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05. August 2014

Waffen in den USA: Der große Treck der Waffenfirmen

 Von 
Freundliches Klima im Süden: Die National Rifle Association trifft sich in Houston, Texas.  Foto: rtr

Die Waffenfirma Beretta, die seit bald 40 Jahren in Accokeek Pistolen für die US-Armee und Gewehre für die Jagd baut, zieht nach Tennessee, wo Politik und Gesellschaft gegenüber Waffen viel aufgeschlossener sind.

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Seit vier Jahren schneidet Michael Gilmore den Waffenmachern von Accokeek die Haare. Damals dachte der 36 Jahre alte Afroamerikaner, der ein bemerkenswert spitzes Kinnbärtchen trägt, es sei eine gute Idee, einen Frisiersalon am Rande des Indian Head Highway zu betreiben. Entlang der dreispurigen Schnellstraße im Süden des Bundesstaats Maryland war zwar wenig Kundschaft außer den Waffenmachern zu erwarten. Aber wenigstens die würden kommen, um sich frisieren zu lassen und sich die Wartezeit mit ein wenig Kraftsport auf der Hantelbank zu vertreiben, die in Gilmores Salon steht.

So kam es auch, und Gilmore sagt, dass die Zeiten ganz in Ordnung seien, wenn man bereit sei, sieben Tage die Woche zu arbeiten. Aber es werde schlimmer kommen, viel schlimmer. Da sei er sich sicher, sagt Gilmore mit heiserer Stimme und fährt einem vielleicht sechs Jahre alten Jungen mit dem Rasierer über den Hinterkopf.

Vor einigen Tagen hat Gilmore lesen müssen, dass er womöglich mit seiner düsteren Prognose richtig liegt. Denn die Waffenfirma Beretta, die seit bald 40 Jahren in Accokeek Pistolen für die US-Armee und Gewehre für die Jagd baut, hat angekündigt, das Städtchen nahe der Hauptstadt Washington zu verlassen. Es heißt, mehr als 160 Arbeitsplätze fielen demnächst in Accokeek weg. Das wäre ein schwerer Schlag für die strukturschwache Region. Von Mitte 2015 an will Beretta die Waffenherstellung im Südstaat Tennessee aufnehmen. Dort sind – verkürzt gesagt – Politik und Gesellschaft viel aufgeschlossener als an der Ostküste der USA. Jedenfalls gegenüber Waffen.

Von Gilmores Salon sind es gerade einmal 200 Meter Fußweg bis zum Eingang der Waffenfirma. Die Angestellten, die an diesem Tag Ende Juli durch das Werkstor kommen, wollen nichts sagen – und auch die Geschäftsleitung schweigt. Es gibt nur eine Presseerklärung des Chefs. Generaldirektor Jeff Cooper formuliert darin etwas umständlich, dass er mit der Verschärfung der Waffengesetze im Bundesstaat Maryland nicht einverstanden sei und gar nicht anders könne, als die Produktion zu verlagern. Und weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass die Gesetze in Zukunft noch schärfer würden, sei der Plan erst recht vertretbar, schreibt Cooper.

Dass es jetzt so kommt, hat mit dem Blutrausch zu tun, in den Adam Lanza am 14. Dezember 2012 in der Grundschule von Sandy Hook in Newtown im Bundesstaat Connecticut verfiel. Der 20-Jährige erschoss mit einem halbautomatischen Sturmgewehr 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren sowie sechs Lehrer. Dann tötete er sich selbst. Es war ein Massaker, wie es selbst die Amerikaner, die an Amokläufe gewöhnt sind, noch nicht erlebt hatten.

Seither haben zahlreiche Bundesstaaten im Nordosten der USA ihre Waffengesetze zum Teil drastisch verschärft. In Maryland etwa, wo der demokratische Gouverneur Martin O’Malley noch bis Ende dieses Jahres regiert, dürfen inzwischen 45 verschiedene Arten von Sturmgewehren und 15 Pistolen-Typen nicht mehr verkauft werden. Magazine dürfen maximal zehn Kugeln enthalten. Wer eine Handfeuerwaffe erwerben will, muss Fingerabdrücke bei der Polizei hinterlassen.

In Houston zeigt auch Beretta, was es an Schrotflinten hat.  Foto: rtr

Viele Waffenliebhaber fühlen sich deswegen kriminalisiert. Und O’Malley, der als möglicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten gilt, hat vom Staatsparlament in Annapolis noch eine ganze Reihe zusätzlicher bürokratischer Hürden verabschieden lassen. Die Sprecherin des Gouverneurs, Nina Smith, sagt, aus den Gesetzen spreche der gesunde Menschenverstand, dass ein Staat alles tun müsse, um die Sicherheit in Schulen, Nachbarschaften und für Polizisten zu gewährleisten.

Eine Verwaltungsebene tiefer ist die Enttäuschung über den Abzug der Firma Beretta größer. In der Verwaltung des Landkreises Prince George’s County, zu dem Accokeek gehört, heißt es hinter vorgehaltener Hand, man sei in einem Dilemma. Einerseits sei es wichtig, dass Beretta bleibe. Andererseits könne man ja schlecht die Politik der Parteifreunde auf Bundesstaatsebene ablehnen. County-Sprecher Scott Peterson will offiziell aber nur sagen: „Wenn es etwas gegeben hätte, um die Beretta-Arbeitsplätze zu halten, glauben Sie mir, wir hätten es sofort gemacht.“

Es gab offenbar nichts. Das italienische Unternehmen Beretta, das nach eigenen Angaben seit fast 500 Jahren im Waffenbau-Geschäft ist, muss die neuen Gesetze als eine Art Kriegserklärung verstanden haben und zieht weg – wie eine Vielzahl anderer US-Hersteller, die den schärferen Waffengesetzen im Nordosten der USA und in manchen Westküstenstaaten schon ausgewichen sind oder das vorhaben.

Der zweite Grund für die Fluchtbewegung sind stark sinkende Verkaufserlöse. Als die Waffennarren in den USA nach dem Massaker von Newtown zeitweilig Sorge haben mussten, der Kongress in Washington werde den Zugang zu Gewehren und Pistolen auf Bundesebene stark einschränken, kam es zu regelrechten Hamsterkäufen, und die Hersteller freuten sich über den Umsatz. Doch schnell war klar, dass die Verschärfung der Gesetze für die gesamten USA ein Traum bleiben würde. Seither gehen die Erlöse wieder zurück – und die Suche nach billigeren Standorten hat begonnen.

Die Firma Colt, die aus Connecticut stammt, hat ihre Produktion in Florida ausgeweitet. Ruger lässt seine Waffen jetzt in Arizona und North Carolina bauen. Magpuhl ging nach Texas, HiViz nach Wyoming. Shield Tactical will von Kalifornien nach Texas umziehen, Kahr Arms aus dem Staat New York nach Pennsylvania, Stag Arms vielleicht nach South Carolina, wo schon PTR Industries und die Ithaca Gun Company Zuflucht gefunden haben. Remington will nach Alabama, Mossberg wiederum nach Texas. Und Beretta geht eben nach Tennessee.

Ein großer Treck der Waffenmacher hat begonnen. Es geht nach Süden und nach Westen, immer den besten Angeboten hinterher. Noch nie in der jüngeren Geschichte haben sich die US-Bundesstaaten einen derart harten Wettbewerb um die Waffenindustrie geliefert.

Rick Perry etwa, der konservative Gouverneur von Texas, besuchte im vergangenen Jahr die Beretta-Fabrik in Maryland. Er lockte mit Steuernachlass, billigen Arbeitskräften und einer allgemeinen Grundstimmung in der Gesellschaft, in der Waffen nicht verteufelt würden, sondern angehimmelt. Perry machte alles richtig. „Jeder will in den Süden“, sagt Brian Ruttenbur, der die US-Waffenindustrie als Analyst beobachtet: Dort herrsche eine angenehme gesetzgeberische Atmosphäre, dort seien die Löhne niedriger als an der Ostküste und vor allem auch die Steuern.

Perry machte also seine Sache gut, als er in Accokeek war. Doch Bill Haslam machte sie irgendwie besser. Der Gouverneur von Tennessee, ein Republikaner, macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Waffenlobby. Seit kurzem dürfen die Einwohner des Südstaates sogar geladene Waffen in ihren Autos aufbewahren. Haslam also, der auch schon Volkswagen in seinen Bundesstaat geholt hat, flog persönlich nach Italien. Dort umgarnte er die Berettas. Mit Erfolg, wie sich nun zeigt. Die Unternehmensleitung scheint Haslam zu vertrauen, dass er Gesetze wie jene in Maryland niemals unterzeichnen würde. Abgesehen davon, dass wahrscheinlich kein Politiker in Tennessee jemals auf die Idee käme, solche Gesetze überhaupt vorzuschlagen.

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Tausende von Arbeitsplätzen in der Waffenindustrie werden in den nächsten Monaten in den USA nach Süden und Westen umsiedeln. Der Nordosten dagegen wird Tausende von Arbeitsplätzen in diesem Industriezweig verlieren.

Darren McKinney betreibt am bisherigen Beretta-Standort Accokeek eine Imbissbude. Er sagt: „Viele Leute von Beretta kommen zu uns, weil wir so frische Sachen anbieten. Wie das künftig sein wird? Ich weiß es beim besten Willen nicht. Ich weiß nur, dass wir einen Verlust erleiden werden.“ Dann seufzt der 57 Jahre alte Mann und sagt: „Ich kann ja mit meinem Laden nicht einfach so auch nach Tennessee umziehen.“

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