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08. Januar 2016

Übergriffe in Köln: „Kein Generalverdacht gegen Schutzsuchende“

 Von 
Die neue Vertreterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Deutschland, Katharina Lumpp, 49, ist bereits mehr als 20 Jahre für das UNHCR in Afghanistan, Ägypten und Südeuropa tätig. Lumpp studierte Jura in Heidelberg und Bonn.

Im Interview mit der FR warnt die Chefin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR vor falschen Schlüssen aus den Vorkommnissen in Köln. Katharina Lumpp "Erst wenn die Vorfälle aufgeklärt sind, können die richtigen Schlüsse gezogen werden."

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Frau Lumpp, 2015 sind rund 1,1 Millionen Flüchtlinge in Deutschland eingereist. Dabei warnte der UNHCR lange vorher, dass sich die Lage in den Flüchtlingslagern verschärft. Warum sind Ihre Rufe in Europa verhallt?
Nicht völlig ungehört. Es gab zwar eine Unterfinanzierung der Akuthilfe, so dass Lebensmittel und soziale Sicherung für die Ärmsten der Flüchtlinge gekürzt wurden. Das verstärkte den Eindruck mangelnder Lebensperspektiven und ließ viele nach Europa aufbrechen. Andererseits arbeiten wir mit Partnerorganisationen und Geberländern, darunter Deutschland, seit über einem Jahr daran, die humanitäre Hilfe vor Ort durch langfristige Entwicklungshilfe zu ergänzen. Die hohen Flüchtlingszahlen erschweren das.

Zurzeit kommen deutlich weniger Flüchtlinge nach Deutschland. Bleibt das so?
Das hängt von der kommenden Syrien-Konferenz ab: Humanitäre, aber auch langfristige Hilfe für die Erstaufnahmeländer und für die Flüchtlinge vor Ort muss finanziell gesichert sein. Nur so kann die Situation dort stabilisiert werden. Wichtig ist dabei auch, legale und sichere Wege nach Europa zu organisieren – vor allem für Frauen und Kinder, im Zuge der Familienzusammenführung oder durch humanitäre Aufnahmeprogramme.

Wie kann die EU die Asylpolitik entsprechend reformieren?
Europa muss das Thema endlich als gemeinschaftliche Aufgabe sehen. Zurzeit zeigt sich ja, dass die Rückkehr zu Grenzkontrollen in einigen Ländern nur bewirkt, dass Schutzsuchende in benachbarten Ländern ankommen. Wir brauchen also zusätzlich dringend ein funktionierendes gesamteuropäisches Verteilsystem nach Kriterien wie Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft.

Dass sich so viele Mitgliedsstaaten dagegen wehren, liegt vor allem an der Ablehnung von Flüchtlingen durch die Bevölkerung. Ist diese Abwehr von Fremden weltweit vorhanden?
Nein, weder grundsätzlich noch in Europa. Je besser die Bevölkerung die Fluchtursachen kennt, desto größer ist die Aufnahmebereitschaft. Allerdings rufen hohe Zahlen überall auch verständliche Sorgen hervor. Deshalb ist es zentral, dass die Länder und Bevölkerungen unterstützt werden – mit Blick auf syrische Flüchtlinge vor allem Türkei, Libanon und Jordanien. Die einheimische Bevölkerung, egal wo, darf nicht das Gefühl haben, an ihr werde zugunsten der Flüchtlinge gespart. Sonst schlägt das Verständnis schnell in Ablehnung um.

In Europa grassiert die Angst vor der fremden Kultur. Die Übergriffe in Köln, wo arabisch aussehende Männer Frauen bedrängten, scheinen die Sorgen vieler Deutscher zu bestätigen.
Die Berichte sind erschreckend. Wir können der Bundesregierung nur zustimmen, dass es jetzt auf eine schnelle Antwort des Rechtsstaates und umfassende Aufklärung ankommt. Das schuldet man den Opfern, aber es liegt auch im Interesse der vielen unbescholtenen Schutzsuchenden, die es nicht verdient haben, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Erst wenn die Vorfälle aufgeklärt sind, können die richtigen Schlüsse gezogen werden.

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Wenn man die neu Angekommenen wieder so schlecht integriert wie frühere Einwanderer, bilden sich noch größere sozial abgehängte Gruppen.
Richtig. Deshalb investieren wir einerseits stark in Programme, die das Zusammenleben von Flüchtlingen und Aufnahmegemeinschaft fördern und beraten andererseits als zwischenstaatliche Organisation auch Regierungen bei der Suche nach dauerhaften Lösungen. Der Schlüssel für gute wirtschaftliche und soziale Integration ist, dass die Flüchtlinge sich schnell selbst versorgen und Kinder und Jugendliche Zugang zu Bildung haben.

Gerade dabei hat Deutschland in der Vergangenheit versagt, wie Studien zeigen.
Dieses Mal hat sich die Bundesregierung schnell dazu bekannt, Integration sehr früh zu ermöglichen, insbesondere den Spracherwerb und schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt.

Muss sich Deutschland auf eine dauerhafte Völkerwanderung einstellen?
Dieser Eindruck entsteht durch die aktuellen Bilder – tatsächlich ist die Zahl der Flüchtlinge global so hoch wie nie seit mehreren Jahrzehnten. Die Furcht kam auch während früherer Krisen auf, wenn viele Menschen nach oder in Europa flohen – die später millionenweise heimkehrten, etwa nach Afghanistan oder zum Balkan. Zurzeit können von den Millionen Vertriebenen weltweit leider nur wenige heimkehren. Aber die meisten Flüchtlinge und Schutzsuchenden bleiben in ihrer Heimatregion. Dass Europa zurzeit so stark betroffen ist, liegt vor allem an der riesigen Zahl von Menschen, die vor dem Doppelkonflikt in Syrien und Irak fliehen, der bereits so lange dauert, dass nicht alle in der unmittelbaren Region bleiben können.

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