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14. Februar 2011

Vertriebenen-Gedenktag: Historiker kritisieren Bundestagsbeschluss

 Von Harry Nutt
70.000 Heimatvertriebene demonstrieren vor dem Stuttgarter Neuen Schloss gegen die Abkommen von Jalta und Potsdam. (Archivbild vom 5.August 1950)  Foto: dpa

Mehr als 50 namhafte internationale Historiker haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen den am Donnerstag vom Deutschen Bundestag angenommen Antrag gewandt, den 5. August zum Vertriebenen-Gedenktag zu machen.

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Mehr als 50 namhafte internationale Historiker haben sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen den am Donnerstag vom Deutschen Bundestag angenommen Antrag gewandt, den 5. August zum Vertriebenen-Gedenktag zu machen.

„Die Annahme des CDU/CSU/FDP-Antrages ,60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen – Aussöhnung vollenden' durch die Mehrheit des Bundestages am 10. Februar 2011 ist ein falsches geschichtspolitisches Signal“, heißt es in der Erklärung, zu deren Erstunterzeichnern u.a. Wolfgang Benz, Eckhardt Conze, Norbert Frei, Jürgen Kocka und Konrad Jarusch gehören.

Zu den Initiatoren der Erklärung zählen ferner die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, darunter die polnischen Historiker Krzysztof Ruchniewicz und Piotr Madajczyk sowie Michael Wildt, Stefan Troebst und Raphael Gross.

„Flüchtlinge und Vertriebene in aller Welt, auch die deutschen Vertriebenen, haben ein Recht auf Achtung und Erinnerung“, heißt es im Wortlaut der Erklärung. „So wird der Millionen Flüchtlinge in der Welt, die gezwungen sind, ihre Heimatländer zu verlassen, auf Beschluss der UN-Vollversammlung jährlich am 20. Juni, dem "Welttag der Migranten und Flüchtlinge", gedacht.

Warum nun darüber hinaus ein "bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Vertreibung"? Die "Charta der Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950 ist dafür eine denkbar schlechte Grundlage. Denn in der Charta findet sich kein Wort zu den Ursachen des Krieges, zu den nationalsozialistischen Massenverbrechen, zum Mord an Juden, Polen, Roma und Sinti, sowjetischen Kriegsgefangenen und anderen verfolgten Gruppen, kein Wort zum Generalplan Ost, der die Vertreibung und Vernichtung von Millionen "slawischer Untermenschen" nach dem "Endsieg" vorsah. Stattdessen erklärten sich die deutschen Vertriebenen selbst zu den „vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen“, was angesichts des nationalsozialistischen Massenmords eine groteske Verzerrung der historischen Wirklichkeit darstellt. Das Wort "Versöhnung" taucht in der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" nicht auf. Vielmehr wird darin gänzlich deplatziert auf "Rache und Vergeltung" verzichtet, als gäbe es einen solchen Anspruch. Und hinter dem proklamierten "Recht auf Heimat" stand 1950 weiterhin die Forderung nach territorialer Revision der Nachkriegsgrenzen.

Fragwürdige historische Entstehung der Charta

Für Polen, Tschechen, Slowaken, ehemalige Bürger der UdSSR, Überlebende des Holocausts und die Angehörigen anderer Nationen, die vom nationalsozialistischen Deutschland überfallen, vertrieben und ermordet wurden, stellt daher diese "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" kein Dokument der Versöhnung dar. Sie zur Grundlage des neuen nationalen Gedenktags zu erheben, widerspricht dem Bemühen aller Menschen, die sich in Deutschland wie im Ausland um ein würdiges europäisches Gedenken an Vertreibungen bemühen.“

Der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz hatte in einem Beitrag in der FR vom 8. Februar auf den kontroversen Charakter der Charta der deutschen Heimatvertriebenen aufmerksam gemacht, an die künftig durch den Gedenktag erinnert werden soll. „Relativierend kann man sagen“, so Ruchniewicz in der FR, „dass die Charta ein Kind ihrer Zeit war, das Produkt einer traumatisierten Gruppe, die sich bemühte, die eigene Lebenswelt neu aufzubauen, wobei sie sich in den Mythos des unschuldigen Opfers flüchtete. Aus diesem Grund wurde in den in diesen Kreisen geschriebenen Büchern und Materialien über die alte Heimat die Zeit des Nationalsozialismus fast völlig ausgeblendet. Man kann das historisch und psychologisch nachvollziehen, muss es aber nicht gutheißen.“


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In einem Zeitungsbeitrag hatte Raphael Gross, Direktor des Fritz Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt auf die fragwürdige historische Entstehung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen aufmerksam gemacht. „Ein Blick in die Liste der damaligen Unterzeichner der "Charta" sollte eigentlich schon zur größten Vorsicht mahnen“, schreibt Gross. „Wir finden darunter Menschen, die wenige Jahre vorher etwa aktiv "Ostumsiedlung" betrieben haben, einen Schulungsleiter der NSDAP; zwei SS-Obersturmbannführer, et cetera.“

Der Antrag „60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen – Aussöhnung vollenden“ war am 10. Februar gegen die Stimmen der Opposition vom Deutschen Bundestag angenommen worden. Die Bundesregierung muss nun prüfen, ob sie den 5. August in den Rang eines Gedenktages erheben wird.

Auf der folgenden Seite: Die Unterzeichner der Erklärung

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