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02. Juli 2012

Urteil : Beschneidung - warum ein Verbot falsch ist

 Von Arno Widmann
Nach der Beschneidung wird ein Junge in Istanbul herausgeputzt, um vor der Kamera zu posieren.  Foto: LAIF

Das Kölner Landgericht wertet den rituellen Eingriff an einem Vierjährigen als Körperverletzung. Dafür gibt es gute Gründe – trotzdem sind die Richter inkonsequent.

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Die Aufregung ist groß. Sie ist es zu Recht. Das Landgericht Köln bewertete vergangenen Dienstag die Beschneidung eines vier Jahre alten Jungen aus religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung. Gegen das Urteil protestieren: Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime, Außenminister Guido Westerwelle.

Auch Vertreter der christlichen Kirchen wenden sich gegen das Urteil, es sei ein Eingriff in das Grundrecht der Religionsfreiheit. Sie haben Recht. Recht hat aber auch das Landgericht Köln. Die Beschneidung ist eine Verletzung. Sie markiert den unmündigen Jungen als Angehörigen einer bestimmten Gemeinschaft.

Er hat sich nicht aus freien Stücken dafür entschieden. Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe Georg Ehrmann hat auch Recht, wenn er sagt: „Nur weil etwas religiöse Tradition ist, heißt es noch lange nicht, dass es gut ist.“

Jungen kommen selten zu Schaden

Recht haben sicher auch die, die dagegen einwenden: Seit Jahrtausenden werden die Erstgeborenen beschnitten. Es sind nur wenige Fälle bekannt, bei denen durch unsachgemäße Beschneidung Jungen zu Schaden kamen. Kein Grund, die Beschneidung deswegen abzuschaffen.

Aber hat nicht auch der Recht, der sagt, „eine Religion, die eine regelmäßige Körperverletzung von Minderjährigen im Programm hat, steht in einem Dauerkonflikt mit wesentlichen Zielen der Verfassung eines freiheitlichen und säkularen Staates“? So sagte es Georg Paul Hefty kürzlich in der FAZ.

Es geht nicht um Recht haben oder im Recht sein. Es geht um eine Abwägung. Das Landgericht Köln hat eine solche Abwägung vorgenommen. Aber es spricht viel dafür, dass unsere Gesellschaft die Problematik noch ein wenig hin und her wälzt. Denn, wenn es zu einem Verbot der Beschneidung käme, hätte der Staat mit einem Handstreich fünf Prozent seiner Bevölkerung in die Illegalität getrieben. Für einen kleinen Schnitt und ein paar Tränen.

Ich halte die Beschneidung für eine überflüssige Quälerei, für eine der Machtdemonstrationen, mit denen wir „eingemeindet“ werden sollen. Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt, der so etwas verordnet hat und wenn, wäre es ein Grund ihn zu wechseln oder ganz auf ihn zu verzichten.

Aber das ist das eine. Etwas anderes ist es, Menschen diesen Glauben durch einen Gerichtsbeschluss nehmen zu wollen. Wenn die Beschneidung eine Barbarei ist, so ist es dieses Urteil nicht weniger. Es habe, so sagen seine Befürworter, Licht in die Grauzone gebracht. Nun wissen die Ärzte, dass sie keine Beschneidungen vornehmen dürfen. Jedenfalls nicht aus religiösen Gründen. Das mag ein Fortschritt sein.

Ein wirklicher Fortschritt wäre ein Gesetz, wie es der muslimische FDP-Politiker Serkan Tören vorschlägt. Es soll klarstellen, dass die Beschneidung kleiner Jungen auch in Deutschland – wie in den meisten Ländern der Welt – legal ist. Das ist keine riesige Anstrengung, nichts, bei dem wir gegen Prinzipien unserer Verfassung verstoßen müssten.

Es ist ein kleiner Schritt, auf einem langen Weg, auf dem wir langsam begreifen, dass wir – zu unserem Glück – nicht nur zusammenleben mit Menschen, die die gleichen Ansichten, die gleichen Riten, die gleichen Götter haben wie wir.

Für uns alle gelten die gleichen Gesetze. Aber für alle gilt auch das Gesetz der Rücksicht auf einander. So schrecklich es ist, dass Kindern indoktriniert wird, der Jesus, der da oben am Kreuz hängt, sei für sie und ihrer Sünden wegen gestorben, wir nehmen es doch hin. Als die Weltsicht eines glücklicherweise immer kleineren Teils der Deutschen.

Ein noch kleinerer Teil der Deutschen glaubt, dass Gott vom männlichen Nachwuchs die Beschneidung verlangt. Entweder, weil es so im Alten Testament oder in der Sunna – nicht im Koran – steht. Es gibt keinen Grund, warum wir mit diesen Vorstellungen weniger kritisch verfahren sollten, als mit denen unserer eigenen Tradition. Es gibt aber auch keinen Grund, kritischer mit ihnen umzugehen.

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