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US-Offensive im Bundeswehrgebiet: Gegen Taliban

US-Spezialeinheiten gehen bei Kunduz gegen Talibankämpfer vor - mindestens 130 Menschen werden bei der Offensive getötet. Die Bundeswehr bleibt im Lager und fürchtet die Konsequenzen. Von Willi Germund

Bilder einer Offensive. Bislang kennt man sie nur aus dem Süden, wie hier in der Nähe von Kandahar, wo US-Einheiten sich heftige Kämpfe mit den Taliban liefern. Nun gab es auch im Norden eine US-geführte Offensive.
Bilder einer Offensive. Bislang kennt man sie nur aus dem Süden, wie hier in der Nähe von Kandahar, wo US-Einheiten sich heftige Kämpfe mit den Taliban liefern. Nun gab es auch im Norden eine US-geführte Offensive.
Foto: afp

Der Oberkommandierende der NATO-geführten Internationalen Sicherheitstruppe ISAF in Afghanistan, General Stanley McChrystal, gestattet einen Einblick in das wahre Gesicht seiner Militärstrategie im Kampf gegen die Taliban: Ausgerechnet in der Umgebung der nordafghanischen Stadt Kunduz, dem Einsatzgebiet eines "Provinzwiederaufbauteams" (PRT) der deutschen Bundeswehr, gingen US-Spezialeinheiten unter dem Kommando der Anti-Terror-Operation Enduring Freedom eine Woche lang massiv gegen die Gotteskrieger in einem Teil des Distrikts Charah Dareh vor.

Mindestens 130 Menschen starben laut Angaben afghanischer Behörden in der vergangenen Woche bei fünftägigen Bombardements. Bodentruppen hatten das Gebiet umstellt. Abdul Salam, der Talibangouverneur des Gebiets, soll dennoch verletzt entkommen sein. Ein Dutzend Gotteskrieger seien festgenommen, rund 25 wurden verletzt.

Operationsgebiet

Gul Tepa liegt im Distrikt Charah Dareh nordwestlich der Stadt Kunduz. Das fruchtbare Gebiet wird überwiegend von wohlhabenden Paschtunen-Bauern bewohnt, die Reis und Weizen anbauen. In einigen Dörfern siedeln Tadschiken.

Nach der Vertreibung der Gotteskrieger im Jahr 2001 gab es Übergriffe gegen die Paschtunen. Dabei ging es häufig um Wasserrechte. Mitte des vergangenen Jahres beschloss die Talibanführung, Kunduz zu einem Schwerpunkt der Aktionen zu machen. Ihre Stärke wurde vor der aktuellen Militäroperation auf knapp 400 Kämpfer geschätzt, die nahezu den gesamten Distrikt kontrollieren sollten. (ger)

McChrystal hatte kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer Flugzeugangriffe untersagt, wenn dabei Zivilisten gefährdet würden. Der Befehl soll helfen, verlorene Sympathien bei der Bevölkerung zurückzugewinnen. Zahlreiche Opfer unter Unbeteiligten bei Luftangriffen hatten während der vergangenen Jahre zu zahlreichen rotesten geführt. Zuletzt befanden sich viele Zivilisten unter den bis zu 140 Toten in der Nähe von Kunduz, als die Bundeswehr dort das Bombardements von zwei entführten Tanklastwagen anordnete. McChrystal besuchte damals den Ort des Blutbads und übte scharfe Kritik am Vorgehen der Bundeswehr.

Aber schon kurz nach dem "Kulturwandel", wie McChrystal seine Anordnung im Sommer beschrieb, machten Offiziere im Isaf-Hauptquartier in Kabul deutlich, dass sich hinter dem politisch geschickten Schachzug des ehemaligen Chefs von Spezialeinheiten im Irak-Krieg einer weitere Änderung im militärischen Vorgehen versteckte. "Wir werden versuchen, Taliban mit deren eigenen Waffen zu treffen", hieß es damals in Militärkreisen. Man würde verstärkt mit kleinen Einheiten operieren, die Hinterhalte legen und hypermoderne Sprengfallen gegen die Gotteskrieger einsetzen. Außerdem werde man versuchen, ganze Talibangruppen zu vernichten.

Die Bundeswehr bekommt das Problem nicht in den Griff

Die einwöchige Aktion in Hörweite der Stadt Kunduz durch der US- Soldaten, die nicht der NATO unterstehen, gab nun einen Einblick in diese Seite des Vorgehens. Unter anderem wurden die etwa 300 Spezialkräfte eingesetzt, die seit Wochen im Stützpunkt des Isaf-Regionalkommandos Nord in der Stadt Mazar-i- Sharif untergebracht sind. Die Bundeswehr hielt Sanitätseinheiten für den Notfall bereit.

Zumindest in deutschen diplomatischen Kreisen herrscht Erleichterung über das US-Vorgehen. "Angesichts der Entwicklung ist deutlich", so hieß es, "dass die Bundeswehr das Problem nicht in den Griff bekommt. Es geht nun darum, dass US-Truppen dies übernehmen, ohne die Deutschen zu blamieren."

Die Bundeswehr war vor Beginn des Angriffs auf das Gebiet in der Umgebung des Ortes Gul Tepa im Distrikt von Charah Dareh nordwestlich der Stadt Kunduz gefragt worden, ob sie sich beteiligen würde. Das Angebot wurde abgelehnt. Statt dessen zogen die US-Truppen einige Einheiten der afghanischen Streitkräfte ANA hinzu.

Gouverneur Mohammed Omar, der sich in der Vergangenheit mehrmals über das "zahme Verhaltenö der Bundeswehr in der Umgebung von Kunduz beklagt hatte, pries die Militäraktion: "Das ist die Sprache, die diese Leute verstehen." Der Distrikt Charah Dareh war während der vergangenen 18 Monate fast komplett unter die Kontrolle der Taliban geraten. Sie patrouillierten die Straßen des Gebiets mit Motorrädern und sprachen auch bei der Umsetzung von Straßenbauprojekten mit. Mitarbeiter es Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) oder der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) können den Distrikt bereits seit langem nicht mehr besuchen.

Autor:  Willi Germund
Datum:  9 | 11 | 2009
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