Die Ironie will es, dass der große Spalter Hugo Chávez gerade sein Land vereint.
Venezuelas Opposition zumindest tritt so geschlossen auf wie selten zuvor: Schon im Vorwahlkampf betonen Chavez‘ Gegner ihre Gemeinsamkeiten, berufen sich auf einen gemeinsamen Regierungsplan.
Während sich in den USA sogenannte Parteifreunde zerlegen wie die schlimmsten Feinde, geht es in Venezuela harmonisch zu wie in einer Einheitspartei. Von Sozialisten bis zu Neoliberalen eint alle wichtigen Oppositionsparteien ein höheres Ziel: Chávez muss weg.
Der Mitbewerber nennt ihn "Bruder"
Die Basis hat jetzt einen gemeinsamen Kandidaten gewählt: Henrique Capriles Radonski von der Zentrumspartei Primero Justicia (Gerechtigkeit zuerst). Leopoldo López, ebenfalls ein aussichtsreicher Kandidat, hat seinetwegen auf die Nominierung verzichtet. Hermano nennt er ihn, Bruder.
Chavez‘ Herausforderer ist ein 39-jähriger mit sanfter Stimme und dem breiten Lachen eines Kindes. Er hat deutsche und polnische Wurzeln, entstammt einer wohlhabenden Familie. Seine Großmutter war Jüdin, aus dem Warschauer Ghetto flüchtete sie vor den Nazis nach Südamerika. Etwas schüchtern wirkt Capriles, bei Interviews rutscht er nervös hin und her. Als Neuer in einer Firma würde er auch als Praktikant durchgehen.
Capriles ist das Gegenstück des poltrigen Chavez, vielleicht trägt das auch zu seinem Erfolg bei. Während der Präsident unter einem protzigen Bolivar-Gemälde gegen die „Yankees“ rüpelt, zeigt Capriles Manieren, die auch bei Schwiegermüttern gut ankommen.
"Ich will der Präsident von allen sein"
Trotzdem sollten seine Gegner Capriles nicht unterschätzen: Der gelernte Jurist hat mehr politische Erfahrung als so mancher Fünfzigjährige, bereits mit Mitte Zwanzig war er Vizepräsident des venezolanischen Kongresses.
Seine Chancen stehen gut, die Präsidentschaftswahlen am 7.Oktober zu gewinnen. Wegen der hohen Kriminalität haben sich viele Venezolaner von Chávez abgewandt, der auch gegen die ausufernde Korruption außer großen Worten wenig beiträgt.
Capriles will der hohen Kriminalität im Land mit einem Bildungsprogramm den Boden entziehen. Die von Chávez begonnenen Verstaatlichungen will er stoppen und den Tourismus stärker fördern.
Vor allem hat er vor, die Gesellschaft wieder zu einen. „Ich war der Gouverneur aller“, sagt er El País. „Ich will jetzt der Präsident aller Venezolaner sein, von denen, die so denken wie ich, und von denen, die anderes denken.“ Er wolle auch endlich diesen "messianischen Führerkult" um Chávez beenden, sagt er, es solle keinen mehr geben dürfen, der sich über das Gesetz stellt.
Chavez nennt seinen Herausforderer weniger dezent einen Faschisten und wirft ihm vor, während des Putschversuchs 2002 gegen ihn die Besetzung der kubanischen Botschaft geplant zu haben. Capriles bestreitet das.
Jetzt könnte ihm gelingen, was seit über zehn Jahren weder Generalstreiks geschafft haben noch Massenproteste noch ein Militärputsch: Chavéz endlich zu stürzen. Und dann heißt es: Adios, commandante. (mit rtr)
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