kalaydo.de Anzeigen

Unglücksort Kölner Stadtarchiv: Traurige Gewissheit in der Severinstraße

Die Feuerwehr entdeckt zuerst einen Arm - dann bergen die Einsatzkräfte den toten Bäckerlehrling. Die Kölner Verkehrsbetriebe entschuldigen sich bei den Angehörigen der Opfer. Von Tim Stinauer Thema des Tages


Foto: dpa

Köln. Der Anruf, auf den er seit Tagen wartet, erreicht Feuerwehrchef Stephan Neuhoff in der Nacht zum Sonntag. Seine Kollegen haben endlich einen der beiden vermissten Männer in dem Trümmerhaufen gefunden - den 17 Jahre alten Kevin K. Er ist tot. Ein Mitarbeiter der Freiwilligen Feuerwehr hat inmitten des Gerölls zunächst seinen Arm entdeckt. Von dem zweiten Mann fehlt bislang jede Spur.

Neuhoff eilt zur Einsatzstelle, die ab sofort ein Tatort ist. Die Polizei hat das Kommando übernommen. Ein Kriminalbeamter dirigiert einen Bagger, der vorsichtig weitere Trümmerteile entfernt. Die restliche Arbeit erledigt die Berufsfeuerwehr mit Schaufeln und mit ihren Händen. Zwei Stunden später wird der Leichnam geborgen und in das Institut für Rechtsmedizin gebracht.

Die Suche nach den Vermissten an der Kölner Severinstraße geht weiter.
Die Suche nach den Vermissten an der Kölner Severinstraße geht weiter.
Foto: dpa

Um 6 Uhr steht fest: Kevin K. hat schwere Verletzungen an der Brust und am Kopf erlitten. "Er ist sofort getötet worden, er kann nicht noch eine gewisse Zeit überlebt haben", berichtet Kriminaldirektor Tobias Clauer. Umgehend informieren die Behörden die Angehörigen des Verunglückten. Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma kondoliert den Verwandten und Freunden: "Damit sind die schlimmen Befürchtungen traurige Gewissheit geworden, dass das Unglück auf der Severinstraße Menschenleben gekostet hat. Ich bin bestürzt über diese tragischen Ereignisse. Zu dem schmerzlichen Verlust spreche ich den Angehörigen und den engen Freunden im Namen der Stadt Köln und besonders auch persönlich mein tief empfundenes Beileid aus."

Kriminaldirektor Clauer sagt: "Nach allem, was wir wissen, hat der junge Mann geschlafen, als das Unglück geschah." Kevin K. hatte seine Arbeitsstelle - eine Bäckerei in der Innenstadt - am Dienstag gegen 8 Uhr verlassen und war nach Hause gegangen. Er bewohnte ein Appartement unter dem Dach, direkt neben dem Gebäude des Stadtarchivs. Bekannten soll er im Hausflur erzählt haben, dass er sich jetzt schlafen lege. Um 14 Uhr stürzte das Archiv ein und riss zwei Drittel des Wohnhauses mit sich. "Die Leiche lag etwa vier Meter unter der Straßendecke, unter einem Trümmerberg, der an der höchsten Stelle acht Meter hoch war", berichtet Feuerwehrsprecher Daniel Leupold.

Zwar hatten Spürhunde des Roten Kreuzes schon wenige Stunden nach dem Einsturz an exakt dieser Stelle angeschlagen, aber das Gelände war zu unsicher, so dass die Feuerwehr die Suche nicht intensivieren konnte. Erst in der Nacht zum Samstag, nachdem der Untergrund mit fast 2000 Kubikmetern Beton verfüllt worden war, nahmen die Retter die Suche wieder auf. Ein Bagger trug eine Schicht Schutt ab, dann wurden Rettungshunde von der Leine gelassen, anschließend Leichenspürhunde, dann beseitigte der Bagger die nächste Schicht. "Nach diesem Prinzip haben wir uns Stück für Stück weiter nach unten gegraben", erklärt Leupold.

Die Einsatzkräfte setzten ihre Suche nach dem zweiten Vermissten fort. Khalil G. (24) bewohnte das Appartement neben Kevin K.. Die Retter vermuten, dass sein Körper in der Nähe der Stelle liegen könnte, wo sie auch den 17-Jährigen gefunden haben. "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Mann lebend finden, ist sehr, sehr gering", sagt ein Feuerwehrsprecher. Bisher wurden bei der Suche nach den Vermissten etwa 350 von insgesamt 600 Kubikmetern Schutt weggeräumt.

Dabei sind die Helfer bemüht, neben den Archivalien auch weiterhin unversehrte Dokumente und Wertgegenstände zu bergen. Jede Fuhre Schutt, die ein Bagger auf einen Lastwagen hebt, wird nach Gegenständen durchsucht. Die Trümmer werden zu einer Lagerhalle gebracht, wo Helfer sie ein zweites Mal sichten, bevor sie endgültig entsorgt werden.

Vom heutigen Montag an sollen die weiträumigen Absperrungen um die Unglücksstelle zurückgenommen werden. Dann werden mehr Kunden die anliegenden Geschäfte besuchen; Anwohner umliegender Straßen können wieder bis zu ihren Häusern fahren, ohne jedes Mal eine Berechtigung vorlegen zu müssen. Der Unterricht für die Schüler zweier angrenzender Gymnasien wird in provisorischen Räumen wieder aufgenommen. "Das öffentliche Leben soll so gut wie möglich wieder seinen normalen Weg nehmen", sagt der Leitende Polizeidirektor Dieter Klinger.

Am Sonntagnachmittag entschuldigen sich die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) für das Unglück, das offenbar durch die U-Bahn-Bauarbeiten in der Südstadt ausgelöst wurde. KVB-Chef Jürgen Fenske sagt, "dass ich mich auch entschuldigen möchte für das, was passiert ist". Die Entschuldigung richte sich an die Angehörigen der Opfer, die geschädigten Anwohner und alle diejenigen, "die sich nun Sorgen machen um ihre Situation". Dies sei aber ausdrücklich kein Schuldeingeständnis.

Derweil bekräftigen Polizei und Feuerwehr, es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass weitere Menschen unter den Trümmern verschüttet sein könnten.

Autor:  TIM STINAUER
Datum:  8 | 3 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Neuste Bildergalerien Politik
Bekannt wurde Nicolas Sarkozy für seine ausdrucksstarke Mimik und seine ausholenden Gesten. Hier mit seinem belgischen Finanzminster-Kollegen Didier Reynders im November 2004 bei einem Eurogruppen-Meeting in Brüssel.
Nicolas Sarkozys Karriere in Bildern
Ein Bestattungswagen steht hinter einem beschädigten Reisebus auf der Autobahn 4 bei Hainichen.  Foto: Hendrik Schmidt
Blitzeis auf Autobahn - Schweres Busunglück
Nur noch wenige Projektgegner sind laut Polizei auf dem Gelände. Foto: Bernd Weißbrod
Polizei räumt Schlossgarten für Stuttgart-21-Baustelle
Pro-Tibet-Proteste in Washington
Sieben Lastwagen und 15 Autos sind in der Nacht auf der A 57 bei Dormagen ineinandergerast. Foto: Oliver Berg
Toter und 13 Verletzte bei Massenkarambolage auf A 57
Was verdienen die Deutschen? Bei ihrer Regierungschefin lässt sich das klar beantworten. Laut Bundesministergesetz stehen Angela Merkel derzeit monatlich 19.705,68 Euro zu. Hinzu kommen Dienstaufwandsentschädigungen und eine Amtswohnung.
Was die Deutschen verdienen
Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (241 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Die Szene, die zum umstrittenen Strafstoß führte.
Eintracht gegen Düsseldorf 
Auch Bettina Wulff wirkt müder als sonst - hier besichtigt sie Leonardo da Vincis
Bundespräsident Wulff in Italien 
Sascha Rösler, Agent Provocateur
Sascha Rösler 
Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!