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16. Mai 2013

Volker Beck: „Falscher Solidarisierungs-Reflex mit Pädophilen“

Volker Beck (52) ist Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion. Er sagt, dass auch die Schwulenbewegung in den 80er-Jahren ein Abgrenzungsproblem gegenüber Pädophilen gehabt habe.  Foto: dpa

Volker Beck, Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, spricht im Interview über den Einfluss der Pädophilen auf seine Partei. Er sagt, dass auch die Schwulenbewegung in den 80er-Jahren ein Abgrenzungsproblem gegenüber Pädophilen gehabt habe.

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Herr Beck, bis 1987 gab es bei den Grünen die Bundesarbeitsgemeinschaft „Schwule, Päderasten und Transsexuelle“, kurz BAG SchwuP. Die Pädophilen konnten in der Partei damals offenkundig im Windschatten der Schwulenbewegung segeln. Wie ist es dazu gekommen?

Es gab in den 70er- und 80er-Jahren eine breite gesellschaftliche Debatte über verschiedene Formen der staatlichen Repression. Dazu zählte nach damaliger Auffassung auch das Sexualstrafrecht, das noch viel moralischen Ballast mit sich herumtrug und in dessen Zentrum eben nicht der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung stand. Der Paragraf 175 etwa diskriminierte männliche Homosexualität, Vergewaltigung in der Ehe war nicht als Vergewaltigung strafbar, der Paragraf 182 schützte die Unbescholtenheit des Mädchens – wobei ihr Liebhaber straffrei ausging, wenn er sie heiratete. Es war klar, dass das Sexualstrafrecht reformiert werden musste. Nur wie, war nicht in allen Punkten geklärt.

Und die Grünen beteiligten sich mit Verve an der Debatte?

Ja, und zwar gemäß der grünen Kultur jener Jahre: Man hörte sich erst mal jeden und alles an. Auch die absurdeste Forderung wurde nicht sofort abgebügelt, sondern in aller Länge diskutiert. So konnten eben auch Pädophile ihre Forderung zur Diskussion stellen, den Paragrafen 176 abzuschaffen, der sexuelle Handlungen mit Kindern unter Strafe stellt. Hinzu kam, dass relevante Teile der Sexualwissenschaft jener Zeit dem Mythos aufsaß, dass man unterscheiden könne zwischen einvernehmlichen pädophilen Kontakten und dem sexuellen Missbrauch von Kindern. Diese Sichtweise wurde auch in der politischen Schwulenbewegung rezipiert. Die fühlte sich als Opfer eines Repressionssystems. Deshalb gab es zunächst einen falschen Solidarisierungs-Reflex mit den Pädophilen.

Sie selbst waren damals auch offen für diese Argumente. In einem Sammelband erschien 1988 ein Aufsatz, in dem Sie für die Entkriminalisierung von einvernehmlichen Sexualkontakten mit Kindern eintraten.

Dieser Aufsatz ist gegen meinen Willen vom Herausgeber redigiert worden. Meiner Erinnerung nach fiel Pädophilen-kritisches weg, anderes wurde aufgepeppt. Aber auch in dieser verfälschten Fassung wandte sich der Text eindeutig gegen die Forderung, das Sexualstrafrecht abzuschaffen. Gleichwohl war auch ich in jener Zeit in dem Irrtum gefangen, dass sexueller Missbrauch und manche pädophile Handlungen unterschiedliche Tatbestände seien.

Wann haben Sie den Irrtum erkannt?

1988/89 haben mir neue Forschungen und die Arbeit von Opferhilfe-Organisationen die Augen geöffnet. Seitdem sage ich ganz klar: Praktizierte Pädophilie ist in jedem Fall ein Verbrechen. Auch in der politischen Schwulenbewegung hat man viel zu lange über die strukturelle Asymmetrie der Erwachsenen-Kind-Beziehung hinwegschwadroniert.

Sie sind 1985 in die Partei eingetreten und 1987 als Schwulen-Referent der Fraktion nach Bonn gekommen. Können Sie sich noch an Debatten in der BAG SchwuP erinnern?

Ich war da nur ein, zwei Mal. Und zwar mit dem Ziel, diese Struktur zu überwinden. Nachdem klar war, dass das von innen heraus nicht gelingt, bin ich mit einem Antrag unseres Landesarbeitskreises Schwule Baden-Württemberg zum Bundeshauptausschuss marschiert. So hieß damals der Kleine Parteitag der Grünen. Ich wollte erreichen, dass die BAG SchwuP nicht offiziell anerkannt wird, was auch nie geschehen ist. Stattdessen wurde, wie von mir angeregt, die BAG Schwulenpolitik ins Leben gerufen. Damit war das Thema erledigt.

Was waren das für Leute, die sich in den 80er-Jahren bei den Grünen für Pädophile stark machten? Waren die praktizierende Pädophile – oder traten sie aus generellen Erwägungen offen für deren Forderungen ein?

Meines Wissens haben sich nur wenige davon selbst als Päderasten bezeichnet.

Sind die Pädophilen bekennend durch Bonn gelaufen und haben sie Einfluss auf die Partei- und Fraktionsgremien ausüben können?

Zu meiner Zeit jedenfalls nicht mehr. Wie gesagt, ich war erst ab 1987 in Bonn. Ob die da vorher in Erscheinung getreten sind, weiß ich nicht. Erfolg hätten sie zumindest nicht gehabt, denn auch die erste grüne Bundestagsfraktion hat deren Forderungen zum Sexualstrafrecht keineswegs aufgegriffen, sondern vielmehr Initiativen gegen sexuellen Missbrauch gestartet. Ich möchte auch betonen: Die grüne Partei war in dieser Hinsicht nur Ort der Diskussion, aber nie Ort der Taten.

Gleichwohl hat es im Landesverband NRW 1985 einen Parteitagsbeschluss gegeben, wonach sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern straffrei sein sollten.

Es hat einen Beschluss gegeben, in dem eine entsprechende Minderheitsmeinung dokumentiert war. Sie war auch ausdrücklich als solche gekennzeichnet. Die Sache schlug gleichwohl riesige Wellen, die Partei korrigierte den Fehler umgehend und strich die missverständlichen Passagen aus dem Programm. Doch auch wegen dieser Angelegenheit verpassten die NRW-Grünen 1985 den Einzug in den Landtag. Trotz dieser Debatten können sich die Grünen aber auf die Fahnen schreiben, dass sie den sexuellen Missbrauch von Kindern in der Bundesrepublik überhaupt erst zum Thema gemacht haben. Schon 1984, ein Jahr nach dem Einzug in den Bundestag, gab es dort eine Große Anfrage unserer Fraktion. Unter der rot-grünen Regierung wurde später das Sexualstrafrecht in diesem Bereich sogar verschärft. Vor allem grüne Feministinnen haben über viele Jahre hinweg in dieser Hinsicht Druck gemacht.

Der Grünen-Vorstand hat beschlossen, dass ein Wissenschaftler den Einfluss der Pädophilen auf die Partei der frühen Jahre untersuchen soll. Bekommen Sie Fracksausen angesichts der Bundestagswahl?

Die Vorgänge, um die es geht, liegen 30 Jahre zurück. Sie wurden im Laufe der Zeit immer wieder diskutiert. Auch jetzt gibt es wieder Nachfragen aus der Öffentlichkeit und aus der Partei. Ich finde es vernünftig, dass sich jetzt ein Forscher mit dem Thema systematisch auseinandersetzt. Vielleicht kann man danach besser verstehen, wie damals die Debatten liefen und wie man mit den Leuten umgegangen ist – wobei verstehen nicht billigen heißt. Ob allerdings noch etwas Sensationelles zu Tage gefördert wird, wage ich zu bezweifeln.

Das Gespräch führte Thorsten Knuf.

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