Die Wirtschaft brummt, in den Firmen gibt es wieder jede Menge zu tun. Sind die Lobbyisten des Mittelstands nun erschöpft und urlaubsreif? Sieht ganz so aus, meint die Partei die Linke mit Blick auf den neuesten Vorschlag von Wirtschaftsfunktionären. Auch in der CDU/CSU schütteln Politiker den Kopf über die sommerliche Idee des Unternehmerverbands mittelständische Wirtschaft (UMW).
Dessen Vorsitzende Ursula Fredrichs hat in der Bild-Zeitung verkündet: Sechs Wochen Urlaub seien zu viel, "vier Wochen reichen völlig aus". Schließlich liege Deutschland bei den Urlaubstagen weltweit an der Spitze. Wenn die Beschäftigten nicht so oft frei machen, könnten sie den Aufschwung besser unterstützen.
Der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft sieht das ähnlich: "Der Mittelstand hat jetzt wieder volle Auftragsbücher, da wird jeder gebraucht", sagte Verbandspräsident Mario Ohoven. Sein Vorschlag: Der Urlaub sollte jetzt auf fünf Wochen beschränkt und die restlichen Ansprüche auf ein Arbeitszeitkonto fließen. In schlechten Zeiten könne dann ja weniger gearbeitet werden. Ohoven hatte allerdings auch im Krisenjahr 2009 gefordert, Arbeitnehmer sollten einen freien Tag opfern um die Unternehmen zu entlasten.
Die CSU-Politikerin Marlene Mortler hält nichts von einer Kürzung des Urlaubsanspruchs. Das wäre "wirtschaftspolitisch kontraproduktiv", befindet die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Tourismus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Leidtragende wären deutsche Hotels und Gaststätten. Es sei auch keineswegs sicher, dass weniger Urlaub der restlichen Volkswirtschaft nütze. So verzeichne Bayern mit den meisten Feiertagen ein hohes Wachstum und eine geringe Arbeitslosigkeit.
Die Vize- Parteichefin der Linken, Katja Kipping, erinnerte daran, dass die stressbedingte Krankheiten in Deutschland zunehmen. Erholung sei darum ein Beitrag zur Prävention. Wer dennoch weniger Freizeit fordere, "ist ganz offensichtlich urlaubsreif."
Stimmt es denn wenigstens, dass die Deutschen mehr Urlaub haben als andere? Ja. Das zeigen jedenfalls Daten der Statistikbehörde Eurostat von 2002, neuere Angaben liegen nicht vor. Demnach hatten die Bundesbürger 29 Urlaubstage, im EU-Durchschnitt waren es 25. Was die Mittelstandslobbyisten nicht sagen: Die tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit ist in Deutschland höher als anderswo: Ein Arbeitnehmer mit Vollzeitjob arbeitete 2007 hierzulande 41 Stunden, im EU-Schnitt waren es nur knapp 40 Stunden.
Statt Urlaubstage zu kürzen, wäre es sinnvoller, wenn Staat und Unternehmen mehr in die Fortbildung der Menschen investierten, meint der Arbeitsmarktexperte Simon Sturn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Wenn so die Arbeitslosigkeit reduziert und Vollbeschäftigung erreicht würde, könne man ja immer noch sehen, ob der Urlaub tatsächlich gekürzt werden müsse, sagt er augenzwinkernd.
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