Der oberste Religionsführer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, hat am Montag einen Rückzieher gemacht. Am Samstag hatte er Mahmud Ahmadinedschads Wahlsieg als "einen göttlichen Bescheid" ausgerufen. 48 Stunden später ordnete Chamenei an, der zwölfköpfige Wächterrat soll die Vorwürfe des Kontrahenten Mir Hussein Mussawi untersuchen, er sei um den Sieg betrogen worden.
Dem obersten Religionsführer scheint klar geworden zu sein: Die Wahrheit lässt sich nicht länger verheimlichen. Zu krass waren die Fälschungen und zu dilettantisch die Inszenierung. So kursieren inzwischen in Teheran Zahlen aus "anonymen Kreisen" des Innenministeriums, die ein anderes Wahlresultat nahelegen.
Danach waren alle neun Zwischenergebnisse, die Innenminister Sadeq Mahsuli in der Nacht von Freitag zu Samstag bekannt gab, vorab geschrieben und geplant worden. In Wirklichkeit aber hat nach diesen Angaben Mussawi die Wahl haushoch gewonnen - und zwar mit 21,3 Millionen Stimmen, das entspricht 57,2 Prozent. Ahmadinedschad erhielt nur 28 Prozent. Auf dem dritten und vierten Platz landeten Mohsen Rezai mit 7,2 Prozent und Mehdi Karrubi mit sechs Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 81 Prozent.
Es war nicht das erste Mal, dass sich Mitarbeiter aus dem Teheraner Innenministerium an ihrer Ahmadinedschad-ergebenen Leitung vorbei mit Informationen nach draußen wandten. Einige Tage vor der Wahl hatten Angestellte in einem Brief an den Wächterrat vor Manipulationen gewarnt.
Auch die Mitarbeiter des offiziellen Wahlverlierers haben das Wochenende gerechnet und ihre Kontaktleute in den Provinzen und in Teheran befragt. Einer von ihnen, der langjährige Chef der revolutionären Garden, Mohsen Rezai, kommt ebenfalls zu ganz anderen Ergebnissen. Seine Analyse teilt die Ergebnisse in drei Kategorien auf - Landbevölkerung, kleine Städte und große Städte.
Mussawi gewinnt in Städten
Nur auf dem Land, wo etwa ein Drittel aller Wahlberechtigten leben, lag Ahmadinedschad mit Mussawi gleich auf. Die beiden anderen Kandidaten erreichten zwei bis drei Prozent. In den kleineren Städten ändert sich das Bild. Hier lag Mussawi mit 66 Prozent vorne, Ahmadineschad und Rezai waren mit 12 bis 14 Prozent gleich stark. Karrubis Zustimmung dümpelte im einstelligen Prozentbereich.
In großen Städten wie Teheran oder in Isfahan lag Mussawi mit etwa 70 Prozent der Stimmen weit vorn. Ahmadineschad kam auf 16 Prozent, Rezai auf zehn und Karrubi auf vier. Auch die Iraner im Ausland stimmten demnach mit 78 Prozent für Mussawi und nur sieben Prozent für Ahmadinedschad.
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