Wladimir Putin kann schlagfertig und witzig sein, ein großer Redner ist aber er nicht. Am Donnerstag, zehn Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Russland, hatte Putin nun seinen ersten großen Wahlkampfauftritt vor rund 80.000 Menschen im Moskauer Luschniki-Stadion. Der Premier, der zurück in den Kreml wechseln will, hatte für seinen Auftritt einen populären Feiertag gewählt: Der 23. Februar, einst Tag der Sowjetarmee und heute „Tag der Vaterlandsverteidiger“, ist in Russland das Pendant zum Frauentag am 8. März. Männer werden beglückwünscht und beschenkt, die Arbeit ruht.
Pflichtveranstaltung für Staatsbedienstete
Für viele im Luschniki-Stadion glich der Feiertag freilich einem Arbeitstag: Offenbar wurden Staatsbedienstete mit mehr oder weniger sanftem Druck zur Teilnahme an der Veranstaltung verpflichtet. Davon zeugten etwa die vielen Lehrerinnen mittleren Alters und die Gespräche darüber, wo man sich denn nun als anwesend melden müsse. Ein Moskauer Universitäts-Rektor hatte seinen Mitarbeitern sogar schriftlich befohlen, zu erscheinen. Vor dem Stadion parkten ganze Buskolonnen aus der Provinz.
Die Kundgebung war auch als Antwort auf die Großdemonstrationen der Opposition gegen Wahlfälschungen gedacht. Seit Dezember hat diese Opposition in Moskau dreimal jeweils Zehntausende mobilisieren können, weitere Kundgebungen sind geplant. Pop-Prominenz stimmte das Publikum bei der Putin-Veranstaltung ein. Der Sänger Denis Majdanow etwa forderte dazu auf, Russland mehr Kinder zu schenken – angesichts des Durchschnittsalters der Anwesenden ein frommer Wunsch.
Wladimir Putin: "Ich träume davon, dass wir alle glücklich sind, jeder von uns“
Dann griff Fernsehkommentator Michail Leontjew wie immer Russlands Feinde an: die wünschten sich eine „Endlösung der Russenfrage“, sagte er, die Putin freilich verhindert habe. Als Wladimir Putin nach einer halben Stunde die Bühne betrat, gingen die ersten. Der Premier wählte einen ungewohnt emotionalen Ton, teils sogar eine blumige Ausdrucksweise.
Er sprach flüchtig von Missständen („Ungerechtigkeit, Durchstecherei, rüpelhafte Beamten“) und ausführlicher von seinen „Träumen“. „Ich träume davon,“, sagte Putin, „dass jeder in unserem Land, vom hohen Chef bis zum einfachen Bürger, der Wahrheit und seinem Gewissen folgt... Ich träume davon, dass in der Seele eines jeden die Hoffnung lebt, die Hoffnung auf ein besseres Los und auf Glück. Ich träume davon, dass wir alle glücklich sind, jeder von uns.“ Das klang, als ob Putin die Rhetorik Barack Obamas nachahmte.
„Die Schlacht um Russland geht weiter, der Sieg wird unser sein!“
Vertrauter hörten sich die martialischen Verweise auf das Datum an. „Wir sind ein Siegervolk. Das liegt in unseren Genen“, sagte Putin und zitierte Verse des Dichters Lermontow auf den Heldentod vor Moskau – verfasst mit Blick auf den Kampf 1812 gegen Napoleon. „Die Schlacht um Russland geht weiter, der Sieg wird unser sein!“, schloss Putin. Da drängte die Masse schon zum Ausgang. Ob Putin seine Beredsamkeit noch steigern kann, ist fraglich. Fernsehdebatten weicht er aus. Aber seine Popularität ist ohnehin höher als die seiner Konkurrenten, die zur selben Zeit ebenfalls Kundgebungen in Moskau abhielten.
Diese Veranstaltungen fielen im Vergleich sehr klein aus. Kommunistenführer Gennadi Sjuganow versammelte nach Polizeiangaben 2000 Anhänger, der extreme Nationalist Wladimir Schirinowski 1500 Anhänger. Die Putin-Kundgebung wurde von der Polizei offiziell auf 130.000 Anhänger geschätzt.
Putin ist freilich nicht nur populärer als seine Rivalen im Präsidentschaftswahlkampf, sondern auch als die Kremlpartei, deren Vorsitzender er ist. Deren Symbolik hatte man aus dem gesamten Stadion verbannt.
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