Das Restaurant Kujiraya in Tokios Ausgehviertel Shibuya ist häufig ausgebucht. Schließlich verweist schon der Name auf die besondere Spezialität, die hier serviert wird: "Kujira" - Wal.
Vom Sashimi bis zur Grillplatte werden alle Gerichte aus dem Fleisch von Zwergwalen zubereitet. Die Wände schmücken Motive von Japans Jahrtausende alter Walfangtradition: Zwischen tobenden Wogen tanzen einfache Jollen, aus denen Männer mit Speeren einen gewaltigen Wal attackieren. Dass die Jagd auf die Meeressäuger heute kein Nahkampf zwischen Mensch und Natur mehr ist, sondern von schwimmenden Fleischfabriken aus mit modernster Ortungstechnik und ferngesteuerten Harpunen betrieben wird, verschweigt die Dekoration.
Früher war Island eines der aktivsten Walfangländer: Tausende Blau-, Finn-, Sei- und Buckelwale starben von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1989 in seinen Gewässern. Das Land profitierte vor allem vom Export von Walprodukten nach Japan. Zwischenzeitlich stoppte Island die Jagd auf Wale, nahm sie aber 2003 wieder auf.
Der EU-Aspirant Island dürfte in den nächsten Monaten bei den Beitrittsverhandlungen unter großen Druck geraten, die Jagd auf die Meeressäuger zu stoppen: In den EU-Staaten ist der Walfang strikt verboten. Um der Union beitreten zu können, muss Island den rechtlichen Besitzstand der EU übernehmen - und sich damit beim Walfang der Gemeinschaftslinie fügen. ( thk/FR)
Oslo ist nicht an das Walfangmoratorium der Walfangkommission gebunden, weil es formell Einspruch eingelegt hat. Norwegen beruft sich bei seinem Fang auf Jahrhunderte alte Traditionen.
Der Absatz macht aber Probleme: Die Nachfrage nach Walfleisch ist im Land niedrig. Und 2003 entdeckten norwegische Forscher im Fleisch gefangener Zwergwale alarmierend hohe Mengen an giftigem Quecksilber, PCB und DDT. Daraufhin empfahlen Mediziner schwangeren und stillenden Frauen in Norwegen, kein Walfleisch zu essen. Die hohen Belastungswerte torpedierten auch die Pläne, gelagerte Walspeckvorräte an Japan zu exportieren. Erst 2008 gab Japan der Einfuhr nordatlantischer Walprodukte grünes Licht. (FR)
Dass die Jagd und der Verzehr von Walen in den meisten Ländern der Welt geächtet ist, ficht die Japaner nicht an. Im Gegenteil: Der Protest scheint ihren Appetit an Walfleisch noch anzuregen.
Obwohl die Internationale Walfangkommission (IWC) die kommerzielle Tötung seit 1986 verbietet, lässt Tokio jedes Jahr zwischen November und März rund 1000 Wale harpunieren. Offiziell dienen die Expeditionen Forschungszwecken, doch da das Fleisch hinterher verkauft wird, muss Japan sich vorwerfen lassen, die Wissenschaft sei nur ein Vorwand. Schließlich hat sich die Menge des Walfleisches, das jährlich auf den Markt kommt, seit 1987 vervierfacht.
Frage nationaler Identität
In der japanischen Öffentlichkeit ist der Walfang zu einem Thema nationaler Selbstbehauptung geworden. Die Walfangbefürworter argumentieren, dass japanische Fischer seit dem 12. Jahrhundert Walfang betreiben und die Jagd damit eine traditionelle Lebensweise darstelle, die sich das Land nicht nehmen lassen dürfe.
Die Fischereibehörde bezeichnet den Verzehr von Walfleisch als "wichtigen Bestandteil der japanischen Kultur". Außerdem will Japan seine Expeditionen als Beitrag zur Arterhaltung verstanden wissen. Gerade weil Wal in Japan ein beliebtes Lebensmittel sei, habe das Land ein Interesse, die Tiere zu schützen und ihre Lebensweise zu erforschen, so die offizielle Position. Gejagt würden ohnehin nur Arten mit großen Beständen.
Keineswegs ein Leckerbissen
Waljagd-Gegner haben es schwer, Gehör zu finden. 2006 kam eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Befragung von 1047 Japanern zum Ergebnis, dass 35 Prozent eine Wiedereinführung des kommerziellen Walfangs befürworten, nur 26 Prozent waren dagegen. 39 Prozent hatten keine Meinung.
Unter jüngeren Japanern war die Ablehnung des Walschlachtens zwar deutlich höher, aber nur die wenigsten waren gut informiert - das Interesse an der Kontroverse ist gering. Die öffentliche Unterstützung für ihr Thema falsch eingeschätzt haben offenbar zwei Greenpeace-Mitarbeiter, die derzeit vor Gericht stehen. 2008 entwendeten sie eine angeblich von den Walfängern unterschlagene Portion Walfleisch, um sie der Polizei als Beweis zu übergeben. Nun sind sie wegen Diebstahls angeklagt.
Dabei gilt Wal keineswegs als Delikatesse. Die meisten Japaner haben erst nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen, Wal zu essen. In der Mangelwirtschaft waren die Meeressäuger, die auch in Küstengewässern vorkommen, eine billige und schnell zugängliche Proteinquelle.
Umfragen zufolge hat die Mehrheit der Japaner noch nie Wal gegessen. Um den Walverzehr wieder populärer zu machen, gründete die Regierung 2006 die Vertriebsgesellschaft Whale Labo, die das Fleisch vermarkten soll. Landesweit steht Wal nun in 3500 Schulkantinen auf dem Speiseplan. So soll offenbar sichergestellt werden, dass Restaurants wie das Kujiraya in Tokio nicht aussterben - auch wenn den Walen genau das droht.
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