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20. September 2014

Ukraine: Große Hoffnung auf „Neurussland“

 Von Stefan Scholl
Auf der Überholspur: Eine Separatistenfamilie braust durch Luhansk.  Foto: AFP

Sie hoffen auf „Neurussland“ und vertrauen auf ihr Erz und ihre Arbeitswut. Das Porträt einer ganz normalen Separatistenfamilie in Donezk.

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Samoswan schnitzt keine Kerben in seinen Gewehrkolben. „Ich arbeite auf Entfernungen zwischen 500 und 1000 Meter. Da ist es sowieso schwer zu sagen, ob er tot ist.“ Er schieße nämlich nicht auf die Köpfe der ukrainischen Soldaten, die ja sowieso nicht freiwillig kämpften. „Ich ziele auf die Schultern, ich gebe ihnen noch eine Chance. Auf die Beine ziele ich nicht, die sind schwerer zu treffen.“

Die Ukrainer trügen grüne oder khakifarbene Uniformen, die polnischen Söldner aber sandgelbe Monturen. Die Ukrainer seien meist demoralisierte Kinder. „Die Söldner schieße ich tot.“ Ob er ungefähr wisse, wie viele Feinde er schon ausgeschaltet hat. „Nein?“ Weniger als 50, mehr als 50. „Viel mehr.“ Er verzieht das Gesicht zu einer unfrohen Grimasse.

Das hat „Samoswan“ vergangenes Mal, beim Biertrinken, erzählt. Jetzt sagt er viel weniger, und kein Wort vom Krieg. Er sitzt neben Mutter und Oma am Kaffeetisch und verzehrt ein Stück Apfeltorte „Charlotte“, selbst gebacken. Ein 21-jähriger Schlacks mit modischer Kurzhaarfrisur und einem Gesicht, in dem sich Witz mit Arglosigkeit mischt.

Seit zwei Wochen herrscht im Donbass offiziell Waffenruhe. Aber genauso offiziell melden die Rebellen, sie hätten gerade die Donezker Nachbarstädte Makejewka und Jasinowataja zurückerobert, die Ukrainer beschweren sich, aus Russland seien wieder zwei Kompanien Elitesoldaten und eine Batterie Tjulpan-Minenwerfer im Kampfgebiet eingetroffen. Der Donezker Flughafen am Nordwestrand der Stadt bleibt umkämpft.

Am Südrand von Donezk ist der Nachmittag still. Aber es ist eine gespannte Stille, zwischen dem rumpelnden Dröhnen der Grad-Raketensalven. „Der Magen kreist, die Augenbrauen scheinen vor Druck zu platzen“, hat Samoswan von seinem ersten Gefecht erzählt. „Das Gefühl ist schrecklich, mit Worten nicht zu beschreiben.“ Bei seinem letzten Kampf bekam er einen Granatsplitter in den Rücken, er habe nur etwas Heißes gespürt, sei noch fünf Kilometer weiter gelaufen, dann wurde er ins Krankenhaus transportiert.

Die Verletzung ist auskuriert, übermorgen kehrt Samoswan zum Bataillon zurück. „Es tut weh, wenn er an der Front ist“, sagt Irina Petrowna, seine Mutter. Aber sie hält ihren Sohn nicht zurück. Die Familie ist sich einig: Er verteidigt die Heimat gegen Faschisten und Söldner.

Samoswan ist Scharfschütze im Rebellenbataillon Oplot sein Codename „Samoswan“ bedeutet so etwas wie „Selbsternannter“.

Die meisten Männer, mit denen Samoswan im Mai die vierwöchige Grundausbildung absolvierte, seien 35 bis 45 Jahre alt gewesen, „Männer, die begreifen, was passiert“, sagt er. Auch Irina Petrowna ist Mitte 40, eine hübsche Frau mit Kurzhaarfrisur, ohne Schminke. Die Einbauküche in ihrem Einfamilienhaus blitzt vor Sauberkeit, die Weinreben im Garten draußen aber hängen schwarz und verdorrt herab. „Zuviel Phosphor in der Luft“, erklärt sie. Irina arbeitet als Buchhalterin, selbstständig, für mehrere Betriebe, Donezker Mittelstand. Aber Krieg und Wirtschaftskrise nagen auch an ihrem Durchschnittseinkommen von umgerechnet knapp 1000 Dollar.

Sie ist unverdrossen, erzählt von jenem Malocherethos, das hier im ostukrainischen Kohlenpott schon zu Sowjetzeiten Grubenarbeiter und Geschichtslehrer einte: „Alle stehen um sechs Uhr morgens auf und gehen zur Arbeit. Die Fabrik, das Haus, die Familie sind für uns am wichtigsten. Und“, Irina lächelt, „natürlich der Gemüsegarten.“ Eine ganz normale Donezker Separatistenfamilie. Beim Referendum im Mai stimmten die Leute hier für Unabhängigkeit und meinten dabei Russland. Der Krieg, die Bomben, auch die Autohäuser, die die Separatisten leer räumten, haben viele enttäuscht. Andere aber hoffen jetzt erst recht auf das separatistische „Neurussland“, darauf, dass ihre Kohle, ihr Erz sowie ihre Arbeitswut die Unabhängigkeit von der Ukraine tragen werden. „Und Russland wird uns nicht im Stich lassen“, sagt die Oma, sie stammt selbst aus dem westrussischen Brjansk.

Hinter allem stecke Amerika

Die Patrioten Neurusslands suchen ihre Wahrheiten auf russischen, nicht auf ukrainischen Kanälen und Webseiten. Dort finden sie auch jene Feindbilder, ohne die kein Krieg auskommt. Sie sind ihnen schon aus sowjetischen Kriegsfilmen bekannt. „Die griechisch-katholischen Pastoren der Ukrainer rufen auf, uns zu töten“, klagt Irina. Ukrainische Politiker handelten schwunghaft mit den Organen verletzter Soldaten. Und hinter allem stecke Amerika.

„Wenn die Ukrainer nur aufhörten zu schießen und weggingen, dann wäre Frieden.“ Irina wiederholt fast die gleichen Worte, die zwei Tage vorher ihr Sohn gebraucht hat, in einer der letzten Pizzerien, die am zentralen Puschkin-Boulevard noch geöffnet sind. Beim westukrainischen Weizenbier macht er kein Hehl aus seiner Angst vor den modernen Nachtsichtzielfernrohren der gegnerischen Scharfschützen, vor dem Tod. Dann schildert er wieder, wie er am Flughafen mit drei anderen Scharfschützen einen Trupp vorrückender Ukrainer zusammengeschossen habe. Eine jener grausamen Taten, mit denen sich auch die Krieger auf der anderen, der ukrainischen, Seite rühmen.

Beobachter verweisen darauf, dass die Donezker und Luhansker Rebellen die Waffenruhe ablehnen, weil die Frontlinie noch weit von den Grenzen ihrer Regionen entfernt ist. Die Beobachter übersehen einen ganz anderen Reiz dieses Krieges. Er entsetzt die Soldaten, gleichzeitig macht er ihnen Riesenspaß. Bei den Kämpfen um Mariupol Anfang September standen 200 Meter hinter der Front Krieger des ukrainischen Freiwilligenbataillons „Asow“, so blutjung und schlacksig wie Samoswan. Während sie auf ihren Einsatzbefehl warteten, drehten sie den Lautsprecher eines Autoradios voll auf und begannen Rap zu tanzen.

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Samoswan erzählt, er kämpfe auch aus Angst um seine Freundin, seine Freundin sei sehr schön. Und er werde dieses Geschmeiß mit bloßen Händen erwürgen, wenn sie seiner Mutter etwas antäten. Samoswan glaubt an diesen Krieg. „Hinter uns steht die Wahrheit, hinter uns steht Gott“, sagt seine Mutter. „Und deshalb werden wir siegen.“

Als Mutter und Sohn mich zum Taxi begleiten, raunt Samoswan mir zu: „Hör mal, ich treffe mich heute Abend mit meiner Freundin. Unten, an den Stadtteichen, sie bringt noch ein anderes Mädchen mit.“ Der Junge wirkt, als habe Töten und Sterben ihn noch nicht süchtig gemacht.

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