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30. Mai 2014

Vergewaltigung in Indien: Der Tod der Cousinen

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Der Tatort außerhalb des Dorfs, die Leichen am Baum - und die herbeigezwungene Polizei.  Foto: dpa

Polizisten vergewaltigen und lynchen zwei "unberührbare" Teenager in Indien - erst ein makabrer Protest der Dorfbewohner macht den Doppel-Sexualmord öffentlich.

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Das 14-jährige Mädchen trug ein fröhliches rotes Hemd. Ihre ein Jahr ältere Cousine hatte ein grünes Hemdkleid und lange Hosen an. So hingen sie an dem Mangobaum. So fanden die Dalits (die ehemalige Kaste der Unberührbaren) ihres Heimatdorfes im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh sie. „Selbstmord“, meinte die lokale Polizei nur dazu. Inzwischen steht fest: Die beiden Dalit-Mädchen wurden mehrfach vergewaltigt, dann knüpften ihre Peiniger sie auf. Die sieben Täter sind Polizisten, deren Brüder aus einem Nachbardorf und ein lokaler Politiker.

Doch damit der grausame Sexualmord überhaupt aufgeklärt wurde, war erst ein makabrer Protest der Dorfes notwendig. 13 Stunden lang saßen die Dorfbewohner rund um den Baum, die Toten blieben hängen. Denn die lokale Polizei weigerte sich zunächst, überhaupt eine Untersuchung einzuleiten.

„Sie hätten gerettet werden können“, klagt die Familie, „aber die Polizei wollte schon nichts unternehmen, als die beiden am Dienstagabend verschwunden waren.“ Die Cousinen waren wie jeden Abend aufs Feld gegangen, weil es in ihren ärmlichen Hütten an allen sanitären Einrichtungen fehlt. Auf dem Acker lauerten ihnen offenbar die Täter auf.

Hätte ein Fotograf nicht die toten Mädchen abgelichtet und die Bilder an lokale Presseagenturen weitergeleitet, wäre der Doppelmord möglicherweise in der Masse der Vergewaltigungen untergegangen, die es täglich in dem 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Indien gibt. Die Medien, die seit dem Tod einer jungen Studentin nach einer brutalen Vergewaltigung in Delhi im Dezember 2012 dem Thema Gewalt gegen Frauen endlich erhöhte Aufmerksamkeit schenken, greifen Vergewaltigungsfälle vor allem auf, wenn die Opfer aus der Mittelklasse stammen. Dalits sind formal zwar allen Indern gleichgestellt. In der Praxis leben die meisten aber in bitterer Armut und werden von Grundbesitzern systematisch misshandelt.

Reformen nur in den Städten

Diese „mittelalterlichen Verhältnisse“ in dem Dorf 340 Kilometer westlich von Lucknow, die in Wirklichkeit auch die heutigen Lebensbedingungen sind, machen manche Medien nun für den Doppelmord verantwortlich. Denn sowohl die Polizisten wie auch ihre zivilen Komplizen stammen aus einer höheren Kaste. Die Dalits und ihre Frauen werden in entlegeneren Regionen immer noch als Menschen dritter Klasse betrachtet, die jede Willkür ertragen müssen.

Daran änderten auch die massiven Proteste junger Mittelklasse-Inderinnen wenig, die im vergangenen Frühjahr mit spontanen Straßenprotesten die Politik des Landes zur Verschärfung der Gesetze zwang. Auf Vergewaltigung steht mittlerweile die Todesstrafe. In den Städten reagiert die Polizei weitaus sensibler als noch vor zwei Jahren auf Vorwürfe der Vergewaltigung – sofern sie nicht auf prominente Personen zielen. Denn ausgerechnet der Richter am Obersten Gericht Indiens, der für Menschenrechte zuständig war, musste im vergangenen Jahr erst nach langem Gezerre gehen, obwohl klar war, dass er eine junge Mitarbeiterin sexuell belästigt hatte.

In der tiefen Provinz dagegen ändert sich wenig. Geändert hat sich nur die Haltung der Dalits. Nach Jahrhunderten demütiger Geduld kennen sie inzwischen die Kraft des gemeinsamen Protests. Den beiden ermordeten Mädchen nutzt das freilich so wenig wie einer der Mütter der beiden: Sie wurde von den Tätern angegriffen und so zusammengeschlagen, dass sie mit Knochenbrüchen im Hospital landete. (mit afp)

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