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31. Dezember 2015

Venezuela: Venezuela ohne Bumbumbum

 Von 
Ein junger Chavez-Anhänger in Caracas. „Ich sag’s ja nicht gerne, aber wer uns diese Lage jetzt eingebrockt hat, das war Chávez“, bilanziert Héctor.  Foto: rtr

Nach dem Wahlsieg der Opposition in Venezuela lecken Chavisten ihre Wunden - doch die befürchtete Gewalt bleibt in der Wahlnacht aus.

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Das Volk wird es nicht zulassen, dass die sozialistischen Errungenschaften alle rückgängig gemacht werden“, behauptete Héctor steif und fest – so fest, als glaube er selber nicht so ganz daran. Kurz nach dem Wahlsieg der Opposition in Venezuela nahm er an einem Treffen der Unterlegenen teil: Die Chavisten leckten ihre Wunden.

Ich fand Héctor eigentlich ganz sympathisch, trotz seiner Nibelungentreue zu Hugo Chávez, den er schlicht vergötterte, und zu dessen Nachfolger Nicolás Maduro, den er blind verteidigte. Wie alle allzu Gläubigen tat er mir auch ein bisschen leid, und außerdem sah ich in seiner Enttäuschung den Reflex auf die vergangene Begeisterung, dass dank Chávez endlich auch mal Leute wie er eine Stimme bekommen hatten. „Ich sag’s ja nicht gerne, aber wer uns diese Lage jetzt eingebrockt hat, das war Chávez.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Héctor am U-Bahn-Eingang. „Er hätte die Opposition fertigmachen sollen!“ Wie, fertigmachen, fragte ich entgeistert. „Naja, eben fertigmachen! Bumbumbum!“

Jetzt in Venezuela habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben über eine Wahlniederlage der Linken gefreut – sie hatten einfach abgewirtschaftet, diese sogenannten Sozialisten des 21. Jahrhunderts. Was ist das für ein Sozialismus, der endlose Schlangen vor den Supermärkten erzeugt? In dem außer der Armut nur noch die Korruption wächst? In dem die Krankenhäuser vor dem Kollaps stehen? In dem die Reichen reicher und die Armen ärmer werden? In dem die Jungen am liebsten abhauen würden? In dem man sich wegen der horrenden Kriminalität kaum noch auf die Straße traut? In dem die Justiz der Exekutive hörig ist?

Links, das sollte ja wohl mehr Gerechtigkeit und mehr Gleichheit bedeuten. Das war auch vielleicht mal so, als Venezuelas Erdöl dreimal so viele Dollars erwirtschaftete wie heute und Chávez ein Sozialprogramm nach dem anderen auflegte. Aber Rohstoffpreise schwanken, das lernt man im ersten Semester Volkswirtschaftslehre – nix „guerra económica“, der Wirtschaftskrieg, den Leute wie Héctor unentwegt an die Wand malen!

Zugegeben, es ist nicht ganz logisch, dass mich zwar die Niederlage der Linken freut, nicht aber der Sieg der Rechten. „Die Rechte“, das stimmt auch nicht ganz: Die Opposition ist ein ziemlich wilder Haufen aus reaktionären Altpolitikern, radikalen Aktivisten, realistischen Pragmatikern und was weiß ich nicht noch – alle durch wenig mehr als die Gegnerschaft zur Regierung geeint. Also nicht gerade das, was man sich so als Alternative erträumt.

Und dennoch besteht in Venezuela Anlass zum Optimismus. Dass die Regierung in der Wahlnacht den Sieg der so oft verteufelten Anderen anerkannte, dass die befürchtete Gewalt ausblieb – allein das begründet ihn schon. Einer verstockten, in die Enge getriebenen, zwischen Arroganz und Ratlosigkeit schwankenden Exekutive steht künftig ein oppositionelles Parlament als Gegengewicht gegenüber. Seien wir heute, an der Schwelle zum neuen Jahr, mal ganz, ganz optimistisch: 2016 haben Regierung und Parlament, Chavisten und Anti-Chavisten die Chance, sich irgendwie zusammenzuraufen und von der mörderischen Polarisierung herunterzukommen, die Venezuela seit anderthalb Jahrzehnten zerfrisst – und das, lieber Héctor, hoffentlich ganz ohne Bumbumbum.

Wolfgang Kunath, Jahrgang 1951, vorher in Afrika tätig, berichtet seit 2002 aus Südamerika. Er lebt in Rio de Janeiro.


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