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Vertriebenen-Präsidentin: Steinbach redet sich raus

„Und ich kann es auch leider nicht ändern, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht hat“ - mit diesem Satz sorgt Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach erneut für einen Eklat. Jetzt zieht sie sich aus dem CDU-Vorstand zurück.

Erika Steinbach,
Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach.
Foto: dpa

Berlin. Die umstrittene CDU-Politikerin Erika Steinbach zieht sich aus den Führungsgremien ihrer Partei zurück. Die 67-Jährige kündigte am Donnerstag an, im November nicht erneut für den CDU-Vorstand zu kandidieren. Sie begründete ihren Schritt damit, im Vorstand „nur noch eine Alibifunktion“ zu haben. „Ich stehe dort für das Konservative, aber ich stehe immer mehr allein“, sagte sie der Zeitung Die Welt.

Zuvor hatten Politiker aller Parteien die jüngsten Äußerungen Steinbachs scharf verurteilt. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: „Zweideutige Äußerungen, die die schwere Verantwortung Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs infrage stellen, sind nicht akzeptabel.“ SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann bezeichnete Steinbachs Position als „unerträglich“. Die Grünen forderten die CDU auf, einen Parteiausschluss Steinbachs zu prüfen.

Die Lage vor dem überfall auf Polen

Am 23. März 1939 hat Polen tatsächlich eine Kavallerie-Brigade und vier Infanterie-Divisionen mobilisiert. Es ist aber historisch verfehlt, dies zur Relativierung der deutschen Schuld am zweiten Weltkrieg anzuführen, wie das Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach nahelegte.

Der polnische Historiker Tomasz Szarota kritisierte Steinbachs Worte am Donnerstag als „Übernahme der Argumente Hitlers“. Denn in seiner Radioansprache nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 hatte Adolf Hitler gesagt: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen“.

Den Hintergrund der polnischen Teilmobilisierung beschreibt der Historiker und Osteuropa-Experte Hans Henning Hahn gegenüber der FR folgendermaßen: Seit Oktober 1938 hatte die deutsche Reichsregierung die polnische Regierung ungeheuer unter Druck gesetzt. Es ging unter anderem um die Abtretung der freien Stadt Danzig an das Deutsche Reich und den Beitritt zur Achse Deutschland-Italien (was einem antisowjetischen Bündnis gleichkam). Polen lehnte in allen Punkten ab. Als Deutschland am 15. März Prag und vor allem am 23. März 1939 das damals litauische Memelgebiet besetzte, reagierte Polen mit der Mobilisierung. Diese war indes laut Historiker Hahn „militärisch gesehen eine eher symbolische Angelegenheit“: Polen wollte klarmachen, dass es dem Druck nicht nachgeben werde.(hahe/dpa)

Steinbach hatte zuvor bei einer internen CDU-Fraktionsklausur gesagt, sie könne es „leider nicht ändern, dass Polen bereits im März 1939 mobilgemacht“ habe. Sie reagierte damit auf parteiinterne Vorwürfe gegen zwei Vertreter des Bundes der Vertriebenen (BdV), sie würden die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg relativieren. Unions-Fraktionschef Volker Kauder beschied seine Parteifreundin, die Kriegsschuldfrage sei für die CDU geklärt. Auch Steinbach stellte später klar, sie habe die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg nicht relativieren wollen.

Der Historiker Hans Henning Hahn sagt, bei Steinbachs Aussage handele es sich aber um eine Auffassung, „die in rechtsradikalen Kreisen verbreitet ist“. Der Professor für osteuropäische Geschichte an der Uni Oldenburg sprach in der FR von einem „Skandal“, dass diese Form des historischen Revanchismus nun auf höchster politischer Ebene der Republik auftauche.

Autor:  Von Steffen Hebestreit
Datum:  9 | 9 | 2010
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