"Als Jesus geboren wurde", schreibt Daoud Nassar in seinem Weihnachtsbrief, "unterschied sich die Situation nicht sehr von der heutigen." Wie unter den Römern muss, wer heute in Bethlehem Weihnachten feiern will, "durch eiserne Tore gehen und Checkpoints passieren, die von israelischem Militär bewacht werden", so der Aktivist von der christlichen Palästinensergruppe Tent of Nations. "Die Menschen sind frustriert und enttäuscht."
Und wo schon die Palästinenser eine diskriminierte Minderheit sind, sind es die palästinensischen Christen in zweifacher Hinsicht. Denn zur Unterdrückung durch die Israelis kommt, dass muslimische Palästinenser verstärkt gewaltsam gegen christliche vorgehen, zum Beispiel Scheiben von Läden einschlagen, in denen Alkohol verkauft wird.
"In Palästina verschärft eine muslimische Erweckungsbewegung unter politisch-islamistischen Vorzeichen die Auseinandersetzung", sagt Ulrich Pöner, Leiter der Abteilung Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Und dieses Phänomen trifft seiner Einschätzung nach die Lage in vielen Ländern der muslimischen Welt. Religiöse Minderheiten wie die Christen würden dann nicht mehr als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft betrachtet, sondern "geduldet" und müssten sich einem muslimischen Kodex unterwerfen. Allerdings ergeht es Muslimen in christlich geprägten Gesellschaften kaum besser.
Die Verfolgung von Christen nimmt weltweit tendenziell zu, wenn auch mit großen Unterschieden. Menschenrechtler und kirchliche Organisationen schätzen, dass bis zu 200 Millionen Christen diskriminiert werden; 80 Prozent der Menschen, die weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt werden, seien Christen. Zwar hat sich die Lage in vielen früheren Ostblockstaaten gebessert, doch wächst die Verfolgung in einigen islamischen Staaten oder Ländern wie Nigeria, in denen Christen und Muslime zusammenleben. Im Brennpunkt sieht Otmar Oehring vom Internationalen katholischen Hilfswerk Missio auch Indien. Die schweren anti-christlichen Ausschreitungen in Orissa, wo seit August mindestens 50 Christen von Hindus getötet wurden, hätten ihre Ursache aber in Landstreitigkeiten und kulturellen Fragen.
Zwischen den Fronten
Doch die "Hölle auf Erden", wie es der Bagdader Weihbischof Schlemon Warduni ausdrückt, ist derzeit der Irak. Dort droht gar die Auslöschung des angestammten Christentums. Die Christen seien zwischen die Fronten geraten, sagt Kamal Sido, Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Die Organisation dokumentiert die Übergriffe seit Kriegsbeginn 2003. Lebten damals noch rund 800 000 Christen im Irak, sind es jetzt noch knapp die Hälfte. Viele sind nach Syrien oder Jordanien geflüchtet.
Christen werden auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule angegriffen, in ihren Wohnungen und Läden überfallen. Hunderte wurden ermordet, Mädchen und Frauen vergewaltigt, immer wieder werden verstümmelte Leichen entführter Christen gefunden. Vom schwachen Staat können sie kaum Hilfe erwarten, und auch die US-Soldaten bieten keinen dauerhaften Schutz. Dabei ist es auch gerade der Verdacht der Kollaboration mit den Besatzern, der die Christen ins Visier der Extremisten bringt. Durch Kontakte ins Ausland lernten viele Englisch und kamen deshalb bevorzugt für die Mitarbeit bei den Amerikanern infrage. "Christen werden als Repräsentanten des Westens betrachtet und kriegen dann das ab, was man diesem gern heimzahlen würde", sagt Ulrich Pöner von der Bischofskonferenz.
Europa öffnet sich
Ein anderes Problem ist die Missionierungsarbeit von Freikirchen, die teils sogar Geld versprechen und so aggressiv auftreten, dass sie in der muslimischen Bevölkerung Ängste auslösen, die dann in Gewalt münden. "Das halten wir als Großkirchen nicht für seriös und machen das auch nicht, werden aber dafür mit in Haft genommen", sagt Pöner.
Den EU-Beschluss von Ende November, 10 000 Iraker - vor allem verfolgte Christen - aufzunehmen, nennt die GfbV "einen Tropfen auf den heißen Stein". Auch die Kirchen bezweifeln, dass das Kontingent reicht. Dass die US-Invasion Zerstörungskräfte im Irak freisetzen würde, die sich gewaltsam gegen die christliche Minderheit richten würden, sei schon vor dem Krieg absehbar gewesen, sagt Pöner. Nicht zuletzt deshalb hätten die Kirchen davor gewarnt.
Und nun? Pöner pocht auf das Postulat der Religionsfreiheit, das immer wieder eingefordert werden müsse. Ein interreligiöser Dialog solle ein gemeinsames Verständnis über elementare Dinge des Zusammenlebens aufbauen. Oder, wie Palästinenser Nassar in seinem Weihnachtsbrief schreibt: "Wir weigern uns, Feinde zu sein."
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