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20. Januar 2011

Unregelmäßigkeit im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld: Berlin setzt auf Risiko

 Von Steven Geyer
Kein Problem sieht der Betreiber von Grafenrheinfeld, Eon.  Foto: dpa

Das Umweltministerium lässt den Reaktor in Grafenrheinfeld trotz Auffälligkeit nicht abschalten. Der Betreiber Eon hatte zuvor insistiert: Mit einem Riss nahe dem Reaktorkern habe das unklare Ultraschall-Messergebnis nichts zu tun.

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Das Umweltministerium lässt den Reaktor in Grafenrheinfeld trotz Auffälligkeit nicht abschalten. Der Betreiber Eon hatte zuvor insistiert: Mit einem Riss nahe dem Reaktorkern habe das unklare Ultraschall-Messergebnis nichts zu tun.

Berlin –  

Umweltschützer und Opposition sprechen von einem Tabubruch, einmalig ist der Vorgang allemal: Es geht um eine im Juni 2010 entdeckte Unregelmäßigkeit im unterfränkischen Atomkraftwerk Grafenrheinfeld, die der Betreiber Eon erst im Dezember dem Bund meldete. Und obwohl bis heute unklar ist, ob dahinter ein Riss nahe dem Reaktorkern steckt und wie groß dann das Sicherheitsrisiko wäre, lässt das Bundesumweltministerium den Reaktor nicht vorsichtshalber abschalten. So war es in solchen Fällen bisher üblich, bis die Lage geklärt war.

In diesem Fall jedoch konnte sich Betreiber Eon mit der Sicht durchsetzen, dass das unklare Ultraschall-Messergebnis nicht an einem Riss gelegen habe. Es bestehe also keinerlei akute Gefahr und es sei ausreichend, das Bauteil bei der nächsten planmäßigen Revision im März auszutauschen. Bis dahin erlauben Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und sein Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit, Gerald Hennenhöfer, den Weiterbetrieb des AKW.

Pikante Parallelen

Besonders pikant ist nun jedoch: In einem vertraulichen Protokoll der Reaktorsicherheitskommission (RSK), das der Frankfurter Rundschau vorliegt, wurde das Umweltministerium bereits im September darauf hingewiesen, dass ein ähnlicher Ultraschallbefund im schweizerischen AKW Gösgen sich 2005 nach Austausch des Bauteils tatsächlich als Riss herausgestellt hatte. Dieser war „betrieblich entstanden und gewachsen“, heißt es in dem Papier. Die Schadensursache sei nicht eindeutig geklärt, gehe aber über die übliche Langzeitermüdung hinaus. Deshalb müssten „die Prüfergebnisse (in Grafenrheinfeld) sicherheitsgerichtet so interpretiert werden, dass es sich um einen betrieblich entstandenen und gewachsenen Fehler“ handelt.

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Ein Mitglied des unabhängigen Beratergremiums war sogar der Meinung, „es sei nicht auszuschließen, dass in weiteren deutschen Anlagen gleichartige Befunde vorliegen, die bisher nicht festgestellt worden sind“, weil der entsprechende Bereich „nicht wiederkehrend geprüft wurde“. Die RSK empfahl Röttgen zwar keine Sofort-Abschaltung des AKW – sehr wohl aber, „auch die anderen Kernkraftwerke auf derartige Befunde“ zu prüfen.

Die in Grafenrheinfeld entdeckte Anomalie liegt nahe einem Thermoschutzrohr; an einer Leitung, die den Hauptkühlkreislauf mit dem Druckbehälter verbindet. Würde das Rohr tatsächlich reißen, zitiert der Spiegel einen RSK-Fachmann, führe dies unweigerlich zu einem schweren Kühlmittelaustritt. Die Folge wäre ein Störfall der Stufe 3 auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala. Kurz: Dann würde die Anlage radioaktiv verseucht.

SPD: „Verflechtung in Bayern“


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„Mit der Entscheidung, das AKW Grafenrheinfeld dennoch weiterlaufen zu lassen, brechen Röttgen und der frühere Atomlobbyist Hennenhöfer ein Tabu“, sagte die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, der FR. Ein Befund am Primärkreislauf erfordere die Konsequenz, das Kraftwerk erst wieder ans Netz zu lassen, wenn die Ursache klar und das Problem behoben ist. „Doch das Umweltministerium beschwichtigt und wartet ab – ohne überhaupt zu wissen, worum es sich genau handelt und ohne die Ursache zu kennen.“

Auch der SPD-Innenpolitiker Frank Hofmann fordert Aufklärung. „Der Umgang mit dem Befund ist mehr als bedenklich“, erklärte er. Dass Eon und das Land Bayern ihn ein halbes Jahr „totgeschwiegen“ und erst dann an die Bundesbehörden gemeldet haben, sei „ein starkes Stück“. „Es scheint eine Verflechtung zwischen staatlicher Aufsicht und Atomkonzern zu geben, die der Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger abträglich ist.“

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