Berlin. Vier froschgrüne Kleinbusse - nicht gerade imposant, um ins Rennen um die Rückkehr an die Macht zu aufzubrechen. Mit einer "Deutschlandtour" quer durch die Republik sind die Spitzenkandidaten und Parteivorsitzenden der Grünen am Montag in die heiße Phase ihres Bundestagswahlkampfes gestartet.
Eine Million zusätzliche Wähler gegenüber der Europawahl wollen sie gewinnen. Vor allem aber wollen sie so zulegen, dass sie die freidemokratische Konkurrenz als dritte politische Kraft verdrängen. Gerade mal vier Millionen Euro haben die Grünen für diese Aufholjagd; ihr Wahlkampfetat ist damit der schmalste innerhalb der politischen Konkurrenz. Aber die Stimmung zum grünen Endspurtauftakt ist diametral zum Finanzbudget prächtig. Denn selten lief alles so rund.
Die jüngsten Umfragen sehen die Partei stabil auf einem zweistelligen Rekordhoch. Der eigene Mitgliederstamm wächst. Die Anhängerschaft ist jung und lässt sich bisher mit einem interaktiven Online-Wahlkampf bestens motivieren. Auch programmatisch sind die Grünen mit ihrem Green New Deal zur Schaffung einer Million neuer Jobs nicht schlecht aufgestellt. Da stecken sie mit gönnerhaften Seitenhieben auf die SPD auch schon mal weg, dass deren Spitzenmann Frank-Walter Steinmeier für seinen Deutschlandplan viel Grünes abkupfert.
Auch das Spitzenduo Renate Künast/Jürgen Trittin, zu rot-grünen Ministerzeiten noch in persönlicher Konkurrenz gegeneinander fauchend, hat sich Harmonie verordnet. Durch 173 Orte werden die beiden Spitzenkandidaten bei ihrer Deutschlandtour ziehen. Jeder für sich. Der arbeitsgeteilte Wahlkampf bedeutet schließlich doppelte Medienpräsenz: Trittin als "Mr. Atomausstieg", der auf Bahnhofsplätzen gelbe Sonnenblumen verteilt, Künast als "Die Anwältin" für Bürgerrechte und Verbraucherschutz, die auf Wochenmärkten Bioäpfel reicht.
Alles wäre also im grünen Bereich - wenn die Grünen nicht in dem leidigen strategischen Dilemma steckten, dass ihre Machtoption im Bund mit der chronischen Schwäche der SPD schwindet. Zur Schwachbrüstigkeit ihres erklärten Lieblingskoalitionspartners fällt den Grünen-Spitzenleuten mittlerweile nur lakonisches Achselzucken ein. Sie arbeiten längst strikt auf eigene Rechnung und versuchen aus dem rot-grünen Wechsel-Wähler-Milieu so viele Stimmen wie möglich aufs eigene Konto zu schaffen.
Mit angehaltenem Atem schauen die Grünen deshalb auf die Landtagswahlen am 30. August - vor allem in Thüringen und im Saarland. Wenn überhaupt, so die leise Hoffnung, könnte es dort ein bisschen Rückenwind geben, den schwarz-gelben Trend zu brechen. Vor allem könnten die Grünen zum Zünglein an der Waage werden und damit an Bedeutung zulegen. In Thüringen könnten sie beweisen, dass sie im Osten Fuß gefasst haben. Vor allem könnte es dort gelingen, den gordischen Knoten für ein rot-rot-grünes Bündnis zu durchschneiden.
Rot-Gelb-Grün im Saarland
Das käme den Grünen strategisch gerade recht, um nach Rot-Grün in Bremen und Schwarz-Grün in Hamburg eine dritte Farb-Option zu zeigen. Das Novum Rot-Rot-Grün wäre ein wichtiges Signal, um die innerparteiliche Linke damit zu versöhnen, dass die Grünen andernorts eher eine andere Konstellation anpeilen: eine rot-gelb-grüne Ampel mit dem "Lieblingsfeind" FDP im Saarland und Ende September womöglich im Bund. Und wenn die Grünen ihr Klassenziel, dritte Kraft zu werden, erreichen sollten, ließe sich mit einem rot-rot-grünen Trumpf in der Hand die - bisher unwahrscheinliche, aber von den Grünen nicht ausgeschlossene - andere Variante leichter ausspielen: Schwarz-Grün im Bund.
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