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03. Dezember 2010

Umfrage: Rechtspopulismus wächst unter Besserverdienern

 Von Olivia Schoeller
Die aggressive Stimmung gegen Obdachlose und Hilfsbedürftige hat während der Krise unter Besserverdienenden zugenommen.  Foto: picture-alliance/ dpa

Unter Besserverdienern nimmt die aggressive Stimmung gegenüber Hilfsbedürftigen zu. Forscher sprechen gar von einem „eisigen Jargon der Verachtung durch die Eliten“.

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BERLIN –  

Das soziale Klima in der Bundesrepublik wird immer eisiger. Die Zahl der Deutschen steigt, die mit Abneigung auf Fremde und Menschen blicken, die nicht als Leistungsträger dieser Gesellschaft gelten, hat das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld herausgefunden. Bemerkenswert ist, dass vor allem unter Besserverdienern die aggressive Stimmung gegenüber Hilfsbedürftigen zugenommen hat. Wilhelm Heitmeyer, Herausgeber der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“, spricht von einem „eisigen Jargon der Verachtung durch die Eliten“.

Angst vor sozialem Abstieg gab es immer. Doch meistens betraf das Menschen mit niedrigeren Einkommen. Dass sich heute auch Besserverdiener (über 2500 Euro netto im Monat) zu den Verlierern zählen und Fremde und sozial Schwache abwerten, führt Heitmeyer vor allem auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. Die Anzahl derjenigen, die sich von der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung bedroht fühlen, ist seit 2009 von 47 auf 53 Prozent gestiegen. Immer mehr Besserverdiener haben das Gefühl, dass sie heute weniger als ihren gerechten Anteil erhalten.

Insgesamt liegen die Besserverdiener, die rund 20 Prozent der der Bevölkerung ausmachen, mit ihren rechtspopulistischen Einstellungen zwar noch hinter den anderen Einkommensgruppen zurück. Aber in keiner der anderen Gruppen ist der Anstieg so deutlich, ergab die repräsentative Befragung von 2000 Menschen.

Dass Rechtsextreme islamfeindliche Einstellungen vertreten, ist nicht neu. Überraschenderweise aber hat im vergangen Jahr die Islamfeindlichkeit auch bei Menschen zugenommen, die sich politisch in der Mitte oder Links einordnen. Mit der Einwanderungsdebatte um das Buch von Thilo Sarrazin hat das offenbar nichts zu tun: „Diese Erhebung haben wir vor der Veröffentlichung gemacht“ sagt Heitmeyer. Als der frühere Bundesbank-Vorstand mit seinem Werk „Deutschland schafft sich ab“ im späten Sommer auf den Markt kam, traf er offenbar auf diese Stimmung.

Insgesamt stellt die Studie eine Entsolidarisierung und eine Ökonomisierung der Gesellschaft fest. Vor allem die Besserverdiener würden in Krisen immer häufiger den Wert eines Menschen an dessen Leistung messen. Die Solidarität mit Hartz-IV-Empfängern und Obdachlosen nehme deshalb in dieser Einkommensgruppe ab. Arme und Menschen mit niedrigen Einkommen hingegen solidarisierten sich mit Hilfsbedürftigen – die stehen ihnen nahe. Für die Unterstützung von Einwanderern zeigen Menschen der unteren Einkommensgruppe kaum Sympathien.

Eine Partei rechts von der CDU wird sich hier nach Meinung des Experten dennoch nicht etablieren können. Dafür mangele es an einer Führungsperson nach dem Vorbild des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders.

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