Beifall für die Deutschland-Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff gab es nicht zuletzt von den hier lebenden Muslimen. Seine Rede, so der Zentralrat der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sei „ein Zeichen gewesen, dass die Muslime keine Bürger zweiter Klasse sind“. In Anlehnung an eine Rede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog glaubt Aiman Mazyek, dass diese Rede einen Ruck auslösen werde, der durch die muslimische Gesellschaft gehe.
Bundespräsident Wulff hatte am Tag der Einheit erklärt: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Inzwischen breitet sich Unmut über diese Passage der Rede aus. Wie eine am Dienstag veröffentlichte repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Bild-Zeitung ergab, stimmen 66 Prozent der Deutschen diesem Satz ausdrücklich nicht zu. Unterstützung fand der Bundespräsident bei 24 Prozent der Befragten, neun Prozent hatten keine Meinung.
Eine stärkere Meinungsfreude artikuliert sich unterdessen in der CDU/CSU. Hinsichtlich der Passagen zum Islam und den Muslimen in Deutschland sei Wulffs Rede missverständlich gewesen, sagte der CSU-Innenexperte Norbert Geis im Deutschlandfunk. „Wenn der Bundespräsident den Islam in Deutschland mit dem Christentum und dem Judentum gleichsetzen wollte, hielte ich das für falsch.“ Man wolle ja keine muslimische Kultur, so Geis weiter. „Wir wollen, dass dieses Abendland christlich weiterbesteht.“
Ähnlich sieht es Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses: „Zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition.“ Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) formulierte in der Leipziger Volkszeitung programmatisch: „Aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden.“
Die aktuellen Ausflüge von CDU-Politikern in die deutsche Kultur- und Religionsgeschichte betrachtet der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und frühere Direktor des Fritz Bauer Instituts, Micha Brumlik, als wohlfeile Rhetorik. Man habe sich hierzulande aus Gründen der politischen Korrektheit angewöhnt, von christlich-jüdischer Tradition zu sprechen. Dabei werde nur allzu leicht übersehen, dass die Juden in Europa über lange Zeiten hinweg sehr unter dem Christentum gelitten haben. „Wenn man fragt, ob es eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben habe, so muss die Antwort lauten: Nein“, sagte Brumlik der Frankfurter Rundschau.
Sehr wohl könne man allerdings von einer geistigen Symbiose zwischen Deutschen und Juden sprechen, die sich insbesondere in den Künsten und der Geistesgeschichte niedergeschlagen habe. Vergleichbares habe es zwischen Christentum und Islam allenfalls in Ansätzen gegeben. Die Bezugnahme auf die christlich-jüdische Tradition stellt für Brumlik eine euphemistische Verkürzung der Geschichte dar. Eine hegemoniale christliche Kultur habe es in Deutschland nicht gegeben.
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