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30. August 2012

Wahlen in Angola: Freiheit oder Tod in Angola

 Von Johannes Dieterich
Eine Party im Miami Beach Nightclub in Luanda. Der Club gehört der Tochter des Präsidenten, dessen Familie an fast allen großen Unternehmungen des Landes beteiligt ist. Foto: Visum/Panos Pictures

In Angola stellt sich der seit 32 Jahren regierende Präsident erneut zur Wahl. Junge Oppositionelle wie der Rapper Ikonoklasta kämpfen für einen Wechsel. Aber das Regime unterdrückt den Wandel – mit Gewalt und auch mit Geld.

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Luanda –  

Vielleicht ist es ja heute schon so weit. Jedenfalls hat sich Luaty Beirao zur Feier des Tages schon mal von seinem Mohikaner-Schopf getrennt. Er fühle sich großartig, sagt der 30-jährige Rapper, als er aus dem klapprigen, nur von dicken Lackschichten zusammengehaltenen Taxi springt. Den ganzen Morgen habe er mit seiner Freundin verbracht: Es könnte schließlich „das letzte Mal“ gewesen sein. Für den Nachmittag hat die Oppositionspartei Unita zu einer Kundgebung aufgerufen. Nur ein Funke sei nötig, meint Ikonoklasta, wie sich Luaty als Künstler nennt, „und das Pulverfass explodiert“.

Auf dem staubigen Vorhof der Weltkirche für die Macht Gottes wird Ikonoklasta von sechs seiner engsten Freunde erwartet. Die Kirchgängerinnen, die ihre fülligen Hüften zu frommen Hymnen schwingen, ahnen nicht, mit welcher Absicht sich die jungen Männer im Schutz ihres Gotteshauses verabredet haben. Die Gruppe bildet den Kern einer Jugendbewegung, die das Regime des angolanischen Präsidenten Eduardo dos Santos nach dem Vorbild des Arabischen Frühlings zu Fall bringen will. „32 sind genug“ steht auf der Vorderseite der T-Shirts, die die Jungs in Anspielung auf die vielen Regierungsjahre des ergrauten Autokraten unter ihren Sweatshirts tragen. Auf der Rückseite steht: „liberdad ou morta“, Freiheit oder Tod. „Zugegeben: das klingt etwas zu martialisch“, sagt Ikonoklasta und lacht.

Wenn alles gut geht, wird der Praça da Independencia in der Hauptstadt Luanda an diesem Abend in einen Tahrir-Platz verwandelt. Nach der Unita-Kundgebung wollen die unabhängigen Regimegegner einfach auf der ansonsten verkehrsreichen Meile bleiben. „Mal sehen, was dann passiert“, sagt Luaty Beirao. Als politisches Nahziel hat sich die Jugendbewegung die Verschiebung der bevorstehenden Wahlen gesetzt. Diese Abstimmung, so Ikonoklastar, „ist korrupter als der Präsident selbst“.

Eine bloße Farce

„Ein Vulkan ist in mir ausgebrochen“, sagt Ikonoklasta.
„Ein Vulkan ist in mir ausgebrochen“, sagt Ikonoklasta.
Foto: Johannes Dieterich

Bei der Abstimmung handelt es sich um die erst dritte in der 37-jährigen Geschichte des südwestafrikanischen Staates. Als die Angolaner zum ersten Mal vor zwanzig Jahren zu den Urnen gingen, brach nach der Auszählung der Stimmen gleich wieder der Bürgerkrieg aus. Auch die Ergebnisse der Wahlen vor vier Jahren, bei denen die Regierungspartei MPLA auf angeblich über 80 Prozent der Stimmen kam, ließen an Glaubwürdigkeit alles zu wünschen übrig. Genau wie der bevorstehende Urnengang, der selbst nach den Worten des ehemaligen Premierministers Marcolino Molo eine bloße Farce werden könnte. „Wir leben in gefährlichen Zeiten“, sagt Molo, der noch immer der MPLA angehört: „Viel länger werden die Leute nicht mehr mit ansehen, was in diesem Land geschieht.“

Ikonoklasta und seine Freunde rücken zu Fuß in Richtung Praça da Independencia vor: Medienbewusst schiebt der junge Rapper den Rollstuhl seines einst an Kinderlähmung erkrankten Freundes. Es geht an Hotels wie dem Avalade vorbei, das seinen Gästen 500 US-Dollar pro Nacht abknöpft, und an Restaurants wie dem Ondah, in dem ein aufgemotztes Fläschchen Mineralwasser umgerechnet 50 Dollar kostet. In der Jaguar-Vertretung werden Limousinen zum Preis von einer halben Million Dollar angeboten, und die Porsche-Vertretung in der Friedrich-Engels-Straße ist bis auf einen Boxter, der bei den hiesigen Straßenverhältnissen beim besten Willen keine Verwendung findet, ausverkauft.

„In Luanda gibt es mehr Porsche Cayennes als Peugeots in Paris“, sagt Ikonoklasta. „Es ist, als ob sie uns provozieren wollten.“ Alle hundert Meter zeigt der Rapper auf ein neues Gebäude, das offenbar zum Imperium der Präsidentenfamilie gehört. Hier das fast fertige Interconti-Hotel, da der Dos-Santos-Villenkomplex in Miramar, dort die Kwanza-Bank mit ihrer Spiegelglasfront. „Es gibt hier kein einziges wichtiges Unternehmen, in dem die Präsidentenfamilie nicht ihre Finger hat“, schimpft ein Freund Ikonoklastas. Seit Jahren zählt der Erdölstaat zu den zehn Nationen der Welt mit den höchsten Wirtschaftswachstumsraten. „Angola muss weiter wachsen – und besser verteilen“, lautet der verblüffend ehrliche Wahlkampfslogan der MPLA.

Das verschwenderische Leben

Luaty Beirao ist in den herrschenden Kreisen Angolas bestens bekannt. Sein Vater war einer der engsten Freunde der Präsidentenfamilie, jahrelang stand er „Fesa“, der Privatstiftung des Staatschefs, vor. Sein vor sechs Jahren verstorbener Papa sei von den Allüren des Dauerpräsidenten allerdings zunehmend befremdet gewesen: „Er wollte aussteigen, die Habgier des Präsidenten-Clans war mit seiner Moral nicht mehr vereinbar.“

Obwohl seine gesamte Kindheit vom Bürgerkrieg begleitet wurde, wuchs Luaty ohne Entbehrungen auf. Die in Luanda versammelte Elite des Landes blieb vom fast 30 Jahre lang tobenden Waffengang, der mehr als eine halbe Million Menschen das Leben kostete, weitgehend unberührt. Angolaner, die es sich leisten können, leben verschwenderisch, sagt Ikonoklasta, der Bilderstürmer. Ihm selbst seien erst in späten Teenager-Jahren als Moderator einer Radiosendung, in deren Rahmen er mit Hip-Hop und dem Rapper MC Kappa in Verbindung kam, die Augen geöffnet worden. „Ich hatte keine Ahnung, wie Leute in den Ghettos leben. Und dass sie dermaßen klug und gebildet sein können.“

Entscheidend für die endgültige Politisierung des Bürgersöhnchens war ein Vorfall vor acht Jahren, als ein Junge in Luandas Straßen von Mitgliedern der Präsidentengarde tot geschlagen wurde – nur weil er einen Rap MC Kappas mit dem Refrain gesungen hatte: „Wir haben mehr Gewehre als Puppen und mehr Bierhallen als Bibliotheken“. Von diesem Tag an habe er gewusst, dass Musik „nicht so harmlos ist, wie ich das gedacht hatte“, sagt Ikonoklasta. Seitdem hält er mit seiner Wut nicht mehr zurück. „Ein Vulkan ist in mir ausgebrochen“, so einer seiner Raps aus jener Zeit: „Ihr könnt meinen zerbrechlichen Körper töten, doch mein Bewusstsein tötet ihr nicht.“

Das hört sich höchstens aus der Entfernung melodramatisch an. Als in mehreren nordafrikanischen Staaten ein Dauerpräsident nach dem anderen aus dem Amt gefegt wurde, reagierte auch die angolanische Regierung nervös. Wer arabische Frühlingsgefühle an den Atlantik bringen wolle, könne sich auf etwas gefasst machen, hieß es aus dem Präsidentenpalast. Dass das keine leere Drohung war, bekam Ikonoklasta am eigenen Leib zu spüren. Als der Rapper mit seinen neuen Freunden aus der Jugendbewegung im März des vergangenen Jahres erste Proteste organisierte, wurde er auf offener Straße zusammengeschlagen. Während einer Kundgebung im Mai dieses Jahres schlugen die Schergen der Regierungspartei ein weiteres Mal zu. Mit einer langen Platzwunde am Schädel wurde Ikonoklasta ins Krankenhaus eingeliefert.

Eher peinlich für das Regime verlief ein dritter Versuch, den Rapper zum Schweigen zu bringen. Als Luaty im Juni mit seinem Fahrrad im Gepäck nach Portugal flog, stopften Beamte des Sicherheitsdienstes eineinhalb Kilo Kokain in seine Reifen und informierten die Kollegen in Portugal über den angeblichen Drogenkurier. Womit die Schlapphüte nicht gerechnet hatten: Ein Flughafenangestellter in Luanda sah den Trick und warnte sein Idol Ikonoklasta. Der setzte sich noch vor dem Abflug mit dem portugiesischen Zoll in Verbindung – das fiese Arrangement flog auf. „Ohne meinen Fan“, lacht Luaty Beirao, „würde ich jetzt wohl für Jahre im Gefängnis schmachten.“

Inzwischen sind Ikonoklasta und seine Leute auf den Demonstrationszug der oppositionellen Unita-Partei gestoßen. Obwohl in Luandas Straßen an normalen Tagen zahllose Bleichgesichter zu sehen sind, ist der Rapper heute der einzige Weiße unter den Demonstranten. „Die neuen Einwanderer“, sagt er, „haben mit uns nichts am Hut.“ Rund 200 000 Portugiesen sind in jüngster Zeit in die einstige Kolonie zurückgekehrt, aus der ihre Eltern nach der Unabhängigkeit vor 37 Jahren geflohen waren. Die verblüffende Rückwärtsbewegung wurde durch die wirtschaftlichen Depression im „Mutterland“ ausgelöst. Nicht, dass die Kinder der Kolonialisten das Leben in Afrika wirklich angenehmer fänden. Es ist der angolanische Petrodollar-Boom, der die portugiesischen Ingenieure, Buchhalter und Bankangestellten anzieht. Ein neuer Kolonalismus bahne sich an, schimpft Ikonoklasta. Gemeinsam mit der angolanischen Elite seien die bleichen Gelegenheitssucher an der Erhaltung des Status Quo und nicht am politischen Wechsel interessiert – für sie sind auch 32 Jahre noch nicht genug.

In Xaba, einem mitten in Luanda gelegenen Slum, ist das anders. Wenn der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Rapper MC Kappa an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, rufen selbst Hausfrauen, die neben offenen Kloake-Rinnen ihre Wäsche aufhängen: „MC Kappa ist da!“ Xaba war meine Universität, sagt der Rapper, der vor fünf Jahren den Sprung aus dem Ghetto schaffte: „Hier habe ich alles gelernt, was ich zum Leben brauche.“

Die Rapper Ikonoklaster und Mc K im Studio.
Die Rapper Ikonoklaster und Mc K im Studio.
Foto: Johannes Dieterich

Es gibt Schlimmeres, als in Xaba zu leben – nämlich aus Xaba vertrieben zu werden. An der Tür jeder Hütte befindet sich eine Nummer: Sie bedeutet, dass das Gebäude zum Abriss frei gebeben wurde. Das Ghetto soll neuen Projekten der Elite Platz machen. Schrittweise werden Xabas Bewohner an die Peripherie der Stadt verpflanzt. Auf diese Weise verlören sie außer ihrer Hütte auch gleich ihren Job, sagt Ghetto-Bewohner Avelino Dias. Denn vom Stadtrand aus nach Luanda zu gelangen, sei nicht nur zu teuer, sondern auch zeitlich ausgeschlossen – der Trip über völlig verstopfte Straßen nehme mehrere Stunden in Anspruch. Dass sich mit den Wahlen etwas ändern könnte, hält der 20-Jährige für ausgeschlossen.

Schon sein Großvater habe unter einem gewissen Präsidenten dos Santos gelebt, ebenso sein Vater, sagt Avelino Dias. Er wolle nicht, dass auch sein Sohn noch den Mann erdulden müsse, sagt MC Kappa im oppositionellen Radiosender „Despertar“ (Erwachen), in dem sein Freund Ikonoklasta zweimal wöche ntlich eine Show mit Rap und politischen Debatten bestreitet. Schon seit Wochen gibt es in Ikonoklastas Sendung nur ein Thema: Wie die Regierungspartei MPLA die Wahlen manipuliert. Hörer rufen an, deren Namen nicht auf der Wählerliste stehen, andere wollen wissen, ob sie ihre Kinder zur Kundgebung mitbringen sollen (unter keinen Umständen!) oder lieber etwas zu essen (auf jeden Fall!). Gerne würde Ikonoklasta auch seinen neuesten Song spielen („Du hast schon unser Fleisch gegessen, warum willst Du auch noch unsere Knochen haben?“), hätte er sich nicht vorgenommen, die Radio-Plattform niemals für Werbung in eigener Sache zu missbrauchen.

„Wir kommen zurück“

Die Gegenseite hat da weniger Skrupel. Im staatlichen Fernsehen werden tagaus, tagein die Erfolge der Regierung gepriesen. Pünktlich zu den Wahlen eröffnet der Präsident die neue Strandpromenade Luandas. Dem staatlichen Fernsehen ist das eine mehrstündige Livesendung wert. Er könne sich nicht vorstellen, dass viele Angolaner der Opposition ihre Stimme geben, zeigt sich auch ein portugiesischer Diplomat von der Propagandawelle beeindruckt: „Die Leute suchen Stabilität. Sie sind müde vom Krieg und wollen ihre Ruhe haben.“

Inzwischen hat der Protestzug den Praça da Independencia erreicht. So viele Demonstranten habe er noch nie gesehen, sagt Ikonoklasta. Immerhin sind mehr als 8 000 Menschen gekommen. Ein Rapper bringt die Menge in Schwung, dann geht Oppositionschef Isaias Samakuva mit den Wahlmanipulationen der MPLA ins Gericht. Zum Entsetzen Ikonoklastas fordert der charismalose Mann am Ende seiner Rede alle auf, nun friedlich nach Hause zu gehen. Zurück bleibt lediglich Luaty Beirao mit seinen Freunden. „Das hat nichts zu bedeuten“, meint der Rapper auf dem Weg nach Hause trotzig. „Nach den Wahlen geht es erst richtig los. Wir kommen zurück.“

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