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17. September 2014

Wahl in Brasilien: Utopie mit grünem Anstrich

 Von 
Jardim Sao Luis, ein Slum am Rande von Sao Paulo. Die vor sich hin stolpernde Wirtschaft Brasiliens hat hier ihre deutlichsten Effekte.  Foto: REUTERS

Die Gegenkandidatin der Amtsinhaberin hat gute Chancen, nächste Präsidentin von Brasilien zu werden

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Rio de Janeiro –  

Sie sei „starrsinnig wie ein Scheunentor“, sagte ihr Ehemann einmal feixend über sie. Als sie voriges Jahr jäh entschied, die Gründung einer eigenen Partei erst mal nicht weiterzuverfolgen und sich den Sozialisten anzuschließen, da bekränzte sie diese – durchaus sensationelle – Kehrtwende mit einem Zitat ihres Lieblingsdichters Thiago de Mello: „Wenn es keinen neuen Weg gibt, dann muss man eben eine neue Art des Laufens lernen“. Und das drückt eine Haltung aus, die alles andere als Starrsinn ist.

Es sind wohl ihre Gegensätze, die Marina Silva zur derzeit faszinierendsten Figur auf der politischen Bühne Brasiliens machen. Gegensätze, das heißt zunächst inhaltliche Widersprüche, und die nutzen ihre Gegner gnadenlos aus. Schließlich wird in einem Monat gewählt, und wenn die aktuellen Umfragen stimmen, dann würde Marina Silva spektakulär durchmarschieren bis zum Palácio do Planalto, dem Amtssitz des Staatspräsidenten in Brasília: mit satten zehn Prozent mehr als die Amtsinhaberin Dilma Rousseff, die ein zweites Mandat anstrebt.

Anziehende Gegensätze

Durch den Tod des Sozialisten Eduardo Campos bei einem Flugzeugabsturz rückte sie, die Stellvertreterin, plötzlich an die erste Stelle. Nach einer Schrecksekunde holen ihre Gegner nun kräftig aus – das ist der normale, banale Wahlkampf. Spannender ist die Frage, warum womöglich die Mehrheit der Wähler unter den 200 Millionen Brasilianern von den Gegensätzen der Marina Silva nicht abgeschreckt, sondern offenbar sogar angezogen werden.

Eine erste Antwort darauf gibt der Lebenslauf der schmalen 56-Jährigen mit dem strengen Haarknoten, deren dunkle Haut schon auf die soziale Herkunft verweist. Sie wuchs als Tochter eines Kautschuksammlers im Amazonas-Gebiet auf. Sie war Dienstmädchen, zeitweise wollte sie ins Kloster gehen, erst mit 16 lernte sie lesen und schreiben. „Jetzt hör’ ich auf, sonst fangt ihr noch an zu weinen“, sagte sie einmal scherzhaft, nachdem sie Freunden die vielen Krankheiten ihrer Jugend aufgezählt hatte. Zu den Spätfolgen gehört, dass die Mutter von vier Kindern bis heute alles Mögliche nicht verträgt. Kosmetik zum Beispiel: Ihr Leibfotograf hat immer ein Stück Rote Beete für sie parat. Als Lippenstift-Ersatz.

Angreiferin: Marina Silva.  Foto: REUTERS

Sie studierte Geschichte, wurde Lehrerin, gründete die Gewerkschaft in ihrer Heimat mit, sie kämpfte an der Seite des 1988 ermordeten Umweltschützers Chico Mendes. Sie trat in die Arbeiter-Partei ein, deren Chef, der Gewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva, sie 2003 als Umweltministerin berief, nachdem er Präsident geworden war. Vorher hatte sie die Ochsentour gemacht; ihr erster Wahlkampf-Spot 1986 soll gruselig schlecht gewesen sein. Später wurde sie dennoch gewählt. Mit 36 Jahren war sie die jüngste Senatorin in der Geschichte Brasiliens.

Krasser Gegensatz

Ein krasserer Gegensatz ist kaum denkbar: Von ganz unten nach ganz oben. Aber die brasilianische Gesellschaft liebt Aufsteiger; in der Summe der individuellen Erfolgskarrieren erblickt sie die kollektive Lösung aus den Fesseln der Armut und Rückständigkeit, die das Schwellenland Brasilien noch immer behindern. Nach der gleichen Logik sind auch Stehaufmännchen hoch angesehen. Selbst die, denen der Regenwald nicht so am Herzen liegt, denen genmanipuliertes Soja egal ist und denen die Ökonomie wichtiger als die Ökologie erscheint, zogen den Hut, als sie 2008 zurücktrat, nachdem Lula sie desavouiert hatte. Aber zwei Jahre später war sie wieder da, gestärkt und aufrecht: Gegen Lulas Kandidatin Rousseff trat sie für die Partei der Grünen an und holte sensationelle 19 Prozent.

Sie trennte sich schnell wieder von den Grünen, die in Brasilien ungeniert am Parteien-Gekungel teilnehmen. „Rede Sustentabilidade“, Netzwerk Nachhaltigkeit, sollte ihr eigener Verein heißen – ein sperriger, aber den Unterschied zur Parteienlandschaft deutlich markierender Name. Daraus wurde nichts. Sie bekam die absurd hohe Zahl von 492 000 Unterschriften nicht zusammen, die zur Gründung einer Partei nötig sind. Dilma Rousseff und ihr konservativer Gegner Aécio Neves müssen sich da die Hände gerieben haben. Dass die populäre Marina Silva nun Unterschlupf bei der – in Brasilien nicht sehr sozialistischen – Sozialistischen Partei suchte, kam andererseits deren Chef Eduardo Campos zupass. Zumal sie nur an seiner Seite für das unwichtige Vizepräsidenten-Amt kandidierte.

Aus der Sicht ihrer Gegner lag sie also in einer Art politischer Vollnarkose, aus der sie Mitte August umso vitaler und bedrohlicher aufsprang, als Campos ums Leben kam. Seitdem räumt sie in den Umfragen ab. Was natürlich nicht heißt, dass sie sich bis zur Wahl genauso stramm hält. Dennoch: Bei der jüngsten Elefantenrunde im Fernsehen schoss sich eine nervöse Rousseff auf die souveräne, ruhige Konkurrentin ein, die nicht aus der Fassung zu bringen war. Neves, der rechte Herausforderer, ist schon abgemeldet: Er hat bereits Probleme, Wahlkampf-Spenden aus der Industrie zu kriegen.

Die Energie des Zorns

Während der friedlich-fröhlichen Fußball-WM hat sich alle Welt gefragt, wo die politische Energie abgeblieben ist, die im Sommer 2013 eine Million Brasilianer gegen die dürftigen öffentlichen Schulen, die schäbigen Krankenhäuser, die teuren Busse und Bahnen, die grassierende Gewalt auf die Straße trieb. Nun gibt das Marina-Hoch die Antwort: Die Energie des Zorns hat sich von der Straße in den Wahlkampf verlagert.

Einer Umfrage vom Frühjahr zufolge wünschten 70 Prozent der Brasilianer einen Wandel. Brasilien wählt seit Jahrzehnten Utopien: In den Neunzigern die konservative der Geldwertstabilität und der Modernisierung, dann, mit Lula, die der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit. Rousseff dagegen verspricht nichts Neues, und Neves und Campos standen für nicht mehr als für die Optimierung des Alten. Einzig Marina Silva verkörpert eine Utopie. Die Frage ist nur: Welche eigentlich?

Verteidigerin: Dilma Rousseff. Paulo Whitaker/rtr  Foto: REUTERS

Was steckt hinter ihrer „neuen Politik“, von der sie so viel redet? Was hat es mit all den Sektoren und Strukturen, den Systemen und Strategien auf sich, von den Achsen, Agenden und Aktionen ganz zu schweigen? Die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde umzuschalten auf Nachhaltigkeit, wie soll das genau gehen? Wie wird sie es mit den Großfarmern halten, die ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften und für die sie ein rotes Tuch ist, beziehungsweise ein grünes?

Den alternativen Energien will sie den Vorzug vor der Förderung des Tiefsee-Öls geben, aber wie sollen dann die 47 Milliarden Euro bezahlt werden, auf die Rousseff-Gehilfen die Kosten von Marinas Wahlkampf-Ankündigungen addiert haben? Ist es nicht etwas sehr lapidar, darauf nur zu antworten, zurzeit verschwende der Staat sein Geld für die falschen Zwecke, man müsse es für die richtigen einsetzen?

Sie gehört einer evangelikalen Kirche an. Ist nicht auf ihr Betreiben die liberale Position der Partei zur gleichgeschlechtlichen Ehe aufgeweicht worden, nachdem ein religiöser Eisenfresser sie in der Schwulenfrage angegriffen hatte? Und was ist mit den 530 000 Euro, die sie seit 2011 an Vortragshonoraren kassiert hat – sie, die personifizierte Askese?

„Die Emotion übersteigert die Vernunft, die Symbole gewinnen die Dimension der Wirklichkeit, die von Träumerei abgelöst wird“, schnarrt Merval Pereira, der knochenkonservative Starkommentator des Globo-Konzerns. Die „Folha de S. Paulo“ äußert sich eher staunend über die „marinistische Mystik“. Dass sie sich der Rechten annähert, schade ihr nicht, weil die „symbolische Dichte“ ihres Prestiges alles überdecke: „Wie durch Zauberei verwandelt sich die Unbestimmtheit in Tugend.“
Auf eine neue Art zu laufen lernen: Das ist eben leichter gesagt als getan.

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