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14. Dezember 2012

Unisex-Tarife : Das neue Geschlechter-Einerlei

 Von Mira Gajevic
Ein Toilettenraum für alle. Unisex könnte manch einem Mann einen schmerzhaften Blasenverhalt ersparen. Foto: Fotolia

Ab dem 21. Dezember spielt beim Abschluss neuer Versicherungen das Geschlecht keine Rolle mehr. Der Europäische Gerichtshof hat die Diskriminierung beendet und ein Wort in Mode gebracht. Wir spüren dem Phänomen nach.

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Männer sind rational, machtbewusst, stehen ständig im Wettbewerb und wollen sich allen beweisen. Frauen sind einfühlsam, kommunikativ, sozial und unglaublich gute Teamplayer. Geschlechterklischees sind hartnäckig, vor allem, wenn sie im Gewand vermeintlich wohlmeinender Charakterisierungen daherkommen. Die These, dass Männer denken und Frauen fühlen, wird dann gerne noch wissenschaftlich untermauert durch diverse Studien, die die Ursachen für Geschlechterunterschiede im Hirn oder den Hormonen gefunden haben wollen. Neurosexismus, nennt das die australische Psychologin Cordelia Fine. In ihrem Buch „Die Geschlechterlüge“ hat die Autorin hundert entsprechende Studien untersucht. Ihr Fazit: Es ist ein Mythos und wissenschaftlich nicht haltbar, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen biologisch, genetisch, hormonell oder neuronal bestimmt sind. Fine schreibt von der subtilen Macht der Rollenstereotype, von geschlechtertypischen Erwartungen und Vorurteilen, die uns beeinflussen, selbst wenn wir das nicht wollen oder uns dessen gar nicht bewusst sind.

Sind Frauen und Männer gleich? Zumindest darf niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden.
Sind Frauen und Männer gleich? Zumindest darf niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt werden.
Foto: Getty Images

Das Gericht und die Prämie

Ein Beispiel: Als den Teilnehmern in einem Test, der das räumliche Vorstellungsvermögen untersucht, erklärt wurde, dass diese Fähigkeit mit Erfolg auf Gebieten wie Luftfahrttechnik oder Nuklearantriebstechnik zusammenhängt, schnitten Männer deutlich besser ab. Als es dagegen hieß, dass ein gutes Ergebnis eine Begabung für Häkeln, kreative Stickerei und Blumenarrangements prognostiziert, hatte dies einen verheerenden Einfluss auf die Leistung der männlichen Teilnehmer. Das Fazit der Wissenschaftler: Das Ergebnis solcher Tests hängt davon ab, wie motiviert Männer und Frauen sind. Die Motivation wiederum wird von unzähligen Faktoren beeinflusst. Typisch männlich, typisch weiblich war da nichts.

Sind Männer und Frauen also alle gleich? Sie sind es genauso wenig wie alle Männer oder alle Frauen gleich sind. Frauen in den Führungsetagen der Banken hätten die Finanzkrise nicht verhindert und Männer können einfühlsame Erzieher sein. Niemand muss sich mehr in feste Rollen zwängen lassen, auch wenn rosa glitzernde Spielwarenabteilungen oder der Erfolg von Heidi Klums Germany’s next Topmodel einen gelegentlich daran zweifeln lassen.

Also, ja zu Unisex-Tarifen bei den Versicherungen, denn niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt werden. Das hat der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr ganz richtig entschieden, als er die vom Geschlecht abhängige Höhe der Prämie diskriminierend fand, für ungültig erklärte und der Versicherungsbranche eine Frist zur Umstellung setzte. Vom Freitag nächster Woche an gelten nun beim Abschluss neuer Versicherungen Unisex-Tarife. Und das höchstwahrscheinlich, obwohl der Bundesrat am Freitag das dazugehörende Gesetz erst mal in den Vermittlungsausschuss verwiesen hat. Denn die Versicherer, die sich seit Monaten mit der Umstellung beschäftigen, werden vermutlich auch ohne diese gesetzliche Grundlage die neuen Tarife einführen. Ja also zu Unisex-Versicherungsprämien.

Ja zu gleichen Rechten, Löhnen und Gehältern. Aber müssen wir deshalb alle auf Unisex-Toiletten gehen? Nein!

Arbeitsmarkt
Mode
Vornamen
Parfüm
Spielzeug
Toiletten
Gehälter
Friseurpreise

Die jüngste Analyse der Bundesagentur für Arbeit zu den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt liest sich für Frauen zunächst positiv. Dort heißt es, dass die „Zwänge zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung“ zurückgingen. Die körperliche Leistungsfähigkeit spiele im Erwerbsleben nur noch eine geringe Rolle. Das liege daran, dass Dienstleistungen und Informationsaufgaben im Arbeitsleben stetig zunehmen würden. Trotzdem führen diese Trends für Frauen nicht automatisch zu besseren Chancen auf eine Beschäftigung. Sie arbeiten häufig in Dienstleistungsjobs, die vom Abbau bedroht sind. Die Misere um die sogenannten Schlecker-Frauen Anfang des Jahres ist noch in heller Erinnerung. Schon allein die Wortschöpfung für die Arbeitnehmer des Drogerie-Imperiums machte klar, dass mit der Wahrnehmung von Werktätigkeit in der Gesellschaft etwas nicht stimmte: Als wären Berufe wie bei Schlecker an der Kasse zu stehen nur für Frauen gedacht. Diese Wahrnehmung wird durch die Analyse der Arbeitsagentur aber bestätigt. Hoch qualifizierte Frauen profitieren vom Trend zu mehr Dienstleistungen, gering qualifizierte sind jedoch überdurchschnittlich oft vom Abbau von Arbeitsplätzen betroffen. Ein großes Problem bleibt die Familienplanung. Tradierte Rollenverteilungen und ungleiche Verteilung der familiären Aufgaben machen es möglich. Die Quote der Beschäftigten stellt sich deshalb zwischen den alten und den neuen Bundesländern unterschiedlich dar. Im Westen liegt sie für Frauen bei 48,4 Prozent. Für Männer bei 57,1 Prozent. Im Osten kommen Frauen auf 54 Prozent und liegen damit etwas über den Männern mit 53,4 Prozent. Dies gilt jedoch nur für Arbeitnehmer. Von einer solchen Ausgeglichenheit in Vorstandsetagen können Frauen zurzeit nur träumen. (gm.)

Schon ein bisschen gemein: Frauen können sich von Männern Oberhemden, Anzughosen, Hosenträger und dergleichen mehr ausleihen und dürfen sich dann so herrlich androgyn fühlen wie einst Marlene Dietrich im Smoking. Andersherum ist der Bekleidungs-Transfer eher selten überzeugend – weswegen es auch Boyfriend-Jeans und keine Girlfriend-Jeans gibt. Übergroß geschnitten, handwerkerhaft abgewetzt und wie vom starken Mann geborgt, sind sie das derzeit populärste Stück Unisex-Mode. Überhaupt dürfen Hosen als Klassiker in puncto Beanspruchung männlicher Kleidungsstücke durch die Frau gelten. Sie wurden, wie bereits in den Zwanzigern, Ende der 60er-Jahre Trend, parallel zum ebenfalls gerade erst durchgesetzten Minirock. Mit Hotpants und Schlaghosen begann eine schillernde Ära, in der sich die Männer ausnahmsweise an der Damenmode orientierten, mit sehr knalligen Farben und erstaunlich körperbetonten Schnitten. Manchmal waren die Herrenhosen derart eng, dass nicht mal ein Portemonnaie in die Potasche passte. (cab.)

Beidgeschlechtlich verwendbare Vornamen liegen im Trend, diagnostiziert die Gesellschaft für deutsche Sprache. Geschuldet sei das dem angloamerikanischen Einfluss: Denn in den USA sind Vornamen ohne klare Geschlechtszuordnung verbreiteter als hierzulande, der Phantasie der Eltern sind dort weniger Grenzen gesetzt. Hierzulande verlangen Standesbeamte, dass bei nicht geschlechtseindeutigen Vornamen ein zweiter nötig ist. Ein Unisex-Vorname, der hierzulande vorrangig an Jungs vergeben wird, aber auch für Mädchen tragbar wäre, hat es sogar in die Top Ten geschafft: Luka. Etwa ein Viertel aller gegenwärtig geläufigen Vornamen-Formen sei inzwischen unisex, schätzen die Sprachforscher.
Neu ist das Phänomen nicht. „Ich heiße Heike, bin von 1938 und männlich!“, jammert etwa ein Betroffener in einem Internetforum. Und eine Charles beklagt, dass sie dumm angeguckt wird, wenn sie sich als Frau erweist. (ost.)

Holzig für Herren, blumig für Damen: So klischeehaft einfach ist das natürlich nicht mit Parfüms. Es wird vermutlich noch lange dauern, bis Männer nach Rosen und Veilchen riechen wollen, aber dennoch gibt es eine ganze Menge Duftwässerchen, die von beiden Geschlechtern gern getragen werden. Keine schweren, schwülen, süßlichen, sondern solche, die zitronig und eher herb sind oder an eine Meeresbrise erinnern. Am bekanntesten ist „ck One“, 1994 auf den Markt geworfen und exzessiv als Unisex-Duft beworben. Wobei das nun wirklich keine Erfindung von Calvin Klein ist, denn sowas gab es schon 1889, mit „Jicky“ von Guerlain. (cab.)

Eltern haben die Qual der Wahl: Rosa oder Braun. Glitzer oder Camouflage. Prinzessin Lillifee oder Capt’n Sharky. Geschlechtsneutrales Spielzeug? In Farben, die Jungen wie Mädchen ansprechen? Das war einmal. Es gibt immer weniger Kinder, der Markt ist gesättigt. Also schafft man neue Produkte, die gezielt ein Geschlecht ansprechen und vor Rollenklischees nur so triefen. Für den Jungen gibt es die Lego Serie Hero mit säbelschwingenden Kämpfern. Für Mädchen hat die dänische Klötzchenfirma „Lego Friends“ erfunden. Fünf Freundinnen, die in der lila-rosa Traumwelt Heartlake City leben, Pferde lieben und in Schönheitssalons gehen. Nicht nur für Feministen ein Albtraum. Die Kampagne Pinkstinks um die Hamburger Geschlechterforscherin Stevie Schmiedel wehrt sich gegen die „Pinkifizierung“ durch die Industrie. Einen ersten Erfolg schreibt sie sich bereits auf die Fahnen: Das rosa Überraschungsei nur für Mädchen („Ei love rosa“) wird angeblich kaum noch verkauft. (mir.)

Frauen haben es gut. Sie gehen zur Toilette, schließen die Kabinentür und brauchen sich um ihre Intimsphäre keine Gedanken zu machen. Den Männern hingegen wird per se die Abwesenheit jeglicher Scham unterstellt, sie müssen beim Pinkeln nebeneinander stehen und zum Beweis vermeintlicher Lockerheit dabei auch noch blödes Zeug ratschen, während man genötigt wird, die Kacheln zu betrachten. Doch bei nicht wenigen Männern führt diese körperliche Nähe zum selben Geschlecht zum schmerzhaften Blasenverhalt; sie warten lieber, bis eine Kabine frei wird, von denen es zumeist nicht annähernd so viele gibt wie von den Pissoirs. Allein schon die Geschlechtertrennung bei Toiletten ist albern. Im Berliner Club Berghain war mit solchen Genderunterschieden von Beginn an Schluss: Es gibt eine Toilette für alle, egal, ob Mann oder Frau oder auf welches Geschlecht auch immer an diesem Abend die Wahl fiel. Und warum sollten die Geschlechter nicht gemeinsam das tun, wo sie die größte Ähnlichkeit zueinander aufweisen? Nämlich zur Toilette gehen. Der doch recht anachronistische Einwand, dass das für Männer eventuell ihre Sichtweise auf die liebreizende Frau ihrer Wahl zunichte machen könnte, oder dass Frauen entsetzt sein könnten ob der Verhaltensweise von Männer im wenig stillen Örtchen (die sie ohnehin schon insgeheim vermuteten), ist obsolet, wenn es Kabinen mit ordentlichen Türen und Trennwänden vom Boden bis zur Decke gäbe. Ein Toilettenraum für alle! Mehr Gleichheit unter den Geschlechtern! (mpw.)

Angela Merkel wird als Bundeskanzlerin nicht weniger Geld verdienen als ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Sie stellt damit jedoch eine Ausnahme dar, die durch die klare Regelung für die Vergütung ihrer Amtsausübung gegeben ist. Frauen in Führungspositionen verdienen in Deutschland jedoch im Schnitt 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das errechnete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in seiner jüngsten Erhebung für das Jahr 2010. Führungskräfte sind besonders stark betroffen, aber die Ungerechtigkeit bei der normalen Arbeitnehmerschaft liest sich nicht minder empörend. Eine Umfrage des Online-Portals frauenlohnspiegel.de besagt, dass der Bruttoverdienst von Frauen über alle Beschäftigungsgruppen gesehen im Jahr 2011 rund 21 Prozent unter dem von Männern lag. Die Zahlen der Wiesbadener Behörde bestätigen das, oder könnten vielleicht sogar einen Trend erkennen lassen. Denn waren es 2006 noch 23 Prozent, so ermittelten die Statistiker für 2010 einen Wert von 22 Prozent. Das wäre ein langsamer Prozess zur Besserung, wenn es denn einer ist. Immerhin, aber immer noch schlimm: Bei vergleichbarer Tätigkeit reduziert sich der Unterschied zwischen den Verdiensten von Frau und Mann auf lediglich acht Prozent. (gm.)

Haare sind lockig oder glatt, dünn oder dick, fein oder schwer, blond, braun, schwarz, rot – was macht es da für einen Unterschied, ob der Kopf dazu einem Mann oder einer Frau gehört? Nun, beim Friseur macht es einen geradezu haarsträubenden Unterschied, einen von zehn, fünfzehn Euro. Noch immer zahlen Frauen bei vielen Friseuren bis zu doppelt so viel für einen Haarschnitt wie Männer. Am Arbeitsaufwand kann das nicht mehr liegen. Dem Mann von heute wird längst nicht nur schlicht der Kopf geschoren – da wird mit geometrischer Exaktheit gestuft und akzentuiert, da werden feinsäuberlich Nacken und Koteletten ausrasiert, da wird gefönt und gestylt. Fortschrittliche Friseure unterscheiden deshalb nicht mehr zwischen „Damen-“ oder „Herrenschnitt“, sondern allenfalls noch zwischen lang oder kurz. (alm.)

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