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01. Juni 2014

USA Taliban Afghanistan Austausch: Die filmreife Befreiung des Bowe Bergdahl

 Von 
US-Präsident Obama und die Eltern des von den Taliban entführten Sgt. Bowe Bergdahl  Foto: REUTERS

Fast fünf Jahre hielten islamistische Rebellen im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan Bowe Bergdahl in Gefangenschaft. Seit Samstag ist der US-Infanterist frei - im Austausch für fünf Taliban. Oberflächlich betrachtet hat die US-Regierung damit eigene Regeln gebrochen.

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Washington –  

Die Szene hätte sich Hollywood nicht besser ausdenken können, um einer bereits dramatischen Situation noch etwas mehr Würze zu geben. Als Bowe Bergdahl endlich in einem US-Militärhubschrauber sitzt, soll er zwei Buchstaben und ein Fragezeichen auf ein Blatt Papier geschrieben haben: „SF?“, für Special Forces. Ein Soldat, der neben Bergdahl sitzt, soll genickt und in den ohrenbetäubenden Lärm der Rotoren hinein gebrüllt haben: „Ja, wir haben schon lange nach Dir gesucht.“ Bergdahl sei daraufhin in Tränen ausgebrochen.

Ob sich das tatsächlich so abgespielt hat am Samstag gegen 19 Uhr irgendwo im Osten Afghanistans, ist nicht belegt, sondern beruht auf Kolportage aus dem US-Verteidigungsministerium. Gesichert allerdings ist: Bowe Bergdahl, ein US-Infanterist im Range eines Unteroffiziers, ist frei. Fast fünf Jahre hielten ihn islamistische Rebellen im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan in Gefangenschaft. Bergdahl war der einzige offiziell vermisste US-Soldat in Afghanistan. Er ist frei gekommen, weil die US-Regierung im Gegenzug fünf Taliban aus dem Lager Guantánamo auf Kuba entlassen hat.

Nach US-Darstellung verläuft die Übergabe friedlich und schnell. 18 Taliban übergeben den Soldaten auf afghanischem Territorium in die Obhut der US-Spezialeinheit. Nach wenigen Minuten hebt der Hubschrauber ab.

Bergdahl war am 30. Juni 2009 in der afghanischen Provinz Paktika verschleppt worden. Der junge Mann war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zwei Monate in Afghanistan stationiert. Die US-Behörden vermuten, dass die Geiselnehmer zum Haqqani-Netzwerk gehören. Die militante Gruppe ist in Afghanistan und Pakistan aktiv, zählt sich zu den Taliban und steht nach Einschätzung der US-Regierung dem Terrornetzwerk Al Kaida nahe. Bergdahl wurde möglicherweise in Pakistan festgehalten und erst dann nach Afghanistan gebracht, als seine Freilassung näher rückte.

Schon vor gut zwei Jahren hat die US-Regierung erklärt, dass sie mit den Taliban über eine Freilassung Bergdahls verhandle. Offenbar bedurfte es aber der Vermittlung des Emirs von Katar, damit die Gespräche zum Erfolg wurden. Die Verhandlungen über den Gefangenenaustausch seien vor ungefähr einer Woche in die Endphase getreten, heißt es in Washington. Wie der US-Präsident bestätigt, bemühte sich der Emir persönlich um die Freilassung des 28 Jahre alten US-Soldaten.

Es sind auch Diplomaten aus Katar, die die fünf Taliban in Guantánamo in Empfang nehmen und mit ihnen in einer Militärmaschine in das Emirat fliegen. Die fünf Männer, die seit mehr als einem Jahrzehnt in Guantánamo inhaftiert waren, gehörten laut US-Medien zur früheren Führung der Taliban-Bewegung, als diese von 1996 bis zum Winter 2001 Afghanistan beherrschte. Unter den Freigelassenen sollen der ehemalige Taliban-Innenminister, der damalige Vize-Verteidigungsminister und ein hochrangiger Ex-Geheimdienstler sein.

Sgt. Bowe Bergdahl (l.) war fast fünf Jahre in der Gewalt der Taliban.  Foto: afp

Die Taliban dürfen das Land am Persischen Golf mindestens ein Jahr lang nicht verlassen. Ein Reiseverbot und eine strenge Überwachung durch die katarischen Behörden waren die Bedingungen der US-Regierung. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel sagt, es sei gewährleistet, „dass die nationale Sicherheit der USA nicht gefährdet wird“.

Die Freilassung der Guantánamo-Häftlinge ist – oberflächlich betrachtet – ein Verstoß gegen eine Regel, die sich die US-Regierung selbst gegeben hat. Bislang hieß es immer, man verhandle nicht mit Terroristen, zu denen in Washington sowohl die Taliban als auch die Haqqani-Gruppe gezählt werden. Doch offenbar wäre Bowe Bergdahl niemals freigekommen, wenn sich die US-Regierung nicht bewegt hätte. Einige Republikaner üben dennoch Kritik an dem Deal. Einer davon ist Senator John McCain, der selbst jahrelang in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft saß. Er sagt, es müsse aber wirklich sichergestellt sein, „dass diese bösartigen und gewaltbereiten Taliban-Extremisten nie mehr den Kampf gegen die USA aufnehmen“ könnten. Andere beschweren sich, dass sie als Parlamentsabgeordnete nicht vorab von dem Tauschgeschäft informiert worden sind. Technisch gesehen hätte das passieren müssen. Aber offenbar war Eile geboten.

Bowe Bergdahls Eltern wollen sich am Wochenende verständlicherweise mit solchen prinzipiellen Fragen nicht beschäftigen. Sie freuen sich über die gute Nachricht, die der Präsident am Telefon überbracht hat, und erklären: „Wir können es nicht erwarten, unseren einzigen Sohn in die Arme zu schließen.“

Einige Stunden später werden Jani und Bob Bergdahl dann selbst zu Darstellern in einer Szene, wie sie sich Hollywood auch nicht besser hätte ausdenken können. Sie treten an der Seite Obamas in den Rosengarten des Weißen Hauses, sagen einige Worte des Dankes an alle, die an der Befreiung ihres Sohnes beteiligt waren, und lassen sich dann vom US-Präsidenten umarmen. Ein „Wonderful“ ist zu hören, das Barack Obama Jani Bergdahl ins Ohr flüstert. Daneben steht ihr Ehemann Bob. Er trägt einen langen Bart, den er seit dem Tag wachsen lässt, an dem sein Sohn in Afghanistan verschleppt wurde. Bob Bergdahl treibt die Angst um, dass Bowe kein Englisch mehr versteht. Er wendet sich deshalb auf Dari an seinen Sohn. „Ich bin Dein Vater, Bowe“, sagt er ins Mikrofon.

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