Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

02. August 2015

USA : Im Land der begrenzten Freundlichkeit

 Von 
Grenzkontrolle an einem US-Flughafen: Wer ein Visum hat, hat noch keine Garantie, dass er reinkommt.  Foto: REUTERS

Eine 19-Jährige aus Hessen wollte ihre Verwandten in den USA besuchen, doch amerikanische Grenzbeamte glaubten es ihr nicht – und wiesen sie nach langem Verhör ab. Die Begründung ist skurril.

Drucken per Mail

Aimee Valentina Schneider würde gerne aus einem Alptraum erwachen, aber was sie kürzlich in den USA erlebt hat, ist leider Realität. „Es fühlt sich an, als sei es nicht wirklich passiert“, sagt die 19-Jährige aus dem mittelhessischen Lahntal. Um den Alptraum zu verarbeiten, hat sie ihr Erlebnis minutiös aufgeschrieben.

Die Schülerin hat gerade ihr Abitur gemacht und wollte nun für vier Monate ihre Großcousine in Cleveland besuchen. Auf den Urlaub hatte sie sich schon lange gefreut: erholen, Verwandte besuchen, Sprachkenntnisse verbessern. Die Schneiders pflegen ihr Verwandtschaftsverhältnis in den USA seit 70 Jahren, besuchen sich gegenseitig und Aimee Valentina Schneider hat zudem ein besonderes Verhältnis zu ihrer Großcousine: Ihren ungewöhnlichen Vornamen hat sie von ihr. Im Vorfeld hatte sie sich über Facebook schon ausgiebig mit ihrer Gastgeberin ausgetauscht.

Als ihr beim Umsteigen in Philadelphia ungewöhnlich viele Fragen an der Passkontrolle gestellt werden, denkt sie sich zunächst noch nichts. „Doch anders als bei den anderen vor mir, steckte er meinen Reisepass in eine rote Tüte, kritzelte etwas auf einen Zettel und zeigte auf einen separaten Eingang, zu dem ich gehen sollte. Seine letzten Worte waren ,Bye and good luck‘. Im Nachhinein frage ich mich natürlich, wusste er da schon, was auf mich zukommen würde? Stand es da vielleicht sogar schon fest?“, schreibt die junge Frau später auf.

Schneider gelangt in ein Wartezimmer mit einer Theke, hinter der vier Polizisten in ihre Computer tippen. Sie muss ihren Pass abgeben, warten und wird nach einiger Zeit aufgefordert, ihren Koffer vom Gepäckband zu holen und auf einen Metalltisch vor dem Wartezimmer zu legen. Eine Polizistin öffnet den Koffer und durchwühlt die Sachen vor den Augen wartender Reisender. Dabei stellt sie Schneider erneut die üblichen Fragen, die bei einer Einreise in die USA gestellt werden. Doch die Polizistin will der Deutschen nicht glauben, dass sie für vier Monaten ihre Großcousine besucht. „Das glaube ich Ihnen nicht. Niemand macht so lange Urlaub“, erinnert sich Schneider an die Worte der Beamtin.

Mehr dazu

Deren Tonfall wird schärfer. „Jetzt passen Sie mal auf! Ich mag es nicht, wenn man mich anlügt und ich erkenne Lügen schon von sehr weit weg. Also entweder Sie erzählen mir etwas, was ich glauben kann, oder wir ziehen hier ganz andere Saiten auf.“ Schneider notiert später: „Ich merkte, wie mein Kloß im Hals immer größer wurde und wie mir die Tränen in die Augen stiegen.“

Die Befragung wird im Wartezimmer fortgesetzt und zieht sich in die Länge. Die Vorhaltungen der ruppigen Beamtin werden absurder. „Ich habe Kinder in ihrem Alter und die arbeiten bereits“, sagt die Polizistin und etwas später: „Wenn Sie nach New York gewollt hätten, wäre es ja glaubwürdig gewesen, aber was wollen Sie denn bitte in Cleveland?“

Die 19-Jährige weiß nicht weiter. „Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist wenn einem die Wahrheit nicht geglaubt wird. Denn genau dann ist man absolut hilflos“, notiert Schneider in ihren Aufzeichnungen.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Aimee Schneider fühlte sich machtlos, weil ihr die Wahrheit nicht geglaubt wurde.  Foto: privat

Sie schöpft wieder Hoffnung, als die Beamtin fragt, ob sie ein Handy habe. Sie hofft jetzt, dass sie ihre Verwandtschaft anrufen darf, die alles bestätigt und sie aus der Hilflosigkeit herausholt. Doch sie bekommt das Handy abgenommen und soll wieder draußen Platz nehmen. Mittlerweile sind seit der Landung knapp zwei Stunden vergangen und die Schülerin ist seit 24 Stunden auf den Beinen, Kontakt zu ihren Verwandten oder Eltern durfte sie nicht aufnehmen. Die 19-Jährige ist müde, sie weint in dem Wartezimmer vor sich hin. Ein weiterer Beamte kommt, nimmt Fingerabdrücke und macht Fotos von ihr.

Wenig später kommt die Beamtin mit ihrem Handy zurück. Sie legt Schneider ein Frageprotokoll vor, das diese jeweils nur mit Ja oder Nein beantworten soll. „Eine Frage machte mich sehr stutzig. Sie zitierte im Prinzip den exakten Verlauf meines Chats auf Facebook. Frage: Haben Sie Nachrichten in ihrem Handy, in denen steht, dass ihre Cousine ihnen angeboten hat, auf die Nachbarskinder aufzupassen und das Sie ihr erzählt haben, dass Sie einen gültigen Führerschein haben und somit die Kinder zur Schule fahren können?“

Die Beamtin hatte im Handy die Facebook-App von Schneider geöffnet und sich die Chats angesehen. In der Tat hatte die 19-Jährigen im Vorfeld beim launigen Chat auf Facebook angeboten, auch mal auf die beiden Kinder ihrer Großcousine aufzupassen. Das sollte unter Verwandten aber nicht überraschen, wenn man vier Monate unter einem Dach wohnt.

Nach Fertigstellung des Protokolls erklärt die Beamtin Schneider kurz, sie habe beim Beantragen des Visums verschwiegen, dass sie als Au-Pair in den USA arbeiten möchte. Das Visum sei somit ungültig, sie müsse noch heute zurück, der Flieger nach Frankfurt gehe in einer halben Stunde. Schneider fällt die Kinnlade runter. Sie hatte ein gültiges Visum für ein Jahr und wollte vier Monate bei ihrer Großcousine bleiben, das Rückflugticket hatte sie schon dabei. „Gibt es für mich die Möglichkeit, wenigstens eine Nacht hier in der Nähe in einem Hotel zu schlafen? Ich bin jetzt schon so lange wach und müde“, fragt Schneider die Beamtin. Ja, die Möglichkeit gebe es, sagt die Frau, „das wäre dann allerdings das Gefängnis“. Ende des Gesprächs.

Es ist vier Uhr morgens in Deutschland, als die 19-Jährige kurz ihre Eltern anrufen darf, die zum Glück drangehen und eröffnet bekommen, dass ihre Tochter jetzt gleich auf dem Rückflug sei. Vater Dirk Schneider ist auch Tage später noch entsetzt über den Vorfall: „Das ist der größte Hammer, den ich je erlebt habe, das ist ja wie in einem Angstregime in der DDR.“ Auch die Großcousine aus den USA kann es nicht fassen, wie Aimee Valentina Schneider sagt: „Ihr ist alles aus dem Gesicht gefallen, sie kann es nicht glauben, dass ihre Familie sie nicht besuchen darf.“

Die Familie – sowohl in Deutschland als auch in den USA – will die Zurückweisung nicht auf sich sitzen lassen. Sie haben die Sache an eine Petitionsstelle weitergegeben und auch ihren zuständigen Bundestagsabgeordneten informiert. Die Großcousine in den USA hat einen Anwalt eingeschaltet.

Hilfe vor Ort wäre übrigens nur theoretisch möglich gewesen. „Die deutsche Auslandsvertretungen unterstützen deutsche Staatsangehörige so weit als möglich auch bei der Einreise. Allerdings erfolgen Zurückweisungen an der Grenze meist so kurzfristig, dass diese den Auslandsvertretungen oft nicht oder nur mit zeitlicher Verzögerung bekannt werden“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken aus dem vergangenen Jahr.

Aimee Valentina Schneider wurmt, dass sie die aufwendige Visa-Prozedur über sich ergehen ließ, um dann doch zurückgeschickt zu werden. Das Generalkonsulat in Frankfurt sieht in dem Vorgang nichts Besonderes. Das Visum erlaube der betreffenden Person nur „zum Einreiseort zu reisen“. Dort seien dann Kontrolleure des Department of Homeland Security dafür verantwortlich, Reisenden die Einreise zu einem bestimmten Zweck und für eine bestimmte Zeit zu erlauben. Insofern bedeutet ein Visum keinerlei Sicherheit für eine Einreise in die USA.

Aimee Valentina Schneider hat jetzt ohnehin „eigentlich keine Lust mehr, in die USA zu reisen“. Sie will jetzt lieber überlegen, wie sie die unverhoffte Zeit zu Hause sinnvoll nutzen kann. Aus ihren vier Monaten Amerika sind nur vier Stunden geworden – und auf diese besonderen vier Stunden hätte sie gerne verzichtet.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Italien und Österreich

Steht die EU nicht zusammen, droht ihr Ende

Von  |
Kein EU-Freund: In Österreich greift der Rechtspopulist Norbert Hofer nach der Macht.

Die Europäische Union hat nur eine Zukunft, wenn Österreich, Italien und Frankreich dem Populismus widerstehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Cyberangriff Telekom

Freude am Systemabsturz

Von  |
Sicherheitskongress der Telekom in Frankfurt.

Das Gefühl der permanenten Bedrohungslage hat die Normalität abgelöst. Und die Frage, wie wollen wir leben, wird ersetzt durch den Ausruf: So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.  Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung