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24. Mai 2015

Unruhen in Burundi: „Die Jugend hat genug“

 Von 
Ein burundischer Soldat feuert Warnschüsse auf Demonstranten.  Foto: REUTERS

Entwicklungshelfer Ziser äußert sich im Interview über die neue Generation, die in Burundi für ihre Rechte kämpft, das verschwendete Potenzial des Landes und das richtige Verhalten der internationalen Gemeinschaft.

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Herr Ziser, Sie sind nach knapp acht Jahren erst jüngst aus Burundi nach Deutschland zurückgekehrt. Sind die jetzigen Unruhen eine Langzeitfolge des Bürgerkrieges?

Während der acht Jahre, die ich in Burundi verbringen durfte, spürte ich ganz stark zwei Dinge: die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung, die fast 15 Jahre drangsaliert worden war. Aber auch die Aufbruchstimmung, viel Hoffnung und den Willen, das Land zu entwickeln. Diese Stimmung verschwand, seit Präsident Pierre Nkurunziza 2010 seine zweite Amtszeit begann. Aus Hoffnung wurde Verzweiflung. Die Arbeitslosigkeit blieb sehr hoch, der Analphabetismus ist noch immer Alltag, und in manchen Gebieten wird gehungert. Arbeit gibt es immer häufiger nur für die, die der Präsidentenpartei angehören, und einige wenige sind sehr, sehr reich geworden. Das sieht man deutlich an den Prachtbauten in der Hauptstadt Bujumbura.

Woran machen Sie die Verzweiflung in der Bevölkerung fest?

Der Staat kümmert sich einfach nicht um das Volk. Ein Beispiel: In Bujumbura gab es einen großen Zentralmarkt, er brannte vor einiger Zeit ab. Die Stadtverwaltung hat über ein Jahr lang die Trümmer einfach liegen gelassen. Dabei war das das wirtschaftliche Herz der Stadt und des Landes. Die Regierung unternahm nichts, um den Handel wieder zu beleben, die Polizei vertrieb die Händlerinnen mit ihren Obstkörben, die sich an den Straßenrändern niederließen.

Wie konnte sich die Regierung dann so lange halten?

Es gibt ein Video von vergangenem Jahr, das gut zeigt, mit welchen populistischen Mitteln Nkurunziza sich die Stimmen der einfachen Landbevölkerung sichert, und das sind immerhin 90 Prozent der Burundier. Zu sehen ist, wie er vor einem Bauern kniet, ihm die Füße wäscht und ihm anschließend neue Sportschuhe schenkt. Das ist nur ein Beispiel für den plumpen Populismus.

Warum funktioniert er nicht mehr?

Zur Person:

Philipp Ziser (32) lebte bis vor kurzem in Burundi und half dort beim Aufbau einer Nichtregierungsorganisation, die sich in der Ausbildung engagiert. Er ist heute Leiter Kommunikation und Fundraising von burundikids e.V.

In Burundi herrschte 1993 bis 2005 ein Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi. Die Trennung der Menschen in diese Gruppen hat historisch gesehen ökonomische Gründe. Deutsche Kolonialherren machten daraus Ethnien, die späteren belgischen Kolonialisten behielten das bei. Der Bürgerkrieg war eine Langzeitfolge der Kolonialpolitik. vf

Die Regierung hat die Aufgeklärtheit der neuen Generation unterschätzt. Eine gebildete Generation, die die ihr aufgetischten Informationen nicht mehr schluckt, ohne sie zu hinterfragen. Die vielen Demonstrationen sind das Ergebnis einer unfähigen, korrupten Regierung und des Versuchs des Präsidenten eine dritte Amtszeit anzustreben, die es laut Verfassung gar nicht geben darf.

Ein Militärputsch ist aber auch keine Antwort darauf.

Der Putsch war international umstritten, das stimmt. Aber viele in Bujumbura feierten die Militäraktion. Die Soldaten wollten einfach nicht hinnehmen, dass die Polizei auf Zivilisten schießt. Man hat deutlich gesehen: Das Militär schützte die Demonstranten vor den brutalen Übergriffen.

Präsident Nkurunziza hört nicht auf die Kritik der USA, Europas, auch nicht auf die der Afrikanischen Union. Alle kritisieren sein Vorhaben, eine dritte Amtszeit anzustreben. Warum legt er sich mit ihnen allen an?

Wohl kaum wegen Geld. Nkurunziza besitzt Unmengen an Land, hat Beteiligungen an zig Firmen und sogar eine eigene Brauerei. Ich kann nur mutmaßen, dass es um die Vergangenheit geht: Er hat wahrscheinlich Angst, öffentlich und vor den internationalen Instanzen wie dem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn Kriegsverbrechen zu seiner Zeit als Rebellenführer begangen zu haben, hatte er ja schon zugegeben und war dafür von einem burundischen Gericht in Abwesenheit sogar schon zum Tode verurteilt worden. Aber da Nkurunziza auch evangelikaler Geistlicher ist, hat er sich dafür bereits selbst vergeben: Er habe einen direkten Draht zu Gott, meinte er mal.

Welche Ziele verfolgen die vielen Oppositionsgruppen?

Alle haben erst einmal nur ein Ziel: das vom Präsidenten angestrebte dritte Mandat wegen dessen Rechtswidrigkeit verhindern. Außer Nkurunziza haben zwar weitere Prominente – darunter Ex-Präsidenten und ein ehemaliger Anführer von Rebellen – ihre Kandidatur angemeldet. Richtige Programme aber, wer für was einsteht und vorhat, fehlen. Ein großer Fortschritt ist, dass die burundischen Politiker gelernt haben, zu koalieren. Sie achten auch nicht mehr auf die künstliche ethnische Unterscheidung. Nkurunzizas Anhänger haben zwar bei den jetzigen Unruhen wieder versucht, diese ethnische Karte auszuspielen, um einen Sündenbock zu kreieren. Die Demonstranten haben sich davon jedoch glücklicherweise nicht beeinflussen lassen. Hutu und Tutsi demonstrieren gemeinsam zu Tausenden für ihre Freiheit.

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Besteht die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges?

Ich denke nicht. Die Burundier sind kriegsmüde. Allerdings scheinen die Menschen fest entschlossen, für ihre Rechte einzustehen und sich nicht mehr den Mund verbieten zu lassen, komme was wolle. Das hat – wie es ein Journalist schön formulierte – Solidarität verdient. Burundi steht auch nicht alleine da: In vielen Ländern Afrikas hat vor allem die Jugend genug von Autokraten, die ewig herrschen wollen, während das Land den Bach runtergeht. Jüngstes Beispiel ist Burkina Faso, von wo aus übrigens viele Solidaritätsbekundungen mit den burundischen Demonstranten kamen.

Burundi ist eines der ärmsten Länder der Welt, welche Chancen sehen sie für seine Entwicklung?

Wenn Burundis Potenziale genutzt würden, wäre es ein Paradies – und sicherlich auch wirtschaftlich stark. In nördlichen Nachbarland und Bruderstaat Ruanda klappt der Aufschwung. Dort fühlt man sich mindestens zehn Jahre nach vorne katapultiert. Dabei bringt alleine die Landwirtschaft in Burundi schon bis zu drei Ernten im Jahr. Darauf ließe sich aufbauen. Wenn man denn tatsächlich seine Kräfte auf die Entwicklung des Landes konzentrieren und alle fähigen politischen Akteure – inklusive Opposition – mit einbeziehen würde, anstatt sie als „Feind“ zu bezeichnen. Dazu gehört dann auch Transparenz beim Abbau von Rohstoffen. Übrigens hat gerade ein deutsches Unternehmen einen attraktiven Vertrag zum Abbau seltener Erden mit Burundi unterzeichnet.

Die frühere Kolonialmacht Belgien hat wohl die besten diplomatischen Kontakte im Land. Kann sie mäßigend auf den Konflikt einwirken?

Die belgische Diplomatie hat sich bereits gegen eine dritte Amtszeit des Präsidenten ausgesprochen, ist sogar schon einen Schritt weiter gegangen. Sie hat – wie übrigens auch die Niederlande und die Schweiz – nicht nur ihre Finanzhilfe für die Wahlen gestrichen, sondern auch die Kooperation mit der burundischen Polizei gekappt, nachdem diese gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen war.

Muss sich die internationale Gemeinschaft ganz heraushalten oder sollte sie sich einmischen?

Sie muss sich deutlich einmischen, wenn ihr das burundische Volk nicht egal ist. Südafrika, das unter Nelson Mandela viel zu den Friedensverträgen von Arusha im Nachbarland Ruanda und damit auch zur Versöhnung in Burundi beigetragen hatte, hat an Nkurunziza appelliert, abzutreten. Dass die Europäer Geld für die Regierung zurückhalten, ist richtig.

Was kann die internationale Gemeinschaft noch tun?

Auf jeden Fall sollte sie dafür sorgen, dass die von der Regierung zerstörten Radio- und Fernsehsender wieder aufgebaut werden, damit burundische Journalisten die Geschehnisse im Land festhalten und darüber frei berichten können. Ohne freie Medien sind transparente Wahlen nur Utopie.

Interview: Viktor Funk

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