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Ukraine: Wahlkampf mit einem Toten

Die Geschichte der unabhängigen Ukraine ist reich an Skandalen, aber keiner hat das Land so erschüttert wie der Mord am Journalisten Georgi Gongadse. Von Christian Esch

Georgi Gongadse, ukrainischer Journalist, wurde im Jahr 2000 entführt und ermordet.
Georgi Gongadse, ukrainischer Journalist, wurde im Jahr 2000 entführt und ermordet.
Foto: afp

Die Geschichte der unabhängigen Ukraine ist reich an Skandalen, aber keiner hat das Land so erschüttert wie der Mord am Journalisten Georgi Gongadse. Der unerschrockene Reporter, der in seiner Internetzeitung Ukrainska Prawda Korruption in Regierungskreisen aufgriff, wurde vor neun Jahren entführt, misshandelt und enthauptet. Die Empörung über das Verbrechen und die mutmaßlich hochgestellten Auftraggeber war eine Triebkraft der "Orangenen Revolution" von 2004. Wer allerdings wirklich den Mord befahl, konnte nie zweifelsfrei belegt werden.

Das könnte sich jetzt ändern. Am Mittwoch gab der ukrainische Geheimdienst bekannt, dass der mutmaßliche Mörder Gongadses gefasst worden sei - und dass er nicht nur die Tat gestanden, sondern auch die Auftraggeber genannt habe. Videoaufnahmen zeigten den ehemaligen General der Polizei Olexiy Putschak, wie er in einem Dorf des Gebiets Schitomir von Spezialkräften gestellt wird. Dort hatte der Mann unter falschem Namen in einem ärmlichen Bauernhaus gelebt und Kühe gehütet.

Der Mittäter Putschak sei bereit, den Ort zu zeigen, an dem der Kopf des Journalisten vergraben sei, teilte der Geheimdienst mit.

Vor einem Jahr waren bereits drei Untergebene Putschaks zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Als bekannt wurde, dass Putschaks Abteilung den Ermordeten kurz vor dessen Entführung beschattet hatte, war auch Putschak selbst 2003 festgenommen worden. Er kam aber bereits nach einem Monat wieder frei.

Das allerdings war noch unter dem damaligen Präsidenten Leonid Kutschma, der selbst zum Kreis der Verdächtigten gehört: Er soll den damaligen Innenminister Juri Krawtschenko beauftragt haben, Gongadse zu beseitigen. Das sollen Tonaufnahmen belegen, die Kutschmas Leibwächter Mykola Melnitschenko heimlich anfertigte, deren Echtheit aber von der ukrainischen Justiz bisher nicht anerkannt wurde. Auch Krawtschenko selbst belastete Kutschma in einem Abschiedsbrief, bevor er sich nur Stunden vor einem Verhör durch die Staatsanwaltschaft 2005 erschoss - oder erschossen wurde.

Die Veröffentlichung der Melnitschenko-Tonbänder hatte vor neun Jahren die Führung um Kutschma vollkommen diskreditiert. Dass der Mord dennoch bis heute nicht aufgeklärt wurde, gehört zu den Enttäuschungen der "Orangenen Revolution".

Kritiker vermuten, dass die überaus publikumswirksame Verhaftung Putschaks nun dazu dienen soll, Präsident Viktor Jutschtschenko im beginnenden Wahlkampf zu helfen. Im Januar sind Präsidentschaftswahlen, und Juschtschenko liegt in den Umfragen weit zurück.

Auch wenn ein Mittäter jetzt gefasst sei, bleibe die Frage nach den Auftraggebern offen, sagte Gongadses Witwe Miroslawa am Donnerstag in einem Radiointerview. Wie der Mord sei auch die Festnahme ein politischer Faktor, weil viele politische Akteure in den Fall verwickelt seien.

Es ist umstritten, ob die Auftraggeber wirklich gefunden werden können. Die Beweiskette sei zerrissen, als der damalige Innenminister Krawtschenko und ein Polizeigeneral unerwartet starben, sagte der Abgeordnete Anatoli Grizenko.

Der Vize-Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Nikolai Tomenko, äußerte den Verdacht, die Festnahme solle nur Wahlkampfmaterial liefern.

Autor:  Christian Esch
Datum:  24 | 7 | 2009
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