Ich hasse Politik. Ich hasse Politik, weil es mich immer wieder verstört, wenn Menschen von ihr regelrecht besessen oder geblendet sind. Gesund ist das nicht. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe Barack Obama gewählt. Und ich bin sehr glücklich, dass er heute die Regierungsgeschäfte übernimmt und sich daran macht, die desaströsen Folgen der Politik von Bush und seinen Buddies zu beseitigen.
Nur ist er inzwischen zu einer Pop-Ikone von fast außerirdischer Strahlkraft verklärt worden: Cool, charismatisch, jung, dynamisch, ein großer Performer, nicht nur ein Welt-Präsident, nein, gleich der Welten-Retter soll er sein.
T.C. Boyle, 60, zählt zu den einflussreichsten zeitgenössischen US-Schriftstellern. In seinen Büchern ist er oft Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen, die er in dem ihm eigenen satirischen Stil nachzeichnet - sei es in "America", seinem Roman über illegale Einwanderer, oder in seiner Bilanz der Umweltbewegung ("Ein Freund der Erde").
In dem neuen Roman "Die Frauen" ( Anfang Februar bei Hanser) beschreibt er Licht und Schatten im Leben des US-Star-Architekten Frank Lloyd Wright und seiner vier Frauen.
Vom 13. bis 21. März kommt Boyle auf Lesereise nach Deutschland (Infos: www.tcboyle.de). Die Frankfurter Rundschau bringt demnächst ein großes Interview mit Boyle.
Aus der großen Frustration über die Verwüstungen unter Bush sind nun gigantomanische Erwartungen an seinen Nachfolger erwachsen. Die Leute treiben es auf die Spitze, projizieren all ihre Hoffnung auf eine ikonische Vorstellung eines Mannes, von dem sie nun nichts weniger als eine Welt-Revolution erwarten: Alles, wirklich alles soll sich ändern.
Ich misstraue Ikonen. Das habe ich oft in meinen Romanen beschrieben, ganz gleich, ob ich den Gesundheits-Guru John Harvey Kellog, den Sexual-Befreier Alfred Kinsey oder jetzt den visionären Star-Architekten Frank Lloyd Wright beschreibe. Es gibt immer auch eine dunkle Seite hinter den strahlenden Fassaden.
Bei Politikern ist meine Skepsis besonders groß. Weil mir immer wieder solche begegnen, die mir nicht nur Entscheidungen verkünden, sondern die mir gleich noch weismachen wollen, sie könnten mich ins Gelobte Land führen.
Politiker sind für mich keine Helden, schon gar nicht, wenn sie mir Erlösung versprechen wollen. Künstler können uns vielleicht Erlösung verschaffen. Aber Politiker?
Meine Helden heißen John Coltrane oder meinetwegen auch Mickey Rourke, den ich bewundere, weil er in seinem neuen Film einen heruntergekommenen Ringer gibt und dabei so authentisch wirkt, dass es wehtut. Menschen, die uns bewegen, mitreißen, zum Lachen bringen und uns manchmal helfen, aus dieser verrückten Welt für einen Moment auszubrechen.
Nun darf man fairerweise nicht vergessen, dass die realitätsfremden Erwartungen an Obama zu großen Teilen mit Bush und seiner verheerenden Politik zu tun haben. Ich bin mir sicher: Jeder andere demokratische Kandidat hätte diese Wahl gewonnen. Obama ist insofern anders, weil er jung und dynamisch ist und weil ihn vorher niemand kannte.
Realistisch betrachtet, dürfte es mindestens eine Generation dauern, bis die Altlasten der Bush-Administration abgetragen sind. So gesehen ist es nicht nur grotesk, es ist auch unfair, all die zu lösenden Probleme auf den Schultern nur eines Mannes abzuladen - als könnte irgendjemand diesen gegenwärtigen Schlamassel beseitigen.
Selbst Madeleine Albright, als ehemalige Außenministerin der USA wirklichkeitserprobt, hat neulich schon mal eine umfangreiche To-Do-Liste für Obama aufgestellt, für die drängendsten Probleme: Die Finanzkrise und zwei heiße Kriege beenden, Guantánamo schließen, Al Kaida nicht aus den Augen verlieren, das Ansehen der USA in der Welt wieder herstellen.
Am Ende ihrer Wunschliste sprach sie auch die "Klima-Politik" an. Das kennen wir schon: In Zeiten von ökonomischen Talfahrten wird der Umweltschutz als Erstes ausgebremst. Wir lieben zwar die Umwelt. Aber wir können sie uns dann doch nicht ohne Auto- und Ölindustrie vorstellen.
Wenn ich erst Diktator der USA wäre - und von Deutschland gleich mit - würde ich ein Gesetz verfügen, das vorschreibt, dass innerhalb von fünf Jahren alle Autos mit Wasserstoff betrieben werden müssten. Surreal? Die Technologie existiert bereits. Allerdings gibt es in ganz Kalifornien zurzeit nur drei Tankstellen, die diese Autos versorgen können. Es ist zudem eine sehr aufwändige, komplizierte Technik. Aber was meinen Sie, wie schnell die Autodesigner das umsetzten, wenn sie per Gesetz dazu verpflichtet wären.
Zur Erinnerung: Im Zeitraum des Zweiten Weltkriegs wurden die Propellermaschinen von Jets abgelöst, die Atombombe wurde erfunden. Fossile Brennstoffe würden unsere Umwelt nicht verschmutzen, man würde vielen Terroristen das Geld abziehen, die Welt wäre ein besserer Platz. Aber das wäre nun wirklich eine Utopie.
In den vergangenen acht Jahren war ich für viele Freunde in Europa oft eine Stimme des anderen Amerika. Bush und seine Gang haben die USA in eine Bananenrepublik verwandelt. Das hat in mir eine Wut und moralische Empörung entfacht, die ich immer wieder artikuliert habe.
Heute also tritt mein schlimmster Feind ab. Ein paar Stunden noch, dann ist es geschafft. Ich werde mir Obamas Amtseinführung ansehen, vermutlich in einer Bar, dazu ein paar Drinks bestellen und vor Freude platzen - Freude darüber, dass die acht Jahre jener zynischen Administration, die unser Land in den Bankrott geführt hat, endlich vorbei sind.
Wie wird mein Leben künftig verlaufen, wenn ich mich nicht täglich über Bush aufregen muss? Vielleicht werde ich einfach Spaß haben, am Strand vor meiner Haustür spazieren gehen und auf das Beste hoffen: darauf, dass Obama nicht an den utopischen Erwartungen zerbricht, dass er uns aber doch mit der Macht, die ihm tatsächlich zur Verfügung steht, aus diesem Morast zieht, in dem wir seit acht Jahren stecken.
Aufgezeichnet von Martin Scholz
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