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23. Februar 2014

Ukraine: Geteilt, vereinigt, zerstritten

 Von Pierre Simonitsch
Auf dem Maidan in Kiew ist eine riesige ukrainische Flagge zu sehen.  Foto: AFP

Die heutige Ukraine ist das Ergebnis politischer Machtspiele. Seit Beginn der Krise im Land wird immer wieder ein Thema diskutiert: die mögliche Spaltung des Landes. Das geografische Territorium "Ukraine" wird der Geschichte und kulturellen Vielfalt seiner Bevölkerung nicht gerecht.

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Seit Beginn der heftigen Krise in der Ukraine ist ein Thema immer wieder diskutiert worden, das noch lange aktuell bleiben wird: die mögliche Spaltung des Landes. Das geografische Territorium, dass den Namen Ukraine trägt, wird der unterschiedlichen Geschichte und kulturellen Vielfalt seiner Bevölkerung nicht gerecht. Der Westen des Landes ist überwiegend katholisch und seit Jahrhunderten in Europa integriert. Die orthodoxen und russischsprachigen Ostgebiete, dort wo sich die Bodenschätze, die Schwerindustrie und die Elektrizitätswerke befinden, blicken seit jeher nach Russland.

Ein Sonderfall ist die Krim, die historisch nichts mit der Ukraine gemein hat. Der einstige sowjetische Kremlherrscher Nikita Chruschtschow, der seine politische Karriere als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine begann, „schenkte“ die große Halbinsel 1954 der südlichen Sowjetrepublik anlässlich des 300. Jahrestags eines Vertrags, der die damalige Ukraine zu einem russischen Protektorat machte. Es war bloß eine symbolische Geste, denn Chruschtschow konnte sich kaum vorstellen, dass die Sowjetunion zerfallen würde.

Wiege Russlands

Historiker betrachten die Ukraine als die Wiege Russlands. Der „Kiewer Rus“, der erste Staat ostslawischer Stämme, führte im 10. Jahrhundert den christlichen Glauben und die von der griechischen Schrift abgeleiteten kyrillischen Buchstaben ein. Im 18. Jahrhundert teilten zwei Frauen Polen und die Ukraine unter sich auf: die österreichische Kaiserin Maria Theresia und die russische Zarin Katharina II. Österreich erhielt Galizien und die Bukowina, Russland den Rest der Ukraine. Katharina die Große nahm in mehreren Kriegen der Türkei die Halbinsel Krim ab und besiedelte sie mit russischen Bauern.

Galizien und die Bukowina gehörten von 1772 bis 1918 zu Österreich. Beide Regionen erlebten während dieser Epoche eine starke kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung. In Lemberg (heute Lwiw) und Czernowitz (Tschernowzy) entstanden Universitäten und Fachschulen, aus denen zahlreiche Geistesschaffende von Weltruf hervorgingen. Im reichen Bürgertum galt es als schick, zu einem Opernbesuch nach Wien zu reisen. Ukrainisch war eine der offiziellen Sprachen im Wiener Parlament, was den jungen Deutschnationalen Adolf Hitler sehr erboste.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Zerschlagung des Habsburgerreichs fiel Galizien an das wiedererstandene Polen und die Bukowina an Rumänien. Die Rest-Ukraine wurde ein souveräner Staat. Die Unabhängigkeit währte aber nicht lange. Ein Bürgerkrieg und ausländische Interventionen durchrüttelten das Land, bis 1920 die Rote Armee siegte. Stalin brach 1931 bis 1933 den Widerstand der Bauern gegen die Schaffung von Kolchosen durch die Vernichtung ihrer Ernten und Tiere.

Allein in der Ukraine verhungerten zwei bis drei Millionen Menschen. 75 Jahre später veranstaltete die prowestliche Regierung in Kiew Kundgebungen zur Erinnerung an den „Holodomor“, wie sie den Massenmord durch Nahrungsmittelentzug nannte, und befasste sogar die UN mit der Sache. Dass Stalin speziell die Ukraine mit dem Hunger in die Knie zwingen wollte, ist allerdings nicht bewiesen, denn auch in Russland verhungerten damals Millionen Menschen.


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Doch für viele gewöhnliche Ukrainer ist die heutige Unabhängigkeit nicht unbedingt ein Segen. Die Million Ukrainer in Russland mussten plötzlich zwischen der russischen und der ukrainischen Staatsbürgerschaft wählen. Sie hatten sich vorher nie als Ausländer gefühlt.

Wenn die in Moskau lebenden Ukrainer Verwandte besuchen wollten, kauften sie in der Schalterhalle des Kiewer Bahnhofs einfach ein Ticket für den Nachtzug in die Heimat. Von einem Tag auf den andern wurde 1991 aber aus einer einfachen Heimfahrt eine Auslandsreise mit Zoll- und Passkontrollen an den Grenzen.

Zankapfel: die Krim

Ein Zankapfel bleibt bis heute die Krim. Die Hafenstadt Sewastopol war schon zur Zarenzeit der Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Nach der Auflösung der Sowjetunion teilten sich Russland und die Ukraine die Kriegsschiffe und die Hafenanlagen, doch der Vertrag läuft 2042 aus. Bis dahin müssen die Russen an der ihnen verbliebenen kurzen Küste des Schwarzen Meeres eine neue Basis bauen.

2004 siegte in der Ukraine die „Orangene Revolution“ dank Unterstützung der EU und der USA. Der im Jahr darauf gewählte prowestliche Präsident Viktor Juschtschenko und seine Premierministerin Julia Timoschenko zerstritten sich aber. 2010 wurde der aus dem östlichen Landesteil stammende Apparatschik Wiktor Janukowitsch zum Präsidenten gewählt.

Unter den Demonstranten in Kiew und anderen Städten tummelten sich Gruppen, die sich an ultranationalistischen bis faschistischen Vorbildern orientieren. Die ukrainische Geschichte kennt auch Täter. 1941 wurden die deutschen Armeen bei ihrem Einmarsch von vielen Ukrainern vor allem im Westen begrüßt. Mehr als 220 000 Ukrainer kämpften auf der Seite der Wehrmacht und beteiligten sich ebenfalls an der Ausrottung der Juden. 1943 stellte Nazi-Deutschland eine aus ukrainischen Freiwilligen bestehende SS-Division „Galizien“ auf.

Kein Land kann sich seine geographische Lage aussuchen. Die Ukraine liegt an der Schnittstelle geopolitischer Interessen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat mehrmals betont, dass er mit einer Annäherung der Ukraine an die EU leben könnte. Was er aber nicht hinnehmen will, ist der Eintritt des strategisch wichtigen Nachbarstaates in die Nato. Die Erfahrungen mit den einstigen Mitgliedern des aufgelösten Warschauer Pakts, den Baltenrepubliken und Georgien bestärken die russische Führung in ihren Einkreisungsängsten.

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