im Zimmer der Familie in einem Kölner Asylbewerberheim den Gästen Tee einschenkt.

Die Ereignisse der Silvesternacht sind auch unter den Flüchtlingen das beherrschende Thema. Sie befürchten, dass die bisher überwiegend positive Haltung und Hilfsbereitschaft der Deutschen ihnen gegenüber kippen könnte.

Bislang gibt es keine gesicherten Erkenntnisse der Polizei, ob und in welchem Umfang Flüchtlinge an den Angriffen und Diebstählen beteiligt waren. Zeugen und auch Polizisten hatten die Männergruppen, die Frauen sexuell belästigt oder bestohlen hatten, als "arabisch" oder "nordafrikanisch" beschrieben.

Nicht alle über einen Kamm scheren

Mehr als 120 Anzeigen sind mittlerweile eingegangen, wegen sexueller Belästigung, Diebstahls oder auch beidem gleichzeitig. Während die Polizei mit Hochdruck ermittelt, kündigt die Bundesregierung ein hartes Vorgehen gegen die Täter an.

"Das sind keine guten Nachrichten für Merkel", seufzt Herr Vllaznim, während die beiden jüngsten seiner fünf Kinder auf ihrem Bett herumhüpfen. Vllaznim glaubt an die Kanzlerin und ihre beharrlich wiederholte Losung "Wir schaffen das". Doch er weiß auch, dass "Mama Merkel" unter Druck steht. "Ich danke den Deutschen, dass sie uns willkommen geheißen haben", sagt der Kosovare, der seit anderthalb Jahren in Köln lebt. "Ich möchte ihnen sagen, dass sie keine Angst haben sollen."

Vllaznim und seine Familie gehören zu den Aschkali, einer ethnischen Minderheit, die im Kosovo fortwährender Unterdrückung ausgesetzt ist. Die Familie verließ den Balkan und der Vater hofft, seine Kinder in Deutschland aufwachsen sehen zu können. "Wir sind keine schlechten Leute", beteuert Vllaznim.

"In jeder Kultur gibt es Leute, die sich daneben benehmen", sagt eine 36-jährige Bosniakin, die anonym bleiben möchte. "Man darf nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren", appelliert die Frau im Korridor des riesigen Backsteingebäudes, in dem gut 620 der momentan insgesamt rund 10.150 Asylbewerber der Millionenstadt leben.

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Misstrauen gibt es auf beiden Seiten, sagt die zweifache Mutter. Die Muslima trägt seit einigen Monaten kein Kopftuch mehr und vermeidet es, ihre Unterkunft nach 16 Uhr noch zu verlassen. Grund sind die anhaltenden Meldungen von Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime und Anfeindungen gegen ihre Bewohner. Nach der dramatischen Silvesternacht versteht sie, dass viele Deutsche Angst haben. Sie hofft, dass die Täter der Silvesternacht keine Flüchtlinge waren.

Im Internet blühen unterdessen auf der Grundlage unklarer Fakten die Spekulationen. Am Kölner Hauptbahnhof hoffen Passanten, dass die Täter bald überführt und, wenn nötig, in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden.

Viele Deutsche seien argwöhnischer geworden als noch in den vergangenen Monaten, findet der 28-jährige Abdul Baldeh aus Guinea und sagt: "Wir sind nicht gekommen, um Probleme zu machen. Was ich möchte ist Deutsch lernen, Arbeit finden und frei sein." (afp)

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