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03. Juli 2012

Vatikan: Gerhard Ludwig Müller - Im roten Gewand

 Von Joachim Frank
Bischof Gerhard Ludwig Müller wird der oberste Glaubenshüter des Vatikans.  Foto: dpa

Papst Benedikt XVI. beruft Bischof Gerhard Ludwig Müller zum obersten Glaubenshüter im Vatikan. Der Karrieresprung befördert den früheren Professor auf Platz drei der katholischen Kirche – hinter Papst und Kardinalstaatssekretär.

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Der Großinquisitor in Ökolatschen und ollem Trainingsdress – das hätte sich Fjodor M. Dostojewski nicht träumen lassen, als er in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ die Figur des eiskalten, unnachsichtigen Glaubenswächters entwarf. Heute freilich geben sich selbst höchste kirchliche Hierarchen mitunter lässig. So ließ sich Bischof Gerhard Ludwig Müller für Herlinde Koelbls neuesten Fotoband, „Kleider machen Leute“, im Freizeitlook ablichten – neben einer Aufnahme in vollem Bischofsornat.

Die Gewandfarbe wird nun bald von Violett nach Rot wechseln: Papst Benedikt XVI. hat Müller am Montag offiziell nach Rom gerufen, als Präfekt der Glaubenskongregation, die bis 1908 „Heilige Inquisition“ hieß. Der Karrieresprung, den Müller lang ersehnt haben soll und über den seit Jahren gemunkelt wurde, befördert den früheren Professor auf Platz drei der katholischen Kirche – hinter Papst und Kardinalstaatssekretär.

Verteidiger der geltenden Glaubenslehre

Die Personalie passt haargenau zur Art, wie Benedikt in seiner Umgebung die wichtigsten kurialen Posten besetzt: Männer seines Vertrauens müssen es sein, ihm ergeben, gut berechenbar. Menschliche Qualitäten? Nicht gar so wichtig – im Zweifel ersetzt die Weihegnade, woran es der Natur gebricht. Doch das funktioniert nicht immer – was die Regensburger Laiengremien nach Müllers Bischofsweihe 2002 ebenso leidvoll erfahren mussten wie gemaßregelte Theologen, und Journalisten sowieso. Die unkontrollierten Ausbrüche des 64-Jährigen sind legendär. Auf dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals vor zwei Jahren verglich er die Medienberichte mit Nazi-Propaganda. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) musste sich von Müller dafür abmeiern lassen, dass er beim Papstbesuch im Bundestag 2011 das strittige Thema „wiederverheiratete Geschiedene“ angesprochen hatte.

Als Dogmatiker an der Münchner Universität von 1986 bis 2002 hatte Müller den Ruf eines grundsoliden Experten – ohne besondere Ausreißer ins Konservativ-Vernagelte oder Liberal-Freigeistige. Im Vatikan schätzte Joseph Ratzinger, dem Müller jetzt an der Spitze der Glaubenskongregation folgt, die Mitarbeit seines Professorenkollegen. Zudem ist Müller Herausgeber einer Ratzinger-Gesamtausgabe. Für den Papst dürfte es kaum einen Moment innigerer Verbundenheit geben als dieses Projekt.

Dass sich Müller wiederholt mit den in seinem Bistum ansässigen Piusbrüdern angelegt hat, passt nur scheinbar nicht ins Bild: Da die reaktionäre Priestergruppe zentrale Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils – wie Gewissens- und Religionsfreiheit – für Teufelszeug hält, sieht sich Müller als Verteidiger der geltenden Glaubenslehre auf den Plan gerufen. Damit hat er sich in Rom nicht nur Freunde gemacht.

Wäre es nach den anonymen Inquisitoren des Inquisitors gegangen, hätte auch Müllers Nähe zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie zum K.o.-Kriterium werden können. Unpassend für die ebenso verquere wie wirkmächtige vatikanische Schubladenlogik ist auch Müllers intensive Beschäftigung mit ökumenischer Theologie, insbesondere mit Dietrich Bonhoeffer. Und dennoch sind Zweifel an Müllers Rechtgläubigkeit etwa so lachhaft wie die These, sein Nachfolger in Regensburg werde nun eine Frau.

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