Stimmungsmacher: Staatspräsident Sarkozy. Bild: dpa
In der Tat dürfte das Problem allenfalls in europäischem Rahmen zu lösen sein. Nicht nur Davisse, auch der französische Staat ist überfordert. Als EU-Bürger genießen Rumänen und Bulgaren Freizügigkeit, dürfen nach Frankreich einreisen und sich dort bis zu drei Monate ohne Aufenthaltsgenehmigung aufhalten. Kaum in Bukarest aus dem Flugzeug gestiegen, können sie also unbehelligt nach Frankreich zurückkehren. Hortefeux hat denn auch eingeräumt, dass so mancher unter großem medialen Getöse nach Rumänien Ausgeflogene die Heimkehrprämie von 300 Euro pro Erwachsenem und 100 Euro pro Kind in die Rückreise nach Frankreich investiert. Die Konsequenz freilich, diejenigen zu integrieren, die er nicht loswerden kann, will der Sarkozy-Vertraute nicht ziehen.
Codruta Laura Novacovici hält in der Erzählung inne. Drei Männer sind hinzugetreten. Sie sprechen kein Französisch. Das Sagen haben sie in der Männergesellschaft der Roma trotzdem. Die Frau im Kaminrock aus Glitzerstoff ist nun nur noch Dolmetscherin. Was würden die Männer tun, wenn sie nach Rumänien abgeschoben würden? „Dann kehren sie nach Frankreich zurück“, übersetzt Novacovici.
Die Frage, ob sich die Roma nicht lieber in die französische Gesellschaft integrieren sollten, anstatt unwirtliches öffentliches Gelände zu besetzen und sich vertreiben zu lassen, löst Verwirrung aus. Die Nachfrage, ob die Roma nicht lieber in einer Sozialwohnung leben würden anstatt in Baracken unter Stadtautobahnen, die Polizei im Nacken, Motorengebrumm in den Ohren, Autoabgase in der Nase, macht die Verwirrung nur noch größer.
Cotrura Laura Novacovici blickt zum Wellblechdach der Sporthalle empor, streckt die Hände aus, als wolle sie imaginären Göttern Opfergaben reichen. Doch die Hände sind leer, die Gesten nur Ausdruck von Hilflosigkeit, von Erklärungsnot. „Gleich neben dem Lager an der Autobahnbrücke beginnt der Stadtpark, da hatten wir einen Wasserhahn, Wiesen, einen See“, sagt Novacovici. Nein, soll das heißen, eine Wohnung wollen wir nicht.
Alexandre Le Clève, der Leiter des Roma-Kinder unterstützenden Hilfswerks „Hors-la-Rue“, ist zu dem Schluss gelangt, dass die gesellschaftliche Integration der Roma Zeit braucht. Möglich sei sie aber durchaus, davon ist der 35-jährige Jurist überzeugt. Nur brauche es dafür einen langen Atem, nicht eine auf kurzfristigen Erfolg angelegte Politik und schon gar nicht Populismus. Der Mann, der in rumänischen Waisenhäusern gearbeitet und anschließend beschlossen hat, sein Leben in den Dienst der „seit Jahrhunderten verfolgten Minderheit“ zu stellen, erzählt von den Einwanderungswellen nach 1945 und nach 1970. Viele Roma, die damals gekommen seien, lebten heute in Wohnungen und gingen einer geregelten Arbeit nach.
Vier Wochen nach Sarkozys Aufruf zur Räumung illegaler Roma-Lager scheint so nur eines sicher: Der Staatschef kann erste, wenn auch bescheidene Popularitätserfolge verzeichnen. Laut einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage hat er zwei Sympathiepunkte hinzugewonnen. Anstatt auf bisher 34 bringt er es nun auf 36 Prozent Zustimmung.
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