New York. Man kennt diese Szenen aus Hollywoods Gerichtsdramen. Oben der Richter im schweren Ledersessel, bewehrt mit schwarzer Robe und strenger Miene, die Hand nachdenklich am Kinn. Rechts die Jury. Davor hat sich der Ankläger aufgebaut, gestikuliert, erläutert mit donnernder Stimme den Fall. "Herr Obama ist ein Krimineller - und wir werden das vor diesem Gericht beweisen." Ein Blick wie Blitz und Donner trifft die Geschworenen. "Er ist nicht Präsident, das ist unser Amt. Es gehört uns." Im Saal und auf der harten Holzbank der Jury nicken Köpfe. Das Urteil steht längst fest. "Was wir hier tun, wird die Geschichte Amerikas verändern."
In welchem Film sind wir? Mitten in Harlem, in einem kleinen Gotteshaus an der 123. Straße, Sitz von ATLAH World Ministries, einer schwarzen Gemeinde, findet ein denkwürdiges Spektakel statt. Barack Obama, den sie hier den sogenannten Präsidenten nennen, wird der Prozess gemacht. Ein Verfassungszusatz erlaubt nur "natürlich geborenen" Staatsbürgern der USA, das höchste Amt zu bekleiden. Deshalb durfte der österreichische Wahl-Kalifornier Arnold Alois Schwarzenegger nie für das Weiße Haus kandidieren. Und Obama, das soll hier bewiesen werden, hätte es auch nicht gedurft. Nie und nimmer. Denn geboren wurde Obama nicht in Hawaii, behauptet die Anklage, sondern in Afrika, in Kenia, der Heimat seines Vaters.
Es ist die Legende der "Birther", die hier verhandelt wird. Derjenigen also, die Obamas Geburtsort und Legitimität anzweifeln. Seine Präsidentschaft ist für sie ein einziger Betrug, eine große Verschwörung. Auch die Tatsache, dass Obamas Mutter Stanley Ann Durham US-Bürgerin war, rüttelt nicht an dieser festen Überzeugung. Der kleine Barry war für sie deshalb noch lange kein gebürtiger Amerikaner.
Weil sich ordentliche Gerichte zwischen New York und San Francisco nicht mit derlei Theorien befassen mögen, machen die "Birther" Obama nun selbst den Prozess. Ausgerechnet in Harlem, Amerikas schwarzer Hauptstadt, in einer schwarzen Kirche, mit einem schwarzen Prediger in der Rolle des Anklägers. Das hilft zumindest gegen den Vorwurf, "Birther" seien rassistisch motiviert.
Was vor gut zwei Jahren als Gerücht und Schmierenkampagne im Internet begann, zieht immer erstaunlichere Kreise. Das Repräsentantenhaus in Arizona verabschiedete jüngst ein Gesetz, dass von Präsidentschaftskandidaten die Vorlage der Geburtsurkunde verlangt. Laut einer Umfrage des Senders ABC glaubt mittlerweile jeder fünfte US-Bürger, Barack Obama sei im Ausland geboren worden. Davon ist jeder Zweite überzeugt, diese Ansicht sei durch solide Beweise untermauert. Auch Demokraten und Menschen, die Obama eigentlich gut finden, gehören dazu.
Da hilft es wenig, wenn vorige Woche Linda Lingle, die Gouverneurin von Hawaii, eine Republikanerin, erneut bekräftigte: "Der Präsident wurde tatsächlich im Kapi´olani Hospital in Honolulu, Hawaii, geboren." Zugleich unterzeichnete Lingle ein Gesetz, das es der Gesundheitsbehörde ihres Gliedstaates erlaubt, künftig Anfragen nach Obamas Geburtsurkunde zu ignorieren. Die gehen dort pausenlos ein, türmen sich zu einem mehr als 30 Zentimeter hohen Stapel, kosten Zeit und Nerven. Schon im Wahlkampf 2008 hatte Obama im Internet eine Kopie seiner Geburtsbescheinigung veröffentlicht. Dass ein Barack Hussein Obama II. am 4. August 1961 um 19 Uhr und 24 Minuten im Pazifikparadies Honolulu das Licht der Welt erblickte, vermeldeten am nächsten Tag lokale Zeitungen.
Joe Fox beeindruckt all das überhaupt nicht. Fox ist 60 Jahre alt, hager, hoch aufgeschossen, ein Mann mit wachem Blick und leicht hängenden Schultern, der dem Prozess aufmarksam lauscht. Daheim in New Jersey schlägt er sich durch als Vertreter für einen Unternehmens-Dienstleister, der auf seiner Webseite mit einem Foto des Präsidenten wirbt. Joe Fox aber lässt sich so schnell kein X für ein U vormachen. Von wegen Geburtsurkunde. "Das Original hat doch niemand gesehen." Schon als Fox Obama zum ersten Mal sah, war sein Misstrauen geweckt.
Dann kamen die Emails, düstere Warnungen. Fox las auf einschlägigen Webseiten allerlei Unerfreuliches über kommunistische Freunde Obamas, dessen heimliche Agenda. Überrascht war er nicht. Er hatte es ja gewusst. Im Grunde hat Joe Fox einen wie Obama erwartet, lange bevor Obama kam. "Die kommunistische Bewegung arbeitet in drei Phasen", sagt er mit der traurigen Gewissheit desjenigen, der sich finsteren Mächten ausgeliefert weiß: "Phase eins ist die Umerziehung, das haben sie in unseren Schulen erreicht. Phase zwei ist die Destabilisierung, da sind wir jetzt. Dann kommen die Krise und die Machtergreifung."
Amerika mag den Kalten Krieg gewonnen haben, doch die Kommunisten unterwandern Amerika, so sieht es Joe Fox. Dass es Menschen gibt, die ihn belächeln, weiß er. Das aber bestärkt ihn nur. Nicht jeder durchschaut das Spiel, sie sind ja nicht dumm, die Kommunisten. Nur bei der "Tea Party", Amerikas konservativer Graswurzelbewegung, fühlt er sich zum ersten Mal verstanden. Jetzt müsse man Obama stoppen: "Ich glaube, wir müssen etwas Radikales tun. Deshalb bin ich hier. Es bleibt nicht viel Zeit."
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