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01. August 2014

Vietnam-Krieg: Die Lüge im Golf von Tonkin

 Von Sebastian Moll
Vietnam, 1968. US-Marines bringen einen Verwundeten ins Lazarett. Ein Feldgeistlicher (Mitte, hinten) gibt ihm bereits die letzte Ölung.  Foto: dpa

Vor 50 Jahren begann der Vietnam-Krieg mit einem Scharmützel, über dessen Hergang bis heute keine Einigkeit herrscht.

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Robert McNamara gab sich große Mühe, zum Ende seines Lebens mit sich ins Reine zu kommen. Er wolle dazu beizutragen, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert nicht die Fehler des 20. wiederholt, sagte der US-Verteidigungsminister unter Kennedy und Johnson in einem der ausführlichen Interviews, die er vor seinem Tod 2009 gab. „160 Millionen Menschen sind im 20. Jahrhundert in bewaffneten Konflikten gestorben. Wir müssen ehrlich mit unseren Fehlern umgehen, damit das nicht noch einmal passiert.“

Als einen der größten Fehler, daran ließ McNamara keinen Zweifel, begriff er im Alter den Vietnam-Krieg, den er unter Johnson maßgeblich mitzuverantworten hatte. Und deshalb sprach er auch schon 2003 in Errol Morris’ Dokumentation „Fog of War“ unverblümt davon, wie die Johnson-Administration die Nation in diesen völlig vermeidbaren und sinnlosen Konflikt gedrängt hatte.

Das hörte man damals in den USA nicht gerne, denn gerade hatte ein anderer Präsident das Land in einen anderen sinnlosen Krieg gestürzt. Deshalb verhinderte die NSA auch 2004 noch die Publikation einer internen Untersuchung, aus der deutlich hervorging, dass der Kriegsvorwand gegen Vietnam 1964 nicht weniger fabriziert war, als der 31 Jahre später gegen den Irak. McNamara sagte trotzdem damals schon deutlich, was zwei Jahre später offiziell wurde: Die Attacke nordvietnamesischer Schnellboote auf den US-Zerstörer Maddox am 4. August 1964, die Lyndon B. Johnson die Unterstützung des Kongresses sicherte, um offiziell in den Krieg einzutreten, hatte nie stattgefunden.

Die USS Maddox kreuzte damals seit dem 31. Juli im Golf von Tonkin, ihr Auftrag war nach offizieller Sprechweise die Aufklärung. Die USA hatten zu jener Zeit rund 15 000 Leute – zumeist Berater und Ausbilder – in Südvietnam, um dessen Regierung zu stützen, die sie selbst nach dem Staatsstreich gegen Ngo Dinh Diem auf den Thron gehoben hatte.

Noch immer herrscht Unklarheit über den Beginn

Am 2. August kam es dann tatsächlich zu einem Scharmützel mit nordvietnamesischen Booten. Über den Hergang des Gefechts herrscht jedoch bis heute keine Einigkeit. Laut der „Pentagon Papers“ – jener geheimen Aufzeichnungen des Verteidigungsministeriums, die Whistleblower Daniel Ellsberg 1971 an die Presse weitergab – hatte die Maddox auf einen Torpedo-Angriff der nordvietnamesischen Schiffe reagiert und das Feuer eröffnet.

Die interne Untersuchung der NSA, die 2005 veröffentlicht wurde, zeigt hingegen, dass der Kommandant der Maddox, Kapitän Herrick, gezielt die nordvietnamesische Seehoheit verletzt hatte. Zudem geht aus dem Bericht hervor, dass es nicht die Nordvietnamesen, sondern die Amerikaner gewesen waren, die das Feuer eröffneten.

Die amerikanische Öffentlichkeit glaubte jedoch zunächst die Geschichte von der vietnamesischen Provokation. Der Druck in Washington auf Johnson wuchs, etwas zu unternehmen. Doch vorerst ordnete Johnson lediglich an, dass die Maddox und ein zweiter Zerstörer, die Turner Joy, noch tiefer in nordvietnamesische Gewässer eindringen. Ziel war es, auszuloten, wie bereit Hanoi war, den Konflikt eskalieren zu lassen.

Am 4. August erreichte dann Robert McNamara die Meldung von Admiral Grant Sharp, dass ein weiterer Torpedo-Angriff auf die Maddox stattgefunden habe. Doch die Fakten erschienen McNamara widersprüchlich und verwirrend. „Wir haben zehn Stunden damit zugebracht, zu versuchen herauszubekommen, was da wirklich passiert ist.“ In einer Tonbandaufzeichnung des Gesprächs zwischen Sharp und McNamara ändert Sharp mehrmals seine Aussage darüber, wie viele Torpedos der Sonar-Mann der Maddox nun tatsächlich gehört hatte. Auf die Nachfrage von McNamara, ob er denn sicher sei, dass der Sonarist tatsächlich Torpedos gehört habe, antwortete Sharp: „Ja, Sir. Glaube ich zumindest.“ Tatsächlich, das weiß man heute, hatte der übereifrige Marineangehörige am Sonar bloß Wind und Wellen gehört.

Der Vietnam-Krieg begann als "Polizeiaktion"

McNamara berichtete Johnson dennoch mit Gewissheit, dass es einen Angriff gegeben habe. Nun hatte Johnson seinen Grund, loszuschlagen. Am nächsten Tag befahl er Luftangriffe auf Nordvietnam. Am 7. August erhielt Johnson dann vom Kongress grünes Licht, in Südostasien militärische Operationen durchzuführen, ohne formell Krieg erklären zu müssen. Der Vietnam-Krieg begann als „Polizeiaktion“.

Lyndon B. Johnson hatte von Beginn seiner Amtszeit an – nach der Ermordung Kennedys im November 1963 – keinen Hehl aus seiner Haltung in Sachen Vietnam gemacht. Kennedy hatte bereits begonnen, die Truppen in Südostasien abzubauen, er wollte bis 1965 das US-Militär aus Vietnam abziehen. Johnson bestand jedoch darauf, sich schon in seiner Antrittsrede klar „für die Freiheit des vietnamesischen Volkes“ auszusprechen. In einem Telefonat mit McNamara ließ er keinen Zweifel daran, dass die Domino-Theorie des Kalten Krieges für ihn blutiger Ernst war: „Wenn wir Südvietnam fallen lassen, dann geht die gesamte Region an die Kommunisten.“

Das frappierende an den neueren Veröffentlichungen über den Vorfall ist allerdings nicht einmal so sehr, dass alle Beteiligten seinerzeit bewusst über die dünne Faktenlage hinweg gesehen haben. Viel haarsträubender ist, dass man sich vollkommen im Klaren darüber war, was man tat.

Johnson selbst sagte schon im Sommer 1965 – laut Dokumenten, die dem Journalisten Tom Wells in die Hände fielen – in einem Privatgespräch, dass „unsere Jungs da draußen wahrscheinlich auf Wale geschossen haben“. McNamara hatte von Anfang an Zweifel. In seinem Interview aus dem Jahr 2003 konnte er sich dafür nur damit entschuldigen, „dass wir eben manchmal nur sehen, was wir sehen wollen“.

2010 wurden dann insgesamt 1100 Seiten an Dokumenten des Senats-Außenausschusses von 1968 veröffentlicht. Aus ihnen geht klar hervor, dass die Senatoren damals genau wussten, wie die USA in diesen Krieg geraten waren. Der Vater des späteren Vizepräsidenten Al Gore, Senator Albert Gore Sr., sagte unmissverständlich: „Das Land und dieses Komitee wurden unter falschen Vorwänden in einen Konflikt gezerrt, der Tausende von Leben gekostet hat und der der moralischen Position unseres Landes in der Welt massiv schadet.“ Tatsächlich kamen gut 5,5 Millionen Menschen in dem Krieg um, davon 58 220 US-Bürger.

Trotzdem unternahm niemand etwas oder ging an die Öffentlichkeit. „Wir steckten einfach alle schon viel zu tief drin“, so McNamara. Die Angst, sich in einem extrem polarisierten politischen Klima zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, war bei den Politikern stärker als das Gewissen.

Weniger überraschend ist angesichts der jüngeren Erkenntnisse über die Machenschaften der NSA die Rolle, die sie im Verdecken von Johnsons losem Umgang mit den Fakten spielte. Der interne Bericht wurde nicht nur bis 2005 zurückgehalten, weil das politische Klima vorher unfreundlich war. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die NSA sich schon unmittelbar nach dem Tonkin-Zwischenfall daran machte, die Geschichte umzuschreiben. Die Aufnahmen abgehörter Originalfunksprüche des Nordens wurden vernichtet, Originaldokumente wurden stark redigiert.

Von woher die Weisungen dazu kamen, ist heute nicht mehr zu eruieren. Es spielt auch 50 Jahre später gar keine Rolle mehr. Ebenso bedeutsam wie bitter bleibt hingegen, dass die Einsicht und der Wandel, auf die Robert McNamara gehofft hatte, noch immer auf sich warten lassen.

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