kalaydo.de Anzeigen

Verurteilter Türke: Abschiebung nach "Ehrenmord"

Knapp vier Jahre nach einem "Ehrenmord" in Esslingen hat das Verwaltungsgericht Stuttgart die Ausweisung des Täters in die Türkei für rechtens erklärt.

Stuttgart (ddp) - Knapp vier Jahre nach einem blutigen "Ehrenmord" in Esslingen hat das Verwaltungsgericht Stuttgart die Ausweisung des Täters in seine türkische Heimat für rechtens erklärt. Die Richter wiesen am Dienstag eine Klage des Mannes gegen seine drohende Abschiebung zurück. Begründet wurde das noch nicht rechtskräftige Urteil vor allem mit einer Wiederholungsgefahr. Der in Deutschland aufgewachsene Türke hatte dagegen beteuert, er habe seine Einstellung geändert. "Ich schäme mich heute für die Tat", sagte er vor Gericht.

Der 1985 geborene Türke war 2005 vom Landgericht Stuttgart wegen der Ermordung des Geliebten seiner damals verheirateten Schwester zu einer Jugendstrafe von neun Jahren verurteilt worden. Dem Urteil zufolge hatte er den Landsmann aus Wut, verletztem Stolz und "zur Wiederherstellung der Familienehre" im Oktober 2004 in einem Lebensmittelgeschäft mit rund 40 Messerstichen umgebracht. Zunächst wollte der damals 18-Jährige den 27-Jährigen wohl nur zur Rede stellen. Als dieser mit den Worten "Verpiss Dich, Kleiner" reagierte, zog er ein Messer und stach den Kontrahenten nieder.

Der Türke soll bereits im Kindesalter wegen aggressiven Verhaltens aufgefallen sein und war zur Tatzeit wegen einer ebenfalls aus "Ehrengründen" begangenen Körperverletzung vorbestraft. Gegenwärtig sitzt er wegen des Mordes noch in Haft. Dort holte er zwischenzeitlich die Mittlere Reife nach. 2010 könnte er vorzeitig auf Bewährung entlassen werden. Aufgrund eines Assoziationsabkommens zwischen der Türkei und der EU sind an seine Ausweisung hohe rechtliche Hürden geknüpft.

Gericht: "Kein faktischer Inländer"

Zur Tatzeit hatte der Kläger, dessen Vater früh starb, zusammen mit seinen älteren Brüdern die Familie angeführt. Sein in archaisch-patriarchalischen Traditionen verhaftetes Ehrenbild will er aber inzwischen abgelegt haben. "Jeder kann tun und lassen, was er will" - so beschrieb er in der Verhandlung seine heutige Denkweise. Künftig wolle er gemeinsam mit seiner Freundin ein frei bestimmtes Leben führen. Der Kammervorsitzende blieb allerdings skeptisch. "Uns fehlt ein Punkt, an dem man sehen kann, dass es bei ihnen Klick gemacht hat", sagte der Richter.

Das Gericht stellte letztlich den Schutz der öffentlichen Ordnung vor die privaten Interessen des Klägers. Es bestehe die Gefahr, dass der Verurteilte auch künftig Gewalt anwende, um seine Vorstellungen von Ehre durchzusetzen oder Probleme zu lösen. Auch bestünden "größte Zweifel", ob er sich tatsächlich von den Wertvorstellungen seiner Familie lösen könne.

Der Kläger hatte auch geltend gemacht, dass seine Mutter und seinen Geschwister in Deutschland leben und er keine sozialen Kontakte in der Türkei habe. Die Richter sahen in ihm jedoch keinen "faktischen Inländer". Der Verurteilte sei der türkischen Lebensart eng verbunden.

Zur bislang ungeklärten Rechtsfrage, ob ein türkischer Staatsangehöriger, der unter das europäisch-türkische Assoziationsabkommen falle, wie ein EU-Bürger behandelt werden müsse, äußerte sich das Gericht nicht. Es ließ aber mit Blick darauf Berufung zum Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg zu.

Datum:  5 | 8 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Neuste Bildergalerien Politik
Pro-Tibet-Proteste in Washington
Sieben Lastwagen und 15 Autos sind in der Nacht auf der A 57 bei Dormagen ineinandergerast. Foto: Oliver Berg
Toter und 13 Verletzte bei Massenkarambolage auf A 57
Was verdienen die Deutschen? Bei ihrer Regierungschefin lässt sich das klar beantworten. Laut Bundesministergesetz stehen Angela Merkel derzeit monatlich 19.705,68 Euro zu. Hinzu kommen Dienstaufwandsentschädigungen und eine Amtswohnung.
Was die Deutschen verdienen
Menschen formen auf dem Neumarkt in Dresden aus lauter brennenden Kerzen eine Riesenkerze.
Friedliche Anti-Nazi-Demo in Dresden
Ein Zettel mit dem Aufruf "Naziaufmärsche stoppen" von Gegnern einer Neonazi-Demonstration liegt in Dresden auf der Straße
Dresden wehrt sich gegen Neonazis
Sicherheitsleute begutachten ein beschädigtes Auto vor der israelischen Botschaft in Neu Delhi.
Anschläge auf israelische Diplomaten
Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (241 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Auch Bettina Wulff wirkt müder als sonst - hier besichtigt sie Leonardo da Vincis
Bundespräsident Wulff in Italien 
Wütend nach dem Eintracht-Spiel in Düsseldorf: Heribert Bruchhagen.
Eintracht-Boss hadert mit Schiedsrichter und Schauspieler 
Bayer Leverkusen Boss Holzhäuser 
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Fußball-Kolumne Ballhorn (IV) 
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!