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06. Januar 2016

Übergriffe in Köln: Der überforderte Freund und Helfer

 Von Tim Stinauer
Eine Momentaufnahme der Kölner Silvesternacht.  Foto: dpa

Wie konnte es zu den vermehrten Übergriffen an Silvester in Köln kommen? 143 Beamte waren in der Spitze am Bahnhof im Einsatz, plus 70 von der Bundespolizei - ausreichend, sagt Behördenleiter Wolfgang Albers. Bei den Zeugen der Nacht klingt das anders.

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Köln –  

Sie hätten ihm einfach nur Leid getan, die vier Polizisten vor dem Domportal, erinnert sich Jochen N. an die Silvesternacht. Wie verloren standen die Beamten gegen 22 Uhr neben ihren Streifenwagen. Um sie herum flogen Silvesterraketen gegen den Dom, junge arabisch aussehende Männer warfen Böller in die Menschenmenge, sie pöbelten und tranken Alkohol, erzählt N. Zwei Stunden später sei er nach Hause gefahren. Außer den vier ratlosen Polizisten vor dem Dom habe der 55-Jährige in jener Nacht keine weiteren Beamten gesehen.

Viele Menschen berichten ähnlich von der Skandalnacht am Hauptbahnhof. Ihr Tenor ist immer gleich: zu wenig Polizei – und die Beamten, die da waren, seien überfordert gewesen.

Aber wie passt das zusammen mit der offiziellen Darstellung von Behördenleiter Wolfgang Albers, die Polizei sei „ordentlich aufgestellt“ gewesen? 143 Beamte waren in der Spitze am Bahnhof im Einsatz, plus 70 von der Bundespolizei – ausreichend, sagt Albers.

Ausreichend für was? Nach allem, was bisher bekannt ist, wurden etwa hundert Frauen überfallen und ausgeraubt, jede vierte auch sexuell belästigt. Festnahmen gelangen der Polizei in der Nacht nicht. Nun muss eine Ermittlungsgruppe Zeugenaussagen, Film- und Bilddaten auswerten, um Täter zu identifizieren.

Zwei 18-jährige Gymnasiastinnen aus Remscheid berichten, sie seien um 0.20 Uhr unterhalb der Domplatte von einem Pulk aggressiver Männer umzingelt worden. „Es war wie eine Wand, die sich um uns bildete. Sie pöbelten, begrapschten uns, packten uns unter die Kleidung, machten die Hose auf. Es war widerlich und erniedrigend.“

Als sie sich nach zehn Minuten befreien konnten, so schilderten die beiden Abiturientinnen dem „Remscheider General-Anzeiger“, hätten sie vier Polizisten in der Nähe angesprochen. „Wir wurden von den Beamten nicht ernst genommen. Die haben uns nur weggeschickt.“

Ähnliches berichtet eine 22-Jährige, die mit ihrer Freundin vor der Diskothek Alter Wartesaal von einer Gruppe junger Männer massiv bedrängt wurde. Auch sie habe Hilfe bei Polizisten gesucht. Aber auch die hätten keine Zeit gehabt, weil sie die Domplatte absperrten, hätten ihr nur geraten, die Sektflasche in der Hand zu behalten, um sich im Zweifel zu verteidigen. „Die Polizisten waren überfordert und verglichen mit den Tätern deutlich in der Unterzahl“, erinnert sich die 22-Jährige.

Ein Polizist, der vor dem Bahnhof im Einsatz war, berichtete dieser Zeitung, auch ihn habe eine geschockte Frau angesprochen, die kurz zuvor von Männern überfallen worden war. „Ich war gerade dabei, die Personalien von einem Verdächtigen wegen einer anderen Straftat aufzunehmen. Ich hatte schlicht keine Zeit. Ich konnte sie leider nur bitten, Anzeige auf einer Wache zu erstatten. “

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Dabei, betont der Beamte, sei die Polizei eigentlich „tipptopp“ aufgestellt gewesen. „Es waren sogar 30 Kollegen mehr eingesetzt als letztes Jahr.“ Aber von diesem Tumult sei man völlig überrascht worden.

Als der Einsatzleitung nach ein Uhr der Ernst der Lage klar geworden sei, sei es zu spät gewesen, um zum Beispiel in Nachbarstädten weitere Beamte anzufragen. „Es hätte in dieser Situation im Grunde nur eine Alternative gegeben“, sagt der Beamte, die ultima ratio: „Lagebereinigung, also knüppeln statt festnehmen.“ Aber Polizisten, die vor dem Dom auf 1000 Araber und Nordafrikaner einprügeln – diese Bilder wären „absolut verheerend“ gewesen, so der Beamte.

Josef K. aus Erftstadt besuchte mit seiner Frau den Silvestergottesdienst im Dom. Als die beiden gegen 20 Uhr aus der Kirche traten, sei ihnen inmitten der aggressiven Menschenmasse, der Böllerwürfe und Raketenabschüsse derart unwohl gewesen, dass sie den Rest des Abends entgegen ihrer Planung nicht in Köln verbrachten, sondern nach Hause fuhren. „Es erstaunt mich“, sagt Josef K., „dass die Polizisten das Gewaltpotenzial nicht erkannt haben. Sie hätten schon um 20 Uhr erste Maßnahmen einleiten müssen.“ Kurz vor Mitternacht entschloss sich die Einsatzleitung, die Treppe zwischen Dom und Bahnhofsplatz zu räumen, um eine Massenpanik zu verhindern. Nach allem, was Zeugen schildern, könnte diese Sperrung den Tätern unbeabsichtigt in die Karten gespielt haben. In der plötzlich entstandenen Enge vor dem Hauptbahnhof soll es zu zahlreichen Übergriffen gekommen sein.

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