Frau Enders, die katholische Kirche bietet an, bis zu 4250 Euro an Psychotherapiekosten für Missbrauchsopfer zu übernehmen, falls die Krankenkasse der Betroffenen nicht zahlt. Ist das ein akzeptables Angebot?
Dieser Betrag ist eine Verhöhnung der Opfer.
Es ist ihnen deutlich zu wenig?
Ich kenne Fälle, in denen Opfer mehrere zehntausend Euro an Therapiekosten selbst getragen haben.
Die Opferorganisation Eckiger Tisch fordert rund 80.000 Euro.
Diese Forderung ist keineswegs überzogen. Die Opfer mit einem Betrag abspeisen zu wollen, der nicht einmal einen Bruchteil ihrer eigenen Aufwendungen für Therapiekosten deckt, ist inakzeptabel.
Rückwirkend will die katholische Kirche Therapiekosten aber nicht übernehmen.
Viele Opfer sind jahrelang ohne Hilfe geblieben, das Erlittene ist für einige zu einer lebenslangen Belastung geworden. Viele haben eine gebrochene Biografie, konnten nie beruflich Fuß fassen. Bei adäquater schneller Hilfe hätten sie durchaus die Chance auf eine relative Heilung gehabt.
Fühlen Sie sich zu wenig einbezogen in die Arbeit des Runden Tisches Missbrauch?
Die am Runden Tisch versammelten Institutionen sind doch zum Teil in der Vergangenheit selbst Tatort gewesen. Ausgerechnet sie wollen jetzt den Opfern gerecht werden und entscheiden, was ihnen zusteht.
Dann wird der Runde Tisch den Opfern nicht gerecht?
In manchen Punkten. Die automatische Strafanzeige zum Beispiel. Sie legt die Hürde für die betroffenen Kinder, die sich offenbaren wollen, noch höher. Den Tätern gibt sie ein noch wirksameres Druckmittel in die Hand: Du bist schuld, wenn ich ins Gefängnis muss. Davor haben die Betroffenen-Organisationen gewarnt.
Was wäre die Alternative?
Ich bin immer für eine Strafanzeige, aber sie darf nicht zu früh erfolgen. Wenn die Opfer sofort gezwungen werden, sich zu outen, nehmen sie häufig ihre Aussage zurück. Eine Alternative wäre, bei einem Verdacht zunächst das Jugendamt einzuschalten.
Interview: Katja Tichomirowa
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