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Reis' Parteitag: Verdrehte DNS

Gäb’ es das von Sarrazin beschworene Volks-Gen, dann würde Kabarettist Thomas Reis von seinem deutschen Erbgut zurücktreten wollen: "Lieber baskisch durchtrieben, türkisch doof und fertil, afrikanisch zu schwarz oder jüdisch verschlagen, als mörderisch deutsch."

Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Thomas Reis, gezeichnet von Jakob Hinrichs.
Foto: J. Hinrichs

Das Erbe steht heute im Fokus dieser Glosse, sonst steht das Erbe im Zentrum des Wortes stErben, es ist aber auch zentraler Bestandteil von SteuErberater oder StaubsaugErbeutel. In den schönen deutschen Worten Paranoia oder Xenophobie finden wir kein Erbe und auch sonst keinen Anhaltspunkt für eine wie auch immer geartete genetische Prädisposition.

Bleiben wir fair und unterstellen Thilo Sarrazin nicht nur eine Schreib- sondern auch eine Rechtschreibschwäche, so können wir immerhin konstatieren, dass die moslemischen TürGen mit einem auslautenden Gen belastet sind. Zur Ehrenrettung Sarrazins sei gesagt, der Mann kommt aus Gera, da tut man sich mit harten Konsonanten schwer, da heiße ich auch nicht Thomas sondern Dhomas.

Was ist erblich und was nicht? Erblich ist zuerst unserer Oma ihr klein Häuschen, das wir, sofern wir das Erbe antreten, versaufen dürfen, falls es in den entsprechenden Entsafter passt – oder sich jemand bereiterklärt, einen Kredit aufzunehmen, um unser Oma ihr klein Häuschen zu kaufen.

Wird das Ererbte von einem Dritten erworben, ist es nicht mehr Bestandteil Ihrer Erbmasse, es fließt vielmehr in das Erbgut des Käufers ein. Je mehr Häuschen sich einer kauft, desto besser wird sein Erbmaterial, um das sich dann nach dessen Tod die Erben streiten können, auch wenn der verstorbene Erblasser seinen Nachlass zuvor nicht ordnungsgemäß geregelt hat. In solchen Fällen gilt das Erbrecht.

Der Satiriker

Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist („Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.“).
Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen „Gibt’s ein Leben über 40?“ und „Machen Frauen wirklich glücklich?“. Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Bühnentermine: 1./2.10. Freiburg, Vorderhaus, 8./9.10. Zürich, MGB; 15.10. Köln, Comedia; 17.10. Frankfurt, KÄS; 20.10. Leipzig, Central; 21.-23.10. Bonn, Springmaus; 27.10. Wiesbaden, PHT; 28.10. Bad Kreuznach, Loge; 30.10. Rheinbach, Stadt-Theater

Falls Sie also eine muslimische Oma haben, so erben sie auch deren Kopftücher, was Sie dann damit anstellen, ist aber ganz allein Ihnen anheim gestellt, denn Erbrecht hat nichts mit Rassenbiologie, Euthanasie oder ähnlichem zu tun, es regelt nur das materielle Erbe. Ja, gewiss, ein Gen ist auch materiell, es hat viel Information zu tragen und Gepäck ohne Träger würde sich kaum von selbst zu einem anderen Ort oder in einen anderen Menschen bewegen; korrigieren wir also die Behauptung und sagen neutral: Das Erbrecht regelt den Nachlass.

Nachlass? Ein seltsames Wort, natürlich lässt der Mensch nach, wenn er tot ist. Das ist schade, wer würde sein Potential nicht gern über den Tod hinaus steigern, sein Wissen mehren und auch sein Geld, damit die Hinterbleibenden ein noch schöneres Leben führen können. Das ist aber nicht möglich, deswegen hab’ ich meiner geliebten Mutter schon zu Lebzeiten gesagt: Mach’ dir keine Sorgen, dein Geld soll es später mal besser haben. Und siehe, das Geld hat es besser, es muss nicht mehr so hart arbeiten, denn ich bin Einzelkind und das Gegenteil von kinderreich ist reiches Kind.

Ich hab von meiner Mutter einiges geerbt, aber nicht ihr Spar-Gen, dieses volkseigene Gen ist, trauen wir Sarrazin, nur bei Schwaben dominant, meine Mutter gehörte zur Volksgruppe der Thüringer und hatte nur rezessive Spar-Gene, da mein Vater Träger des rheinischen, aber dominanten Saufen-Gens war, trinke ich lieber als zu sparen, was vielleicht auch daran liegt, dass ich Süd-Badener bin, wenngleich meine badische Volksgruppenzugehörigkeit genetisch höchst fragwürdig ist – und doch verfüge ich über das urbadische Unheimlich-gern-gut-Essen-Gen, weshalb das von mir weitergereichte Erbgut eher kärglich ausfallen wird. Das ist auch eine Folge des deutschen Goethe-Gens, was in mir stark vorherrscht, dabei mag ich den alten Knurrhahn gar nicht.

Von der Mutter hab ich die Frohnatur, die Lust zu fabulieren, von Goethe den Rest. Goethe, Träger des dominanten Hauptsache-mir-gehts-gut-Gens, sagte: Alles verzehren bis zum End, das ist das beste Testament. Sicher, da brauchst Du ein verdammt gutes Timing, nicht dass Du aus Versehen länger lebst, als Du es Dir leisten kannst. Das ist mir schon ein paar Mal passiert, weshalb mein Erbgut bereits Schaden genommen hat, was mir für meinen Sohn leid tut, denn Reichtum ist wirklich erblich, Dummheit nicht. Dummheit wird nicht vererbt, sondern tradiert, da gibt es in vielen Familien eine schöne und lange Tradition.

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Datum:  1 | 10 | 2010
Seiten:  1 2
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