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UN-Gipfel: Planet der Hungernden

Von ihren Milleniumszielen im Kampf gegen die Armut sind die Vereinten Nationen weit entfernt: Immer mehr Menschen haben zu wenig zu essen. Und doch gibt es Fortschritte - ein Beispiel aus Malawi.

Länder wie Malawi brauchen  Nahrungsmittelhilfe.  Millenniumsprojekte sollen das ändern.
Länder wie Malawi brauchen Nahrungsmittelhilfe. Millenniumsprojekte sollen das ändern.
Foto: Getty Images

Mkumugwa. Im September steht die Welt in Mkumugwa gewöhnlich still. Der Boden ist trocken wie ein Knäckebrot, alle warten auf den ersten Regen im Oktober. Edson Chisande sollte jetzt eigentlich vor seiner strohbedeckten Lehmhütte sitzen und wie andere Farmer Löcher in die Luft starren. Aber er hetzt schon seit vier Uhr früh durch die Gegend. Er muss zweimal seine Fische im frisch gegrabenen Fischteich füttern, mit seiner Frau Backsteine für den Rohbau des neuen Hauses formen, die Bewässerung der Maisfelder überwachen und abends noch einer Besprechung der Farmerkooperative vorstehen. Wenn er Glück hat, wird er um zehn Uhr auf seine Matte fallen - todmüde, aber glücklich. "Von einem September wie diesem hätte noch vor einem halben Jahr keiner geträumt", sagt der 48-jährige malawische Farmer grinsend: "Millennium, wir danken dir!"

Während Chisande die Besucher durch seinen Mais führt, der grellgrün aus der braunen Landschaft sticht, folgt ein Chor von Frauen, die Preislieder auf "das Millennium" singen. Mkumugwas Dorfchef erntet selbst mit einer Machete Zuckerrohr: "Wir haben noch große Pläne", keucht Peter Mololo zwischen zwei Schlägen.


Foto: FR-Infografik

Bis vor kurzem gehörten Mkumugwa und Umgebung noch zu den ärmsten Regionen Malawis: Bei der Dürre 2003 verhungerten hier Hunderte. Sein neues, vibrierendes Leben verdankt das Dorf einem Bach, der bislang nur als Trinkwasserquelle genutzt wurde - und Agrarexperten, die im Rahmen des Millenniumdorf-Projektes nach Mkumugwa kamen, um den Dorfbewohnern die Kunst der Bewässerung beizubringen. Gemeinsam mit anderen Schritten, die mit der Wahl Mkumugwas als eines von weltweit 70 Millenniumsdörfern einhergingen, eine Revolution. Ein Maiskolben, im Winter auf den Markt gebracht, bringt Chisande statt der im Sommer üblichen fünf Kwacha (zwei Euro-Cent) das Vierfache. Seine Fische wird der Farmer für 50 Cent das Stück losschlagen. Und nachdem ihn das Millennium-Projekt mit Kunstdünger versorgte, erntete er 35 statt bisher zwölf Säcke Mais. Im Juni kaufte sich Chisande ein Handy und ein Radio. Und auf seinem Konto bei der mobilen Kleinkreditbank "Opportunity International" liegen inzwischen 46 000 Kwacha, 230 Euro. Wie war das möglich?

Ein Ökonom und 70 Dollar

Er werde der Welt zeigen, dass ein Entkommen aus der Armutsfalle möglich ist, schwor der New Yorker Wirtschaftsprofessor Jeffrey Sachs - einer der Väter der acht "Millenniumsziele", die die Staatschefs von 189 Ländern beim Jahrtausendgipfel vor acht Jahren in New York unterzeichneten. Die Vorgaben sehen unter anderem eine Halbierung der Zahl der Armen bis 2015 vor. Derzeit wird auf einem neuen Gipfel in New York beklagt, dass die Fortschritte beim Erreichen der Ziele zur Halbzeit viel zu wünschen übrig lassen. Es handele sich um "unrealistische Hirngespinste", wurde den Autoren der Millenniumsziele von Anfang an vorgehalten.

Um die Skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen, reiste Ökonom Sachs vor Jahren kreuz und quer durch Afrika - auf der Suche nach hoffnungslosen Winkeln. Dort wollte er zeigen, dass mit ausländischer Hilfe tatsächlich die Kehrtwende aus der Armutsfalle möglich ist: Bereits mit 70 US-Dollar pro Kopf und Jahr - was leicht zu finanzieren wäre, wenn sich die Industrienationen an ihr Versprechen hielten, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes als Entwicklungshilfe zu geben.

Zusammen mit sechs Nachbardörfern wurde Mkumugwa Ende 2005 in die Millenniumsdörfer aufgenommen. Seither erhalten die Einwohner der zentralmalawischen Region jährlich pro Kopf Hilfe im Wert von 70 Dollar. 30 000 Menschen leben hier, die sich mit ihrem archaischen Maisanbau nur schwer über Wasser halten konnten. Die Millenniumstrategen begannen mit dem Allernötigsten: Jede Familie erhielt zwei Sack Düngemittel, Saatgut für dürreresistenten Mais sowie imprägnierte Moskitonetze, die die Häufigkeit der Malaria, die Erwachsene oft über Tage ans Bett fesselt und viele Kinder tötet, in zwei Jahren um 25 Prozent reduzierten.

Schon nach der zweiten Millenniumsernte erstickte Lucius Thobola fast in Maiskörnern. Als wir ihn vor eineinhalb Jahren besuchten, stapelten sich in seinem Schlafzimmer die geernteten Kolben: Erstmals schwamm der 73-jährige Vater von zwölf Kindern, von denen acht im Kindesalter starben, im Überfluss. 18 Monate später pflanzt der Farmer außer Mais, Cassava, Zuckerrohr und Bananen auch noch Süßkartoffeln an, die er auf dem Markt verkauft. Thobola hat sich zwei Schweine zugelegt, die kürzlich ihre ersten sechs Ferkel bekamen. Er hat sich ein Handy gekauft und ein Konto bei der mobilen Bank eröffnet. Als Nächstes sei ein Fernseher dran, damit er Fußball gucken könne.

Die riesige neugebaute Scheune von Mwandama beherbergt neben Saatgut 11 760 Säcke Mais: Erster Beitrag der Bevölkerung für das Millennium-Projekt. Drei Säcke pro Jahr muss jede Familie beisteuern. Damit wird die Speisung der Schulkinder bestritten und eine Reserve für magere Zeiten angelegt. Der Rest soll für Bargeld auf dem Markt veräußert werden. "Wir sind in eine neue Phase eingetreten", lacht der 86-jährige Dorfchef Fyson "Teapot" Mcheka: "Galt unser Kampf bisher dem Hunger, so können wir jetzt erstmals an Entwicklung denken."

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Autor:  JOHANNES DIETERICH
Datum:  25 | 9 | 2008
Seiten:  1 2
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