Auch Mike Crowley stieß zu den "Birthers" als erfahrener Verschwörungstheoretiker. Bei ihm ist es die "New World Order", die neue Weltordnung, ein Komplott der Herren Rockefeller, Brzezinski und Soros unter kräftiger Beihilfe aller US-Präsidenten seit George Bush senior. Auch die Republikaner machen mit. Deshalb hätten sie Obama, den Crowley "Barry Soetoro" nennt, nach dessen indonesischem Stiefvater, auch nie als illegalen Ausländer enttarnt. Im Kern geht es darum, alle Staaten einer Weltregierung zu unterwerfen, alle Währungen abzuschaffen, alle Freiheiten. "1994 hat mir ein Freund die Augen geöffnet", sagt Crowley. Obama sei ein besonders nützliches Werkzeug der großen Verschwörung.
Ein junger Kerl mit Flaumbart und Lederjacke reicht Handzettel herum, "10 Gründe für eine neue 9/11-Untersuchung". Die Anschläge des 11. September 2001 waren für ihn ganz klar nicht das Werk von Terroristen. Einer der Geschworenen wiederum, ein Typ mit speckiger Yankee-Mütze und zitronengelber Jacke, hat sich vorhin bitter über die Juden beklagt. "Alles ist jüdisch, Goldman Sachs, Obamas ganzes Weißes Haus", empörte er sich über den ersten US-Präsidenten seit langem, der die Wall Street härter anpackt und sich in Nahost vorsichtig von Israel distanziert.
Die vielleicht vier Dutzend "Birther", die hier nach Harlem kamen, haben keine Mühen gescheut. Eddy lebt in Florida, Jean und Don in Hawaii, Rudy in Texas, David in New Mexico. Erin reiste sogar aus dem kanadischen Toronto an und Teresa, eine zierliche Frau mit schüchternem Blick, aus Stuttgart. Dorthin war sie als junge Frau vor 30 Jahren zu ihrem deutschen Gatten gezogen, und als er vor fünf Jahren starb, blieb sie in Deutschland. Jetzt aber ist das Vaterland in Gefahr und Teresa hat sich aufgemacht in die amerikanische Heimat, um, wie sie sagt, "meine patriotische Pflicht zu erfüllen". In der Jury sitzt sie in der zweiten Reihe, hinter einem greisen Exil-Ungarn aus Florida, der 1956 vor den Russen floh und nicht will, dass die Kommunisten auf seine alten Tage Amerika unterjochen.
Nach Harlem zum Obama-Prozess gerufen hat die "Birther" der ehrenwerte Reverend James David Manning. Der schwarze Prediger der ATLAH World Ministries brummte als junger Mann einst eine Haftstrafe wegen Diebstahl und Raub ab, dann wandte er sich im Knast Jesus zu. In Predigten und Internet-Videos wütet der wortgewaltige Charismatiker gegen linke Dekadenz, Homosexuelle und seit geraumer Zeit gegen Obama. Der sei kein Amerikaner, sondern "Bürger der Hölle". In seinen Tiraden nennt Manning den Präsidenten mal einen Zuhälter, mal schwul, mal einen Muslim, dessen Mutter eine weiße Schlampe. Für den "Prozess" ist er in einen eleganten Anzug und die Rolle des Anklägers geschlüpft.
Die Vorwürfe haben es in sich: Hochverrat, Spionage, Betrug, Wahlbetrug, Amtsanmaßung, Justizbehinderung, Verschwörung. Auch Harlems Columbia University ist angeklagt, weil sie Obama deckt. Der nämlich hat dort in den 80er Jahren nie studiert. Stattdessen soll Obama vier Jahre lang als CIA-Agent mit afghanischen Mujaheddin gegen die Sowjets gekämpft haben. Warum ihm die Commies das verziehen haben, ist unklar. Die Vorladung wurde im April im Weißen Haus Obamas Rechtsberater Robert Bauer zugestellt. Zur Verhandlung ist der Angeklagte nicht erschienen. "Der Präsident hat seit Jahren mit verrückten Internet-Gerüchten zu tun", erklärte vorige Woche dessen Sprecher Robert Gibbs, "ich bin ziemlich sicher, dass kein vernünftiges Argument diese Leute überzeugen kann."
Als Zeugen treten in Harlem ein Hawaiianer auf, der Obamas Geburtsurkunde anzweifelt, ein ehemaliger Columbia-Student, der Obama dort nicht gesehen hat. Der Brief eines angeblichen Ex-KGB-Mannes gilt als Beweis für den Kampfeinsatz am Hindukusch. Das Urteil, schuldig in allen Punkten, wird im Saal mit Applaus quittiert. Allerdings ließ die Anklage die brisantesten Vorwürfe - Hochverrat und Spionage - ruhen. Darauf steht die Todesstrafe. Das war Manning denn doch zu heiß. Zwar wünscht er, Obama möge "an den Zehen aufgeknüpft" werden. Beamte von FBI und Heimatschutzministerium aber waren neulich bei Manning: "Sie haben mich gefragt, ob ich Pläne habe, Obama zu ermorden." Das weist er weit von sich. Im Internet aber, der großen Echokammer, wo jeder Unsinn wahrhaftig wird, hat das Urteil von Harlem sein Publikum erreicht: "Obama überführt ! Hängt den Bastard!"
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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