Budapest. Die Täter schlagen stets in der Nacht zu, immer in kleinen Ortschaften in der ungarischen Provinz. Mal legen sie Feuer oder werfen Handgranaten. Immer aber erschießen sie ihre Opfer, allesamt unbescholtene, friedliche Bürger, in oder vor deren Häusern. Sie verschonen auch Kinder nicht.
Doch die Unbekannten töten nicht wahllos: Alle Ermordeten sind Angehörige der Roma-Minderheit in Ungarn.
Jüngstes Opfer ist eine 45 Jahre alte Witwe, die Anfang der Woche in ihrem Haus in Kisleta im Osten des Landes mit mehreren Schüssen aus Jagdgewehren förmlich hingerichtet wurde. Das Leben ihrer 13-jährigen Tochter, die bei dem Überfall schwer verletzt wurde, konnte nur durch eine mehrstündige Notoperation gerettet werden.
Übereinstimmende Spuren und Ähnlichkeiten beim Tathergang lassen für die Ermittler keine Zweifel mehr: Bis zu acht Morde in mehr als einem Jahr könnten - so ihre Annahme - auf das Konto der kaltblütigen Täter gehen.
Mehr als 100 Ermittler
Zuletzt waren im Februar ein Mann und sein fünfjähriger Sohn vor ihrem Haus in Zentralungarn erschossen worden. Selbst die ungarische Polizei spricht mittlerweile von einer Mordserie und schließt Rassismus als Motiv nicht mehr aus. Lange hatten die Ermittler einen Zusammenhang der Übergriffe und einen rassistischen Hintergrund verneint. Vertreter der Roma-Minderheit und Menschenrechtsgruppen warfen der Polizei daraufhin einseitige Ermittlungen und Parteilichkeit vor.
Die seitdem auf mehr als 100 Ermittler aufgestockte Sonderkommission der Polizei hofft nun auf die Aussage der 13-jährigen Überlebenden: Sie hat die Täter offenbar von Angesicht zu Angesicht gesehen, als bislang erste Augenzeugin. Das Mädchen ist derzeit aber nicht vernehmungsfähig.
Am Dienstag erhöhte Landespolizeichef Jozsef Bencze die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, auf die Rekordsumme von 100 Millionen Forint (rund 370.000 Euro).
Profilern der US-amerikanischen Bundespolizei FBI
Unterstützt von eigens aus den Vereinigten Staaten eingeflogenen Profilern der US-amerikanischen Bundespolizei FBI haben die ungarischen Ermittler den Kreis der Verdächtigen bereits eingegrenzt. Es soll sich demnach um mehrere Täter handeln, die ihr Vorgehen professionell planen und mit Waffen umzugehen wissen. Die Polizei ermittelt deshalb auch im Kreis früherer Militär- und Polizeiangehöriger, unter Jägern sowie ehemaligen Mitgliedern der französischen Fremdenlegion. Bislang allerdings erfolglos.
Gleichzeitig wächst der Druck auf die mehr als 600.000 Ungarn, die zur Roma-Minderheit der Donaurepublik zählen. In dem von der Weltwirtschaftskrise besonders stark gebeutelten Land hetzen rechtsextreme Kräfte seit Monaten erfolgreich gegen eine vermeintlich spezifische "Zigeunerkriminalität" und sprechen ungarischen Roma generell die Bürgerrechte ab.
Uniformierte Mitglieder der paramilitärisch auftretenden Ungarischen Garde provozierten mehrfach durch Aufmärsche in vor allem von Roma bewohnten Gegenden. Die rassistische Kampagne der jüngst gerichtlich verbotenen Garde und der mit ihr verbundenen Partei Jobbik fällt auf einen fruchtbaren Boden: Laut einer Studie der Zentraleuropäischen Universität in Budapest glaubt die Hälfte der Ungarn, das Roma genetisch zu Kriminalität neigen.
Bei den Europawahlen im Juni kam Jobbik überraschend auf knapp 15 Prozent der Stimmen und schickte drei Abgeordnete ins Europaparlament.
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