Der Schlips ist weg, der Blick forsch, am Kinn die Stoppeln eines Zweitage-Barts. Heiko Maas ist als "der neue Mann" in Szene gesetzt. Die Bilder des "neuen Ministerpräsidenten", die im Saarland gefühlt mindestens jeden dritten Plakatständer belegen, hat der Hamburger Fotograf Mathias Bothor geschossen, ein Imagekünstler, der sonst Mimen wie Robert de Niro oder Jodie Forster vor die Linse nimmt.
Ergebnis: Diesmal kommt Maas als Maas daher. Das ist der Unterschied. Nicht wie 2005, als sich der damals 37-jährige SPD-Herausforderer des zehn Jahre älteren CDU-Landesvaters Peter Müller hinter teils barocken Krawattenknoten und Staatsmann-Optik versteckte. Es seien nun "Bilder, auf denen ich mich selbst erkenne", sagt er zu dem Daniel-Craig-Image. "Ich sehe härter, erwachsener aus, nicht schöner."
Maas, den sie damals noch Polit-Leichtgewicht, Milchgesicht oder Zählkandidat nannten und der bei Müllers fulminantem Wiederwahl-Triumph wegen des bundesweiten Sturms von Agenda- 2010-Protesten eine Bauchlandung hinlegte, hat hart gearbeitet. An sich und an der Partei. Und: Er ist auf einmal die interessanteste Figur in dem Kampf um die Macht im kleinsten Flächenland der Republik.
"Neuer Ministerpräsident", das scheint tatsächlich in Reichweite, der erste rot-rote im Westen. Er kann Hoffnungsträger der Bundes-SPD in desolater Lage werden. Oder ein weiterer Sargträger.
Maas ist anders. Anders zumindest, als man sich einen Regierungschef des Saarlandes gemeinhin vorstellt. Jenes Polit-Biotops an der französischen Grenze, wo das "Wir-Gefühl" ausgeprägter ist als anderswo, wo die Rest-Republik manchmal noch "das Reich" genannt wird, und wo man feiert, wenn es was zu feiern gibt. Und sonst auch.
Maas trinkt. Ein Bier, hier auch wieder eins. Muss er. Ehrensache. Hat ihm ein SPD-Ortsvorsteher aus der Nachbarschaft spendiert. In Neunkirchen, der alten Stahlstadt und SPD-Hochburg, zelebrieren die Sozis das "Wir-Fest", auf dem Stumm-Platz, der wirklich so heißt.
Maas, der drahtige, mittelgroß gewachsene Mann mit der intellektuellen Aura, der Jurist mit Triathlon-Hobby, hält ganz gut mit. Es klappt viel besser als früher. "Er ist lockerer geworden", lobt einer von der bratwurstkauenden Basis. Man merkt Maas immer noch an, dass der obligatorische Gang durch die Reihen seine Passion nicht ist.
Poltern liegt ihm nicht
Der Körperkontakt mit den Leuten bleibt reduziert, er spricht freundlich, lacht auch mal, aber das Poltern, das Dröhnen, das Umarmen liegt ihm nicht.
Die "Polit-Talkshow" mit ihm als Spitzenkandidat auf der Bühne hat unter diesen Bedingungen nur Clip-Format gehabt; viel mehr als die Stichworte "Müller weg, bessere Bildungspolitik und keine Dumpinglöhne, erneuerbare Energien als Jobmotor" sind nicht drin. Später, im Auto unterwegs zu einem der letzen Basis-Termine in diesem Wahlkampf, wird Maas sagen: "So ist der Wahlkampf im Sommer." Jedenfalls im Saarland.
"Früher haben sie hier dem Lafontaine zugejubelt", ätzt ein Rentner mit Stoffbeutel an der Hand, ein eingefleischter CDU-Wähler, der den Maas-Auftritt beobachtet hat. "Damals war wirklich was los."
Es ist so: Noch immer muss Maas sich an "dem Oskar" messen lassen, dem Ex-Sozi, der hier elf Jahre lang ein beliebter Ministerpräsident war, Maas noch selbst zum Staatssekretär machte - und ihm dann die Karriere als Nachfolger verhagelte. Eine heikle Beziehung.
Maas startete im absoluten Stimmungsloch. Lafontaine hatte kurz vor der 99er Wahl sein Berliner Ministeramt hingeschmissen und die SPD verlassen. Doch inzwischen ist Lafontaines Schatten deutlich kleiner geworden. "Der Oskar" nimmt Licht weg, aber längst nicht mehr so viel wie befürchtet.
Eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als würde die Linke dank des Lafontaine-Bonus die Maas-SPD sogar noch übertrumpfen. Nach der Ankündigung, "der Oskar" wolle noch einmal Ministerpräsident an der Saar werden, hatten Umfragen die aus Ex-SPDlern, Gewerkschaftern und Alt-Linken zusammengewürfelte Lafontaine-Truppe sogar deutlich vor den Sozis eintaxiert.
Jetzt ist das Schnee von gestern. Die SPD liegt nach jüngsten Umfragen bei 26, die Linke bei 16 Prozent. Damit ist sicher: Lafontaine wird nicht in die Staatskanzlei zurückkehren, und ob der "Oskar-Effekt" ausreicht, die zuletzt durch Parteiaustritte und Querelen gebeutelte neue Partei wirklich deutlich über 15 Prozent zu hieven - das ist fraglich.
Lafontaine hat, wenn er sich unters Volk mischt, eine Art Retro-Wahlkampf geführt. So wie früher, beim Klinkenputzen in den 80er und 90er Jahren, hat er eine Polaroid-Kamera dabei. Damit lässt er sich mit den Leuten fotografieren und schenkt ihnen das Foto. Analoger Wahlkampf im digitalen Zeitalter.
Der saarländische Linken-Chef Rolf Linsler, auch ein gewesenes SPD-Urgestein und Ex-Verdi-Chef im Saarland, schätzt, dass "der Oskar" der Partei immer noch rund zehn Prozentpunkte mehr einbringt als sie aus eigener Kraft hätte. Es ist früh am Morgen, und der 66-Jährige besucht seine zwei jungen Männer aus der Parteizentrale, die vor dem Saarbrücker Hauptbahnhof Flugblätter verteilen.
Er macht in Optimismus - muss ja. "Zwanzig Prozent sind noch drin", sagt er. Die Zettelverteiler stellen erfreut fest, als hätten sie das gar nicht erwartet, dass ihr gedrucktes "Gradselääds (jetzt erst recht, Red.) - links wählen" gar nicht so schlecht weggeht. Die SPD noch überflügeln? Nicht mehr drin, wissen sie.
Aber Rot-Rot unter Maas, das wäre schon okay, wenn nötig, auch mit den Grünen. Die Parteiprogramm seine ja sehr ähnlich. "Und Maas", sagen sie, "ist ja nie in die Ypsilanti-Falle getappt." Der SPD-Kandidat hat nie ein Zusammengehen mit den Linken ausgeschlossen. Und Frank-Walter Steinmeier, der Parteichef aus Berlin, lässt ihn inzwischen auch nur zu gerne gewähren.
Rot-Rot im Saarland, so sein Kalkül, könne doch der Zünder für einen Positiv-Trend der Sozis im Bund werden. So verkündete er offiziell am Montag.
Und der konservative Saar-Regierungschef Peter Müller konnte sein Glück darüber kaum fassen. Müller, muss man wissen, hatte seinen eigenen Wahlkampf nämlich taktisch falsch angelegt. Er schoss sich zu Anfang auf das "Duell Müller-Lafontaine" ein, auf "Alt gegen Neu", auf den Kampf "des Volkstümlichen gegen den Volkstribun".
"Wer Maas wählt, bekommt Lafontaine"
Doch nun, da der "moderne", der intellektuelle Maas der Hauptgegner ist, Rot-Rot aber doch offizielle SPD-Linie, hat er die miefigen roten Socken wieder aus dem Wäschekorb geholt. "Rot-Rot verhindern", lässt er nun plakatieren. Maas sei ein "Heuchler", brüllte Müller am Mittwoch in die tobende Kongresshalle hinein, wo er vor tausenden CDU-Fans seinen Wahlkampf-Endspurt wie ein Popstar mit ohrengefährdendem Discosound einleitete. Und: "Wer Maas wählt, bekommt Lafontaine."
Visier runter, Bandagen an. Müller hatte sich die Kanzlerin für die letzte Schlacht gegen den surreal aufgebauten linken Gottseibeiuns geholt. Sie griff tief in die Demagogenkiste - wobei in Rechnung zu stellen ist: "Der Oskar" ist bei der Wahl seiner Waffen auch nicht eben zimperlich.
Angela Merkel stellte Lafontaine mit Erich Honecker auf eine Stufe. Wie "ein anderer Saarländer" sei der Linken-Chef ja auch Gegner der deutschen Einheit gewesen. "So einer darf 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht wieder etwas zu sagen haben", deklamierte sie, beifallumtost. Das Saarland, das Müllerland, das sei so schön, "das darf auf gar keinen Fall Rot-Rot in die Hände fallen".
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