kalaydo.de Anzeigen

Verschwörungstheoretiker: Obama und die Legende der Birther

Sie halten den US-Präsidenten Obama für einen Kriminellen und seine Präsidentschaft für einen Betrug. Weil sich ordentliche Gerichte nicht damit befassen mögen, machen die "Birther" ihm selbst den Prozess. Von Dietmar Ostermann

In Wheat Ridge, Colorado, steht diese Plakatwand, die Barack Obama als Muslim verspottet.
In Wheat Ridge, Colorado, steht diese Plakatwand, die Barack Obama als Muslim verspottet.
Foto: Getty Images

New York. Man kennt diese Szenen aus Hollywoods Gerichtsdramen. Oben der Richter im schweren Ledersessel, bewehrt mit schwarzer Robe und strenger Miene, die Hand nachdenklich am Kinn. Rechts die Jury. Davor hat sich der Ankläger aufgebaut, gestikuliert, erläutert mit donnernder Stimme den Fall. "Herr Obama ist ein Krimineller - und wir werden das vor diesem Gericht beweisen." Ein Blick wie Blitz und Donner trifft die Geschworenen. "Er ist nicht Präsident, das ist unser Amt. Es gehört uns." Im Saal und auf der harten Holzbank der Jury nicken Köpfe. Das Urteil steht längst fest. "Was wir hier tun, wird die Geschichte Amerikas verändern."

In welchem Film sind wir? Mitten in Harlem, in einem kleinen Gotteshaus an der 123. Straße, Sitz von ATLAH World Ministries, einer schwarzen Gemeinde, findet ein denkwürdiges Spektakel statt. Barack Obama, den sie hier den sogenannten Präsidenten nennen, wird der Prozess gemacht. Ein Verfassungszusatz erlaubt nur "natürlich geborenen" Staatsbürgern der USA, das höchste Amt zu bekleiden. Deshalb durfte der österreichische Wahl-Kalifornier Arnold Alois Schwarzenegger nie für das Weiße Haus kandidieren. Und Obama, das soll hier bewiesen werden, hätte es auch nicht gedurft. Nie und nimmer. Denn geboren wurde Obama nicht in Hawaii, behauptet die Anklage, sondern in Afrika, in Kenia, der Heimat seines Vaters.

Es ist die Legende der "Birther", die hier verhandelt wird. Derjenigen also, die Obamas Geburtsort und Legitimität anzweifeln. Seine Präsidentschaft ist für sie ein einziger Betrug, eine große Verschwörung. Auch die Tatsache, dass Obamas Mutter Stanley Ann Durham US-Bürgerin war, rüttelt nicht an dieser festen Überzeugung. Der kleine Barry war für sie deshalb noch lange kein gebürtiger Amerikaner.

Weil sich ordentliche Gerichte zwischen New York und San Francisco nicht mit derlei Theorien befassen mögen, machen die "Birther" Obama nun selbst den Prozess. Ausgerechnet in Harlem, Amerikas schwarzer Hauptstadt, in einer schwarzen Kirche, mit einem schwarzen Prediger in der Rolle des Anklägers. Das hilft zumindest gegen den Vorwurf, "Birther" seien rassistisch motiviert.

Was vor gut zwei Jahren als Gerücht und Schmierenkampagne im Internet begann, zieht immer erstaunlichere Kreise. Das Repräsentantenhaus in Arizona verabschiedete jüngst ein Gesetz, dass von Präsidentschaftskandidaten die Vorlage der Geburtsurkunde verlangt. Laut einer Umfrage des Senders ABC glaubt mittlerweile jeder fünfte US-Bürger, Barack Obama sei im Ausland geboren worden. Davon ist jeder Zweite überzeugt, diese Ansicht sei durch solide Beweise untermauert. Auch Demokraten und Menschen, die Obama eigentlich gut finden, gehören dazu.

Da hilft es wenig, wenn vorige Woche Linda Lingle, die Gouverneurin von Hawaii, eine Republikanerin, erneut bekräftigte: "Der Präsident wurde tatsächlich im Kapi´olani Hospital in Honolulu, Hawaii, geboren." Zugleich unterzeichnete Lingle ein Gesetz, das es der Gesundheitsbehörde ihres Gliedstaates erlaubt, künftig Anfragen nach Obamas Geburtsurkunde zu ignorieren. Die gehen dort pausenlos ein, türmen sich zu einem mehr als 30 Zentimeter hohen Stapel, kosten Zeit und Nerven. Schon im Wahlkampf 2008 hatte Obama im Internet eine Kopie seiner Geburtsbescheinigung veröffentlicht. Dass ein Barack Hussein Obama II. am 4. August 1961 um 19 Uhr und 24 Minuten im Pazifikparadies Honolulu das Licht der Welt erblickte, vermeldeten am nächsten Tag lokale Zeitungen.

Joe Fox beeindruckt all das überhaupt nicht. Fox ist 60 Jahre alt, hager, hoch aufgeschossen, ein Mann mit wachem Blick und leicht hängenden Schultern, der dem Prozess aufmarksam lauscht. Daheim in New Jersey schlägt er sich durch als Vertreter für einen Unternehmens-Dienstleister, der auf seiner Webseite mit einem Foto des Präsidenten wirbt. Joe Fox aber lässt sich so schnell kein X für ein U vormachen. Von wegen Geburtsurkunde. "Das Original hat doch niemand gesehen." Schon als Fox Obama zum ersten Mal sah, war sein Misstrauen geweckt.

Dann kamen die Emails, düstere Warnungen. Fox las auf einschlägigen Webseiten allerlei Unerfreuliches über kommunistische Freunde Obamas, dessen heimliche Agenda. Überrascht war er nicht. Er hatte es ja gewusst. Im Grunde hat Joe Fox einen wie Obama erwartet, lange bevor Obama kam. "Die kommunistische Bewegung arbeitet in drei Phasen", sagt er mit der traurigen Gewissheit desjenigen, der sich finsteren Mächten ausgeliefert weiß: "Phase eins ist die Umerziehung, das haben sie in unseren Schulen erreicht. Phase zwei ist die Destabilisierung, da sind wir jetzt. Dann kommen die Krise und die Machtergreifung."

Amerika mag den Kalten Krieg gewonnen haben, doch die Kommunisten unterwandern Amerika, so sieht es Joe Fox. Dass es Menschen gibt, die ihn belächeln, weiß er. Das aber bestärkt ihn nur. Nicht jeder durchschaut das Spiel, sie sind ja nicht dumm, die Kommunisten. Nur bei der "Tea Party", Amerikas konservativer Graswurzelbewegung, fühlt er sich zum ersten Mal verstanden. Jetzt müsse man Obama stoppen: "Ich glaube, wir müssen etwas Radikales tun. Deshalb bin ich hier. Es bleibt nicht viel Zeit."

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  Von Dietmar Ostermann
Datum:  21 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Neuste Bildergalerien Politik
Ein Zettel mit dem Aufruf "Naziaufmärsche stoppen" von Gegnern einer Neonazi-Demonstration liegt in Dresden auf der Straße
Dresden wehrt sich gegen Neonazis
Sicherheitsleute begutachten ein beschädigtes Auto vor der israelischen Botschaft in Neu Delhi.
Anschläge auf israelische Diplomaten
Der griechische Ministerpräsident Lucas Papademos (r) spricht mit Finanzminister Evangelos Venizelos, während vor dem Parlamentsgebäude die Straßenschlachten toben. Foto: Pantelis Saitas
Athen nimmt nächste Hürde - Schwere Krawalle
Blick aus einem Kleinflugzeug auf die winterlich verschneite Stadt Lübbenau im Spreewald. Foto: Patrick Pleul
Winterzauber in Deutschland - Schneechaos auf Balkan
Der abgewählte Oberbürgermeister Adolf Sauerland verlässt nach einer kurzen Ansprache eine Bühne im Rathaus in Duisburg. Foto: Bernd Thissen
Duisburger OB Sauerland verliert sein Amt
Die Internetgemeinde ist zornig - denn hinter dem Urheberrechtsabkommen ACTA - das offiziell gegen Piraterie helfen soll - vermuten sie einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und Zensur.
Protest gegen Acta
Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (240 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!