Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

26. November 2010

Volker Bouffier im FR-Interview: „Die Irrwege sind breit gewesen“

Positioniert sich im FR-Interview rechts: Volker Bouffier.  Foto: Andreas Arnold

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier plädiert im Interview mit der Frankfurter Rundschau für Integration, aber gegen Multikulti. Es müsse eine Politik gefunden werden, die in der Lage sei, für alle Seiten eine friedliche und erfolgreiche Zukunft zu gestalten.

Drucken per Mail
Zur Person

Volker Bouffier (58) ist seit 31. August 2010 Ministerpräsident in Hessen. Schon im Juni folgte er Roland Koch im Amt des CDU-Landesvorsitzenden. Seit 1999 war Bouffier Innenminister, weshalb die Polizeiaffäre ihre Schatten auf den Landeschef wirft. Zuletzt wurde er zu einem der vier Vizes der Bundesparteichefin Angela Merkel gewählt.
Im FR-Interview äußert Bouffier Verständnis für islamfeindliche Haltungen. Zu Mobbingvorwürfen bei der hessischen Polizei sagt er nur, in seiner Amtszeit habe sie sich zu einer der erfolgreichsten Polizeien im Land entwickelt.pit

Herr Bouffier, wie sieht eine konservative Integrationspolitik aus?


Aus meiner Sicht gibt es keine konservative Integrationspolitik. Es gibt entweder eine kluge oder eine unkluge. Wir müssen eine Politik finden, die in der Lage ist, für alle Seiten, für die angestammte Bevölkerung und für die, die später zu uns gekommen sind, eine friedliche und erfolgreiche Zukunft zu gestalten. Das kann nur gelingen, wenn es einen Kompass gibt, wo man hin will, sonst wird das ein Irrweg. Die Irrwege sind breit gewesen. Die Faszination einer Multikulti-Gesellschaft ist hoffentlich überholt. Das vertritt ernsthaft ja niemand mehr.

Ist denn Multikulti nicht Realität in diesem Land?


Nein, Multikulti ist nicht Realität. Die meisten Bürger empfinden das nicht als Bereicherung. Sie empfinden das als Bedrohung. Als Bedrohung ihrer Identität. Was heißt denn Multikulti? Das ist ein Schlagwort.

Dass wir vielfältige Kulturen im Lande haben!


Wir haben größtenteils ein Nebeneinander. Teilweise haben wir sogar ein Gegeneinander. Wenn Sie das politisch gestalten und nicht einfach nur betrachten und lyrische Artikel darüber schreiben wollen, lautet die Frage: Wo können Sie irgendetwas tun, um aus diesem Nebeneinander ein Miteinander zu machen?

Sie haben in einem Interview vor „Massenzuwanderung“ aus der Türkei gewarnt. Nun ist ja die Realität eine ganz andere. Wir haben mehr Rückwanderung in die Türkei als Zuwanderung von dort. Sind das nicht Äußerungen, die eine unberechtigte Angst schüren?


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.


Die Frage in dem Interview lautete, ob durch Zuwanderung die Folgen der demografischen Entwicklung ausgeglichen werden können. Das kann nicht vernünftig sein. Dann hätten Sie Größenordnungen zwischen einer halben Million und einer Million, die Sie dann bräuchten. Das würde unser Land überfordern. Deshalb ist das völlig unsinnig, wenn man den Menschen erklärt, durch Zuwanderung könne man die Folgen der demografischen Entwicklung ausgleichen. Man kann durch Zuwanderung die Folgen dämpfen. So rum wird ein Schuh draus. Im Moment ist weder die Massenzuwanderung noch die Massenrückwanderung unser Thema.

Ist der Islam Teil von Deutschland, wie Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat?


Er ist Teil unserer Realität, ganz sicherlich. Er ist nicht die Grundlage unseres Landes. Es gibt Gebiete, da ist er wenig spürbar und augenfällig. Und es gibt Gebiete, da ist er deutlich auch im Stadtbild erkennbar.

Finden Sie das gut?


Es ist eine Realität und eine Herausforderung. Man muss das nicht bejubeln.

Teilen Sie die Auffassung, dass der Islam die Weltherrschaft anstrebt, wie Hessens CDU-Fraktionsvize Hans-Jürgen Irmer sagt?


Man muss verstehen: Wenn von Islam die Rede ist, erfahren unsere Bürger aus den Medien das in den letzten Jahren in der Regel mit Blut, mit Terror und Tod. Die friedliche Religion des Islam ist nicht das, was unsere Bürger wahrnehmen. Wenn Menschen ständig Angst davor haben, dass sie irgendwo hochgebombt werden im Namen Allahs, dass sie dann eine kritische Haltung zu diesem Thema einnehmen, ich glaube, das kann jeder verstehen.

Zu den Bürgern gehören ja auch welche, die Muslime sind – die einerseits mit den Vorurteilen leben müssen, andererseits genau so bedroht sind wie alle anderen!


Ich habe vor sieben oder acht Jahren im hessischen Landtag eine Rede gehalten. Darin habe ich darauf hingewiesen, dass niemand stärker leidet als die Islamgläubigen. Niemand zahlt einen größeren Blutzoll. Als der Terror für uns in Deutschland noch weit weg schien, sind in Algerien mehr Menschen umgekommen im Rahmen des islamistischen Terrors als bei allen späteren Anschlägen, die große Schlagzeilen gemacht haben.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Deutsche Banken

Wenn die Deutsche Bank wankt

Von  |
Nicht mehr die Macht der Deutschen Bank bedroht die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche.

Heute bedroht nicht die Macht der Finanzkonzerne die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche. Ihr Fall könnte die gesamte Volkswirtschaft mit in die Tiefe reißen. Der Leitartikel.  Mehr...

Fremdenfeinde

Die Hassgesänge werden lauter

AfD-Plakat: "Jeder kann sich mal im Ton vergreifen".

Immer hörbarer werden die Stimmen der gesellschaftlichen Klimavergifter, immer brutaler die Angriffe ihrer Anhänger. Doch noch sind die Storchs, Kudlas, Broders nicht die Mehrheit. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung