Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

10. März 2011

Überwachungssoftware: Trojaner für Nahost

 Von Felix Helbig
Kriegsführung wird digital. Foto: dpa

Westliche IT-Firmen werben auf einer Messe in Dubai für ihre Überwachungssoftware. Die Münchner Staatsanwaltschaft prüft mittlerweile ein Ermittlungsverfahren gegen die Firma Gamma.

Drucken per Mail

Der 22. Februar ist ein ganz normaler Dienstag in diesen Wochen des arabischen Aufstands, er beginnt mit Protestaufrufen auf Plattformen im Internet und endet in Gewalt. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa liefern sich Gegner und Anhänger von Präsident Ali Abdullah Salih schwere Auseinandersetzungen. In Damaskus, der Hauptstadt Syriens, treten inhaftierte Oppositionelle in Hungerstreik. In der bahrainischen Hauptstadt Manama protestieren Zehntausende gegen die Herrschaft von König Hamad bin Issa al-Chalifa.

Im benachbarten Dubai erwartet das Auditorium der Messe „ISS World“ im prunkvollen JW Mariott Hotel an diesem Dienstag laut Tagungsagenda um elf Uhr einen Mann auf dem Podium, der über „IT-Intrusion with Finfisher“ sprechen wird – also die Möglichkeiten zur Überwachung privater Computerdaten mit Hilfe einer bestimmten Trojaner-Software. Das ist sein Produkt, die Agenda führt ihn als General Manager eines Unternehmens mit dem Namen Gamma Group.

Im Saal sitzen die Vertreter der Polizeibehörden eben jener Länder, deren Schergen zeitgleich draußen mit Knüppeln und Gewehren auf die eigene Bevölkerung losgehen. An sie richtet sich die Messe „ISS World Middle East and Africa“, eine regelmäßig abgehaltene Leistungsschau überwiegend westlicher IT-Firmen.

Sie kommen aus Europa und den USA und präsentieren den aktuell von einer sogenannten Facebook-Revolution betroffenen Vertretern diktatorischer Regime maßgeschneiderte Lösungen zur Überwachung von Computern. Auch die Geschäftsführer einer Leipziger Firma sind dabei, laut Agenda bieten sie ein „Trainingsseminar“ zur „Überwachung des Internetverkehrs“ an. Und natürlich der General Manager von Gamma. „Finfisher“ gilt als eines der besten Überwachungsprogramme am Markt, die verschiedenen Ausführungen sind für Kunden stets in arabischer, russischer und englischer Sprache erhältlich.

Akte beim Geheimdienst gefunden

Die Münchner Staatsanwaltschaft prüft seit diesem Mittwoch ein Ermittlungsverfahren gegen Gamma. Nach Berichten unter anderem in der Frankfurter Rundschau gehe man dem Verdacht nach, das Unternehmen könnte seine Trojaner-Software auch dem ägyptischen Staatssicherheitsdienst angeboten und eine Probeversion geliefert haben, erklärt eine Sprecherin der Behörde auf FR-Anfrage.

Eine Akte mit einem Schriftstück, das nach einem entsprechenden Angebot aus dem Hause Gamma aussieht, war am vergangenen Wochenende bei der Erstürmung der Kairoer Zentrale des ägyptischen Geheimdienstes aufgetaucht. Der Verkauf von Trojaner-Software, mit der infiltrierte Computer vom Nutzer unbemerkt ausspioniert und über Web-Cams auch Räume überwacht werden können, ist laut Paragraf 202c des deutschen Strafgesetzbuchs verboten.

Der Prüfvorgang der Münchner Staatsanwaltschaft könnte sich allerdings schwierig gestalten. Die Gamma Group ist ein weit verzweigtes Unternehmen, zu ihr gehören Zweigstellen und Partnerfirmen, sie heißen Gamma International UK Limited, Gamma TSE, G2 Systems oder Elaman. Letztere sitzt in Deutschland und bewirbt ebenfalls das Produkt „Finfisher“ auf ihrer Internetseite, bei der „ISS World“ in Dubai tritt sie wie auch Gamma als Sponsor auf. Zumindest für die deutsche Gamma International GmbH mit Sitz in München teilt die Anwaltskanzlei Schertz & Bergmann mit, dass sie den Ägyptern kein Angebot unterbreitet und auch keinen Kontakt mit den Behörden gehabt habe. Auf einen umfangreichen Fragenkatalog dazu reagiert die Kanzlei nicht.

Die modernen Waffen im Kampf um die Herrschaft über die Informationsflut im Internet werden auch bei der kommenden „ISS World“ wieder präsentiert werden, diesmal den Staaten in Europa. Die Messe beginnt am 14. Juni in Prag.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Videonachrichten Politik
Meinung